Multiples Myelom – Knochenbeteiligung (Plasmozytom, Myelomknochenkrankheit)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Myelom“ leitet sich vom griechischen Wort für Knochenmark ab, „multipel“ bedeutet vielfach: Das multiple Myelom ist eine Krebserkrankung des Knochenmarks mit vielen Herden im Skelett. Für den Knochenspezialisten ist es die wichtigste bösartige Erkrankung, die mit einer Osteoporose (Knochenschwund) verwechselt werden kann: Bei 80 % der Erkrankten ist das Skelett beteiligt, und bei jedem Dritten ist ein Knochenbruch oder ein Knochenschmerz das erste Anzeichen. Eine einfache Eiweiß-Auftrennung im Blut als Teil der Grunduntersuchung verhindert, dass die Erkrankung monatelang als „Osteoporose“ oder „Rückenschmerz“ behandelt wird.
2. Was ist das?
Eine bösartige Vermehrung von Plasmazellen (einer Art von Abwehrzellen) im Knochenmark. Die Krebszellen stammen alle von einer einzigen entarteten Zelle ab und bilden ein einheitliches Eiweiß – einen Antikörper (das sogenannte Myelom-Eiweiß) oder nur Bruchstücke davon (freie Leichtketten). Behandlungsbedürftig ist die Erkrankung nach den Regeln der internationalen Myelom-Arbeitsgruppe, wenn Organschäden nachweisbar sind: zu viel Kalzium im Blut, eine Nierenschwäche, Blutarmut oder Auflösungsherde im Knochen. Behandlungsbedürftig ist sie auch, wenn bestimmte Messwerte erreicht sind: mindestens 60 % Plasmazellen im Knochenmark, ein Verhältnis der Leichtketten von mindestens 100 oder mehr als ein umschriebener Herd in der Kernspin-Untersuchung. Vorstufen sind die Eiweiß-Vorstufe des Myeloms und das „schwelende“ Myelom, das noch keine Beschwerden macht.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Etwa 7.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland; das sind 1 % aller Krebserkrankungen und 10 % der bösartigen Erkrankungen des Blutes und des Knochenmarks. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 72 Jahren; Männer sind etwas häufiger betroffen. Die Eiweiß-Vorstufe findet sich bei 3 % der über 50-Jährigen; sie geht pro Jahr bei 1 % der Betroffenen in ein Myelom über. Schon die Vorstufe allein erhöht das Risiko für Knochenbrüche.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Myelomzellen geben Botenstoffe ab, die die knochenabbauenden Zellen anregen und zugleich die knochenaufbauenden Zellen hemmen. Der Knochen wird abgebaut und nicht ersetzt. Deshalb entstehen reine Auflösungsherde ohne verdichteten Rand, und die Herde reichern in der Knochenszintigraphie nicht an. Ein über das ganze Skelett verteilter Befall sieht aus wie eine Osteoporose. Abbauprodukte des Knochens fördern wiederum das Wachstum der Krebszellen (ein Teufelskreis). Die Leichtketten schädigen die Niere; die Verdrängung des gesunden Knochenmarks führt zu Blutarmut.
3. Beschwerden
- Knochenschmerzen (60–70 %), vor allem im Rücken und an den Rippen, abhängig von der Bewegung, nachts nachlassend
- Knochenbrüche ohne entsprechenden Unfall, Wirbelbrüche mit Verlust an Körpergröße, selten Zeichen einer Querschnittlähmung
- Müdigkeit und Blässe (Blutarmut), Anfälligkeit für Infekte (Mangel an wirksamen Antikörpern), Nierenfunktionsstörung, schäumender Urin
- Zu viel Kalzium im Blut: Durst, Übelkeit, Verwirrtheit, Verstopfung
- Hinweise in der Blutuntersuchung: sehr stark beschleunigte Blutsenkung, erhöhtes Eiweiß, Blutarmut, auffällige Nierenwerte
4. Untersuchung
Bei einer Osteoporose oder einem Wirbelbruch mit Warnzeichen (hohe Entzündungswerte im Blut, Blutarmut, erhöhter Nierenwert Kreatinin, erhöhtes Kalzium, erhöhtes Gesamteiweiß, Alter über 60 Jahre, Auflösungsherde im Knochen, untypischer Ort des Bruchs) werden die Eiweiß-Auftrennung im Blut, eine genauere Eiweißuntersuchung in Blut und Urin und die freien Leichtketten bestimmt. Zeigt sich das Myelom-Eiweiß, erfolgt die Überweisung an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Bluterkrankungen (Entnahme von Knochenmark, Untersuchung der Erbanlagen der Krebszellen, Feststellung der Ausbreitung).
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Computer-Röntgenschichtaufnahme des ganzen Körpers mit niedriger Strahlendosis ist die Standarduntersuchung des Skeletts (sie ersetzt die früheren Röntgenbilder aller Knochen); sie zeigt Auflösungsherde (am Schädel das Bild eines „Schrotschusses“), Brüche und die Stabilität der Knochen. Die Kernspin-Untersuchung des ganzen Körpers zeigt den Befall des Knochenmarks schon vor der Auflösung von Knochen; sie wird beim schwelenden Myelom und bei Verdacht auf eine Einengung des Rückenmarks eingesetzt. Die Stoffwechsel-Bildgebung dient der Beurteilung der Krankheitsaktivität. Die Knochenszintigraphie ist beim Myelom ungeeignet, weil die Herde reine Auflösungsherde ohne Knochenaufbau sind. Die Knochendichtemessung unterschätzt die Bruchgefahr, wenn der Befall auf einzelne Herde begrenzt ist.
4.2 Blutuntersuchungen
Blutbild, Blutsenkung (meist stark erhöht), Nierenwert Kreatinin und Nierenleistung, Kalzium, Gesamteiweiß und Albumin, Eiweiß-Auftrennung im Blut (Nachweis des Myelom-Eiweißes), genauere Eiweißuntersuchung in Blut und Urin, freie Leichtketten (Verhältnis von Kappa- zu Lambda-Leichtketten), Menge der Antikörper, Beta-2-Mikroglobulin (ein Eiweiß, das die Krankheitslast anzeigt), das Enzym Laktatdehydrogenase; Eiweiß im über 24 Stunden gesammelten Urin (Bence-Jones-Eiweiß). Der Knochenstoffwechsel-Wert im Blut ist typischerweise normal – das hilft bei der Abgrenzung von Tochtergeschwülsten anderer Krebsarten und vom Morbus Paget.
5. Behandlung
Behandlung der Krebserkrankung (durch Fachärztinnen und Fachärzte für Bluterkrankungen)
Kombinationen aus Medikamenten, die den Eiweißabbau in den Krebszellen blockieren (Bortezomib), Medikamenten, die das Immunsystem beeinflussen (Lenalidomid), Antikörpern gegen die Krebszellen (Daratumumab) und dem Kortison-Präparat Dexamethason. Bei geeigneten Patientinnen und Patienten eine hochdosierte Chemotherapie mit anschließender Rückgabe eigener Blutstammzellen. Bei einem Rückfall gentechnisch veränderte eigene Abwehrzellen oder Antikörper, die Abwehrzellen und Krebszellen zusammenbringen. Die Behandlung des Myeloms selbst verringert auch den Knochenabbau.
Behandlung des Knochens (bei allen Betroffenen mit Knochenbeteiligung)
- Zoledronat, ein knochenschützendes Medikament, 4 mg als Infusion alle 4 Wochen (Dosis an die Nierenfunktion angepasst) – senkt die Zahl der Knochenkomplikationen und verlängert nach den Daten einer großen britischen Studie das Überleben; nach 1–2 Jahren wird bei Rückgang der Erkrankung der Abstand auf 3 Monate verlängert
- Denosumab, ein Antikörper gegen Knochenabbau, 120 mg unter die Haut gespritzt alle 4 Wochen als gleichwertige Alternative, bevorzugt bei Nierenschwäche
- Vor Beginn Sanierung der Zähne beim Zahnarzt (Risiko einer Kieferknochenschädigung 1–5 %), Kalzium und Vitamin D ergänzen
- Bestrahlung bei schmerzhaften Auflösungsherden, drohendem Knochenbruch oder Einengung des Rückenmarks (Notfall: Dexamethason, Bestrahlung oder Operation innerhalb von 24 Stunden)
- Orthopädisch: vorbeugende Stabilisierung bruchgefährdeter Auflösungsherde (die Bruchgefahr wird mit einem Punktesystem abgeschätzt), Nagel im Markraum bei eingetretenem Bruch, Aufrichtung und Auffüllung schmerzhaft gebrochener Wirbelkörper mit Knochenzement (beim Myelom gut belegt), Stützschienen
- Schmerzbehandlung nach dem Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation, Krankengymnastik, Vermeidung von Bettlägerigkeit
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle Untersuchungen und Behandlungen bezahlt die Krankenkasse. Die Behandlung erfolgt in Zusammenarbeit mit einem Zentrum für Blut- und Krebserkrankungen.
6. Wie geht es weiter?
Das Myelom ist bislang nicht heilbar, ist aber zu einer langanhaltenden, behandelbaren Erkrankung geworden: Die mittlere Überlebenszeit beträgt heute 8–10 Jahre, bei günstigen Erbanlagen der Krebszellen länger. Knochenschmerzen und Knochenbrüche bestimmen die Lebensqualität wesentlich. Eine frühe Diagnose, die Behandlung mit knochenschützenden Medikamenten oder dem Antikörper gegen Knochenabbau und eine rechtzeitige Stabilisierung verhindern Querschnittlähmung und Bettlägerigkeit. Auflösungsherde heilen unter erfolgreicher Behandlung nur teilweise aus; das Risiko für Knochenbrüche bleibt erhöht.
7. Leitlinien
- Multiples Myelom – Onkopedia-Leitlinie
- Treatment of multiple myeloma-related bone disease: recommendations from the Bone Working Group of the International Myeloma Working Group
8. Literatur
- Terpos E, Zamagni E, Lentzsch S, et al. Treatment of multiple myeloma-related bone disease: recommendations from the Bone Working Group of the International Myeloma Working Group. Lancet Oncol. 2021;22(3):e119-e130.
- Rajkumar SV, Dimopoulos MA, Palumbo A, et al. International Myeloma Working Group updated criteria for the diagnosis of multiple myeloma. Lancet Oncol. 2014;15(12):e538-e548.
- Morgan GJ, Davies FE, Gregory WM, et al. First-line treatment with zoledronic acid as compared with clodronic acid in multiple myeloma (MRC Myeloma IX): a randomised controlled trial. Lancet. 2010;376(9757):1989-1999.
- Raje N, Terpos E, Willenbacher W, et al. Denosumab versus zoledronic acid in bone disease treatment of newly diagnosed multiple myeloma: an international, double-blind, double-dummy, randomised, controlled, phase 3 study. Lancet Oncol. 2018;19(3):370-381.
- Wikipedia, Artikel „Multiples Myelom“: Multiples Myelom (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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