Kinesio-Taping (elastisches Taping, Kinesiotape)
Die bunten Klebestreifen auf Schultern, Rücken und Knien kennt man von Sportlern. Dahinter steckt ein elastisches Baumwolltape, das – richtig angelegt – Schmerzen lindern, Muskeln und Gelenke unterstützen und die Heilung von Verletzungen begleiten kann, ohne die Bewegung einzuschränken. Wir setzen das Kinesio-Taping als ergänzenden Baustein in der orthopädischen und schmerztherapeutischen Behandlung ein.
Was ist Kinesio-Taping?
Das Verfahren wurde in den 1970er-Jahren vom japanischen Chiropraktiker Kenzo Kase entwickelt. Anders als klassische, unelastische Sporttapes, die ein Gelenk ruhigstellen, ist das Kinesiotape in Längsrichtung um etwa 130–140 % dehnbar – vergleichbar mit der Elastizität der Haut. Es besteht aus Baumwolle mit eingewebten Elastanfäden und einem wellenförmig aufgetragenen, wasserfesten Acrylkleber ohne Latex und ohne Wirkstoffe. Das Tape ist atmungsaktiv, kann 3–7 Tage auf der Haut bleiben und beim Duschen und Sport getragen werden. Die Farben haben keine unterschiedliche Wirkung – sie sind Geschmackssache.
Wie wirkt es?
Die Wirkung wird über mehrere Mechanismen erklärt, von denen einige gut belegt, andere eher Hypothese sind:
- Anhebung der Haut: Durch die Vordehnung des Tapes (oder der Haut beim Anlegen) entstehen Wellen, die die Haut leicht von der Unterhaut abheben. Dadurch sollen Druck auf Schmerzrezeptoren abnehmen und Lymph- und Blutfluss im Gewebe darunter verbessert werden – ein Effekt, der bei Schwellungen und Blutergüssen sichtbar wird.
- Propriozeptive Stimulation: Das Tape reizt die Dehnungs- und Berührungsrezeptoren der Haut. Nach dem Prinzip der „Gate-Control“ konkurrieren diese Signale im Rückenmark mit der Schmerzleitung und dämpfen sie; zugleich verbessern sie die Wahrnehmung der Gelenkstellung und die Muskelansteuerung.
- Muskeltonus: Je nach Anlagerichtung und Zug soll ein überlasteter Muskel entspannt oder ein geschwächter Muskel in seiner Funktion unterstützt werden.
- Gelenkführung und Korrektur: Korrekturanlagen lenken z. B. die Kniescheibe oder die Schulterblattstellung sanft in eine günstigere Position, ohne die Bewegung zu blockieren.
- Fasziale Effekte: Das Tape kann Bewegungsrichtungen von Haut und Faszien vorgeben und Verklebungen lösen helfen.
Anlagetechniken
- Muskeltechnik: I-, Y- oder Fächerstreifen entlang des Muskelverlaufs mit geringem Zug (10–25 %); vom Ursprung zum Ansatz zur Unterstützung, umgekehrt zur Entspannung
- Ligament-/Sehnentechnik: Streifen mit stärkerem Zug (50–100 %) über Band oder Sehne, Enden ohne Zug
- Korrekturtechnik: mechanische oder funktionelle Korrektur von Gelenk- oder Kniescheibenstellung
- Lymphtechnik: Fächerförmige Streifen ohne Zug über geschwollenen Regionen zur Abflussförderung
- Faszien- und Raumtechnik: Stern- oder Gitteranlagen („Cross-Tapes“) über Schmerzpunkten
Entscheidend ist die korrekte Anlage: Die Haut muss sauber, fettfrei und trocken sein, starke Behaarung wird gekürzt, die Enden werden abgerundet und ohne Zug angelegt, der Kleber wird durch Reiben aktiviert. Falsch angelegte Tapes (zu viel Zug, Falten, Enden unter Spannung) verursachen Hautreizungen und wirken nicht.
Anwendungsgebiete in unserer Praxis
- Rücken- und Nackenschmerzen, Verspannungen, Spannungskopfschmerz
- Schulter: Impingement, Instabilität, Kalkschulter nach Stoßwellentherapie
- Tennis- und Golferellenbogen
- Knie: Kniescheibenbeschwerden, Patellaspitzensyndrom, Arthrose, nach Operationen
- Sprunggelenk und Fuß: nach Bänderdehnung, Achillessehnenreizung, Plantarfasziitis, Hallux valgus
- Schwellungen und Blutergüsse nach Verletzungen, Lymphödem (begleitend zur Lymphdrainage)
- Haltungskorrektur, Kinder- und Jugendorthopädie (z. B. Morbus Scheuermann, Osgood-Schlatter)
- Schwangerschaft: Rückenschmerz und Beckenringbeschwerden – das Tape kommt ohne Medikamente aus
Was sagt die Wissenschaft?
Wir möchten ehrlich sein: Die Studienlage zum Kinesio-Taping ist gemischt. Systematische Übersichten (z. B. Cochrane-Review zu Rückenschmerz, Metaanalysen zu Schulter und Knie) finden meist eine kurzfristige Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung, die im Vergleich zu Scheinanlagen oft klein ist; ein überzeugender Beleg für eine Veränderung von Muskelkraft oder Heilung fehlt. Gut belegt ist der Effekt auf Schwellungen. Das Tape ersetzt deshalb keine Diagnostik und keine ursächliche Behandlung – es ist ein nebenwirkungsarmes Hilfsmittel, das viele Patienten als angenehm und stabilisierend empfinden und das die aktive Therapie (Physiotherapie, Training) unterstützen kann. Ob es Ihnen hilft, merken Sie in der Regel innerhalb der ersten Anlage.
Gegenanzeigen und Nebenwirkungen
- Offene Wunden, Hautinfektionen, Ekzeme, Sonnenbrand im Anlagebereich
- Bekannte Allergie gegen Acrylkleber (selten; Hautrötung und Juckreiz sind die häufigste Nebenwirkung)
- Akute Thrombose, unbehandelte Herzinsuffizienz oder Nierenerkrankung bei Lymphanlagen
- Sehr dünne, verletzliche Haut (hohes Alter, Kortison) – vorsichtige Anlage, kürzere Tragedauer
- Entfernen: am besten unter der Dusche oder mit Öl, in Haarwuchsrichtung, Haut dabei festhalten
Kosten
Kinesio-Taping ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen (Ausnahme: im Rahmen verordneter Physiotherapie durch den Therapeuten). In der Praxis wird die Anlage als Selbstzahlerleistung nach GOÄ berechnet, zuzüglich Material; private Krankenversicherungen erstatten in der Regel. Gern zeigen wir Ihnen, wie Sie einfache Anlagen selbst wiederholen können – das Tape erhalten Sie in Apotheke und Sanitätshaus.
Literatur
- Kase K, Wallis J, Kase T. Clinical Therapeutic Applications of the Kinesio Taping Method. 3rd ed. Kinesio Taping Association; 2013.
- Nelson NL. Kinesio taping for chronic low back pain: a systematic review. J Bodyw Mov Ther. 2016;20(3):672-681.
- Parreira Pdo C, Costa Lda C, Hespanhol LC Jr, Lopes AD, Costa LO. Current evidence does not support the use of Kinesio Taping in clinical practice: a systematic review. J Physiother. 2014;60(1):31-39.
- Lu Z, Li X, Chen R, Guo C. Kinesio taping improves pain and function in patients with knee osteoarthritis: a meta-analysis of randomized controlled trials. Int J Surg. 2018;59:27-35.
- Montalvo AM, Cara EL, Myer GD. Effect of kinesiology taping on pain in individuals with musculoskeletal injuries: systematic review and meta-analysis. Phys Sportsmed. 2014;42(2):48-57.
