Facharzt für Orthopädie · Osteologe (DVO) · Hamburg-Langenhorn

Osteomalazie

Knochengesundheit
Knochengesundheit

Osteomalazie: Diagnostik und Therapie

1. Definition und Pathophysiologie

Osteomalazie ist eine metabolische Knochenerkrankung, die durch eine unzureichende Mineralisation der Knochengrundsubstanz (Osteoid) gekennzeichnet ist. Sie betrifft primär Erwachsene und führt zu einer Erweichung der Knochen, was Schmerzen, Frakturanfälligkeit und Muskelschwäche verursacht. Die Hauptursache ist meist ein Vitamin-D-Mangel oder eine gestörte Phosphathomöostase.

Die Mineralisation der Wachstumsfuge und des Knochens benötigt immer ausreichende Mengen an Kalzium und Phosphat, um ein adäquates Körperwachstum und eine adäquate Knochenstärke zu gewährleisten. Bei Mangelzuständen nehmen Härte und Stärke des Knochens ab (Osteomalazie), mit typischen Veränderungen an der Wachstumsfuge (Rachitis als Erkankung des Kindesalters). Die vermeidbaren Komplikationen einer erworbenen Rachitis können lebensbedrohlich sein und sind auch deshalb ein global wichtiges Public-Health-Thema. Typische klinische Zeichen, Laborparameter und radiologische Veränderungen sollten zur unverzüglichen Diagnose führen. Erbliche und erworbene Formen der Rachitis wie X‑chromosomale Hypophosphatämie oder Hypophosphatasie werden, wie oftmals bei seltenen Erkrankungen, spät diagnostiziert.


2. Diagnostik

2.1 Anamnese und klinische Symptome

Patienten mit Osteomalazie berichten häufig über:

  • Knochenschmerzen, insbesondere in der Wirbelsäule, den Rippen, dem Becken und den proximalen Extremitäten
  • Muskelschwäche, vor allem in der proximalen Muskulatur, die zu Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Treppensteigen führt
  • Spontanfrakturen, insbesondere insuffiziente Pseudofrakturen (Looser-Zonen)
  • Gangstörungen durch schmerzhafte Knochenverformungen
  • Allgemeine Erschöpfung und Leistungsminderung

2.2 Körperliche Untersuchung

  • Druckschmerzhaftigkeit der Knochen, insbesondere über den langen Röhrenknochen
  • Gowers-Zeichen (Patient stützt sich beim Aufstehen mit den Händen an den Oberschenkeln ab) als Zeichen einer proximalen Muskelschwäche
  • Watschelnder Gang bei schwerer Beteiligung der Beckenmuskulatur

2.3 Labordiagnostik

Typische Laborveränderungen bei Osteomalazie:

  • ↓ 25-Hydroxyvitamin D (25-OH-D3): < 20 ng/ml (Mangel), < 10 ng/ml (schwerer Mangel)
  • ↑ Parathormon (PTH): Sekundärer Hyperparathyreoidismus aufgrund von Hypokalzämie
  • ↓ Serumkalzium (mild erniedrigt bis normal, da PTH gegengeregelt)
  • ↓ Serumphosphat (bei renaler Phosphatverlusterkrankung)
  • ↑ Alkalische Phosphatase (AP): Zeichen erhöhter Knochenumbauaktivität
  • ↓ 1,25-Dihydroxyvitamin D (bei chronischem Vitamin-D-Mangel oder Nierenerkrankung)
  • Evtl. Hypalbuminämie (z. B. bei Malabsorption)

2.4 Bildgebung

  • Röntgen:
    • Looser-Zonen (Pseudofrakturen) an Rippen, Femur oder Schambein
    • Verwaschene Knochenstruktur
    • Verstärkte Lordose, Kyphose oder Skoliose
  • Knochendichtemessung (DXA-Scan):
    • Normal oder leicht erniedrigte T-Werte (oft nicht so stark wie bei Osteoporose)
  • Knochenszintigraphie:
    • Zeichen eines gesteigerten Knochenstoffwechsels mit vermehrter Anreicherung in osteomalazischen Regionen
  • Knochenbiopsie (selten nötig):
    • Unmineralisierte Osteoidansammlungen (Goldstandard, aber selten durchgeführt)

3. Therapie

3.1 Ursachenbezogene Therapie

Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache:

a) Vitamin-D-Mangel (häufigste Ursache)

  • Vitamin-D-Supplementation:
    • Initial: Cholecalciferol (Vitamin D3) 20.000–50.000 IE/Woche für 8–12 Wochen
    • Erhaltungsdosis: 800–3.000 IE/Tag
    • Zielwert: > 30 ng/ml (75 nmol/l) 25-OH-D3
  • Kalzium-Supplementation:
    • Bei nachgewiesenem Mangel 1.000–1.500 mg/Tag
    • Natürliche Quellen: Milchprodukte, grünes Gemüse, Mineralwasser

b) Malabsorption (z. B. Zöliakie, Morbus Crohn)

  • Behandlung der Grunderkrankung (z. B. glutenfreie Diät, Therapie der entzündlichen Darmerkrankung)
  • Parenterale Vitamin-D- und Kalzium-Gabe bei schwerer Malabsorption

c) Chronische Nierenerkrankung

  • Aktives Vitamin D (Calcitriol 0,25–1,0 µg/Tag), da 1α-Hydroxylierung in der Niere gestört ist
  • Phosphatbinder (z. B. Sevelamer, Lanthancarbonat) bei erhöhtem Serumphosphat

d) Renale Phosphatverlusterkrankungen (z. B. X-chromosomale hypophosphatämische Rachitis)

  • Phosphatsupplementation (oral, fraktioniert über den Tag verteilt)
  • Aktives Vitamin D (Calcitriol oder Alfacalcidol) zur Verbesserung der Phosphat-Resorption

3.2 Symptomatische Therapie

  • Schmerztherapie:
    • NSAR oder Paracetamol bei milden Schmerzen
    • Bei starken Schmerzen evtl. Opioide (vorsichtige Dosierung)
  • Physiotherapie und Muskelaufbau:
    • Ziel: Vermeidung von Muskelatrophie und Verbesserung der Mobilität
  • Orthopädische Maßnahmen:
    • Orthesen oder Hilfsmittel zur Reduktion von Frakturrisiken

3.3 Verlaufskontrolle

  • Regelmäßige Laborkontrollen (Vitamin D, Kalzium, Phosphat, PTH)
  • Bildgebung bei Verdacht auf Frakturen oder persistierende Beschwerden
  • DXA-Messung in bestimmten Fällen zur Beurteilung der Knochengesundheit

4. Prognose

Bei frühzeitiger Diagnose und adäquater Therapie ist die Prognose günstig. Die Symptome bessern sich meist innerhalb weniger Monate nach Einleitung der Vitamin-D- und Kalzium-Supplementation. Unbehandelt kann Osteomalazie jedoch zu schweren Knochendeformitäten, dauerhaften Schmerzen und Mobilitätseinschränkungen führen.


5. Fazit

Osteomalazie ist eine häufig übersehene Ursache für Knochenschmerzen und Muskelschwäche, insbesondere bei älteren Menschen und Personen mit Malabsorptionssyndromen. Eine frühzeitige Diagnose mittels Labordiagnostik und Bildgebung ist essenziell, um irreversible Schäden zu verhindern. Die Therapie basiert auf der Korrektur der zugrunde liegenden Ursachen, wobei Vitamin-D- und Kalzium-Supplementation meist im Vordergrund stehen.

Wichtige Links:

Tischlinger, K., Högler, W. Verminderte Mineralisation des Knochens: Rachitis und Osteomalazie. Monatsschr Kinderheilkd 170, 169–182 (2022). https://doi.org/10.1007/s00112-021-01392-6

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