Sekundäre Osteoporose (Osteoporose durch Grunderkrankungen und Medikamente)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Sekundär“ heißt: Die Osteoporose (Knochenschwund) ist die Folge einer anderen Erkrankung oder eines Medikaments. Das ist mehr als eine Unterscheidung auf dem Papier – viele dieser Ursachen lassen sich behandeln, und erst dann wirkt eine Behandlung des Knochenschwunds richtig. Die Suche nach solchen Ursachen ist deshalb fester Bestandteil jeder Abklärung des Knochenschwunds.
2. Was ist das?
Ein Knochenschwund, der auf eine bestimmte Grunderkrankung, ein Medikament oder einen Faktor der Lebensweise zurückzuführen ist. Davon abgegrenzt wird der primäre Knochenschwund (nach den Wechseljahren oder im höheren Alter). Verdächtig auf eine sekundäre Ursache sind: Knochenschwund bei Männern, bei Frauen vor den Wechseljahren, ungewöhnlich niedrige Knochendichte für das Alter (der Vergleichswert mit Gleichaltrigen liegt bei −2 oder darunter), Knochenbrüche unter laufender Behandlung und auffällige Blutwerte in der Grunduntersuchung.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Bei Männern mit Knochenschwund findet sich in 40–60 % eine sekundäre Ursache, bei Frauen nach den Wechseljahren in etwa 20–30 %. Die häufigsten einzelnen Ursachen sind: Kortison, ein Mangel an Geschlechtshormonen (bei Männern), eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine Überdosierung von Schilddrüsenhormon, eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen, eine gestörte Nährstoffaufnahme im Darm (Zöliakie, also Gluten-Unverträglichkeit), Alkohol und die Zuckerkrankheit.
2.2 Ursachen und Entstehung
Je nach Ursache überwiegt ein gesteigerter Knochenabbau (Überfunktion der Nebenschilddrüsen, Schilddrüsenüberfunktion, Mangel an Östrogen oder Testosteron, Entzündung, multiples Myelom), ein gehemmter Knochenaufbau (Kortison, Zuckerkrankheit, Alkohol, Bewegungsmangel) oder eine gestörte Einlagerung von Mineralien in den Knochen (Vitamin-D-Mangel, gestörte Nährstoffaufnahme im Darm, Nierenschwäche, Medikamente gegen Epilepsie).
Die wichtigsten Ursachen im Überblick
- Hormone: Mangel an Geschlechtshormonen, Schilddrüsenüberfunktion, Überfunktion der Nebenschilddrüsen, Überschuss an körpereigenem Kortison (Cushing-Syndrom), Zuckerkrankheit Typ 1 und Typ 2, Überschuss des Milchbildungshormons Prolaktin, Mangel an Wachstumshormon
- Magen und Darm: Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zustand nach einer Magenoperation oder einer Operation zur Gewichtsabnahme, Milchzucker-Unverträglichkeit mit kalziumarmer Ernährung, eine bestimmte chronische Entzündung der Gallenwege in der Leber
- Nieren: chronische Nierenschwäche, Übersäuerung des Blutes durch eine Nierenstörung, erhöhte Kalziumausscheidung im Urin
- Rheuma und Entzündungen: rheumatoide Arthritis, entzündlich-rheumatische Erkrankungen der Wirbelsäule, Lupus (eine entzündliche Bindegewebserkrankung), chronisch-verengende Lungenerkrankung („Raucherlunge“)
- Blut und Knochenmark: multiples Myelom (eine Krebserkrankung des Knochenmarks), seine Eiweiß-Vorstufe, eine Vermehrung von Mastzellen im Körper, erbliche Blutarmut (Thalassämie)
- Medikamente: Kortison, Aromatasehemmer (bei Brustkrebs), Medikamente, die männliche Hormone unterdrücken (bei Prostatakrebs), Medikamente gegen Epilepsie, Magensäureblocker (bei langer Einnahme), bestimmte Antidepressiva, bestimmte Blutzuckermedikamente (Glitazone), Heparin (ein Mittel zur Blutverdünnung), stark wirksame Entwässerungstabletten, Überdosierung von Schilddrüsenhormon, Medikamente, die nach einer Organübertragung das Immunsystem unterdrücken
- Lebensweise und Sonstiges: Alkohol, Rauchen, Untergewicht und Essstörungen, Bettlägerigkeit, Organübertragung, Infektion mit dem Immunschwäche-Virus
3. Beschwerden
- Knochenschwund und Knochenbrüche wie bei der primären Form, aber oft in untypischem Alter oder beim untypischen Geschlecht
- Hinweise auf die Grunderkrankung: Gewichtsverlust, Durchfälle, Hitzeunverträglichkeit, Nierensteine, Verlust des sexuellen Verlangens, Muskelschwäche, Blässe, Knochenschmerzen
- Versagen der Behandlung: neue Knochenbrüche oder Verlust an Knochendichte, obwohl die Medikamente richtig eingenommen werden
4. Untersuchung
Ein gezieltes Gespräch (Medikamente, Grunderkrankungen, Ernährung, Alkohol, Erkrankungen in der Familie), die körperliche Untersuchung, die Knochendichtemessung und die Blut-Grunduntersuchung nach den Empfehlungen des Dachverbands der deutschsprachigen Knochen-Fachgesellschaften. Weitere Untersuchungen nur bei Hinweisen: Zöliakie-Antikörper, ein Test auf Kortison-Überschuss, die genauere Eiweißuntersuchung und die freien Leichtketten (Bruchstücke von Antikörpern) im Blut, Tryptase (ein Wert für Mastzellen), Kalzium im über 24 Stunden gesammelten Urin, Knochenumbau-Werte im Blut.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Knochendichtemessung; Röntgenbild der Wirbelsäule bei Verdacht auf einen Knochenbruch; bei Hinweisen auf ein multiples Myelom eine Computer-Röntgenschichtaufnahme des ganzen Körpers mit niedriger Strahlendosis; bei Überfunktion der Nebenschilddrüsen eine Ultraschalluntersuchung und eine Szintigraphie der Nebenschilddrüsen; bei Mangel an Geschlechtshormonen bei Bedarf eine Kernspin-Untersuchung der Hirnanhangsdrüse.
4.2 Blutuntersuchungen
Grunduntersuchung nach den Empfehlungen der Knochen-Fachgesellschaften: Blutbild, Entzündungswerte, Kalzium, Phosphat, Knochenstoffwechsel-Wert, Nierenwert Kreatinin und Nierenleistung, ein Leberwert, Natrium, Schilddrüsenwert, Eiweiß-Auftrennung im Blut, Vitamin-D-Wert, bei Männern Testosteron. Typische Befundmuster: erhöhtes Kalzium und erhöhtes Nebenschilddrüsenhormon weisen auf eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen hin; erhöhter Knochenstoffwechsel-Wert, niedriges Phosphat und niedriges Vitamin D auf eine Knochenerweichung; ein auffälliges Eiweiß in der Eiweiß-Auftrennung auf ein multiples Myelom; ein niedriger Schilddrüsenwert auf eine Schilddrüsenüberfunktion; ein auffälliges Blutbild oder auffällige Entzündungswerte auf eine Entzündung oder eine Erkrankung des Blutes.
5. Behandlung
An erster Stelle steht die Behandlung der Ursache: Entfernung der vergrößerten Nebenschilddrüse, glutenfreie Ernährung, Einstellung der Schilddrüse, Hormonersatz bei Mangel an Geschlechtshormonen, Absetzen oder Umstellen auslösender Medikamente, Verzicht auf Alkohol, Normalgewicht. Gleichzeitig die Grundmaßnahmen (Kalzium, Vitamin D, Bewegung, Vorbeugung von Stürzen) und bei entsprechendem Risiko für Knochenbrüche eine gezielte medikamentöse Behandlung des Knochenschwunds. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach der Grunderkrankung: zum Beispiel keine knochenschützenden Medikamente bei schwerer Nierenschwäche, Vorsicht mit dem Antikörper gegen Knochenabbau bei Neigung zu niedrigem Kalzium im Blut, bevorzugt knochenaufbauende Medikamente bei Kortison-Behandlung.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Blut-Grunduntersuchung, die Knochendichtemessung bei entsprechendem Risiko und die Behandlung der Grunderkrankung bezahlt die Krankenkasse. Weitere Blutuntersuchungen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse bei begründetem Verdacht ebenfalls.
6. Wie geht es weiter?
Wird die Ursache beseitigt, erholt sich die Knochendichte oft deutlich (zum Beispiel nach der Entfernung der vergrößerten Nebenschilddrüse oder unter glutenfreier Ernährung um 5–10 % im ersten Jahr). Bleibt die Ursache unerkannt, spricht die Behandlung des Knochenschwunds schlechter an. Deshalb gilt: Jeder Knochenschwund bei Männern und bei jüngeren Frauen und jeder Knochenbruch unter laufender Behandlung ist ein Anlass, nach der Ursache zu suchen.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen
8. Literatur
- Dachverband Osteologie (DVO). Leitlinie Osteoporose 2023 – Kapitel Basisdiagnostik und sekundäre Osteoporosen.
- Painter SE, Kleerekoper M, Camacho PM. Secondary osteoporosis: a review of the recent evidence. Endocr Pract. 2006;12(4):436-445.
- Hofbauer LC, Hamann C, Ebeling PR. Approach to the patient with secondary osteoporosis. Eur J Endocrinol. 2010;162(6):1009-1020.
- Ebeling PR, Nguyen HH, Aleksova J, et al. Secondary osteoporosis. Endocr Rev. 2022;43(2):240-313.
- Wikipedia, Artikel „Osteoporose“: Osteoporose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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