Knochenmetastasen (ossäre Metastasen, Skelettmetastasen)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Knochenmetastasen sind Tochtergeschwülste einer Krebserkrankung im Knochen: Krebszellen aus einem anderen Organ haben sich im Knochen angesiedelt. Sie sind rund 30-mal häufiger als Tumoren, die vom Knochen selbst ausgehen. Für die Betroffenen bedeuten sie Schmerzen, die Gefahr von Knochenbrüchen und eine eingeschränkte Beweglichkeit. Für Orthopädinnen und Orthopäden sowie für Fachleute für Knochenerkrankungen gilt: Ein neuer Knochenschmerz bei einer bekannten Krebserkrankung – oder ein unklarer Befund am Knochen bei älteren Menschen – muss abgeklärt werden. Moderne Behandlungen, die gezielt am Knochen ansetzen, verhindern einen großen Teil der Folgeschäden.
2. Was ist das?
Knochenmetastasen sind Absiedlungen einer Krebserkrankung (meist eines Karzinoms, also eines bösartigen Tumors aus Deckgewebe) im Knochen. Nach der Art des Knochenumbaus unterscheidet man knochenabbauende Tochtergeschwülste (bei Krebs von Niere, Lunge, Schilddrüse und Brust sowie beim Knochenmarkkrebs, dem Multiplen Myelom), knochenanbauende Tochtergeschwülste (bei Krebs von Prostata und Brust sowie beim Karzinoid, einem seltenen hormonbildenden Tumor) und Mischformen. Als Folgeereignisse am Skelett gelten: ein Knochenbruch ohne angemessenen Unfall (weil der Knochen durch den Tumor geschwächt ist), eine Einengung des Rückenmarks, die Notwendigkeit einer Bestrahlung oder Operation sowie ein zu hoher Kalziumspiegel im Blut.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Bei fortgeschrittenem Brust- und Prostatakrebs treten Knochenmetastasen in 65–75 % der Fälle auf, bei Lungen- und Nierenkrebs in 30–40 %, bei Schilddrüsenkrebs in 60 %. Bevorzugte Stellen: Wirbelsäule (besonders Brust- und Lendenwirbelsäule), Becken, Rippen, die hüftnahen Abschnitte der Oberschenkelknochen und die schulternahen Abschnitte der Oberarmknochen sowie der Schädel; jenseits von Ellenbogen und Knie sind sie selten. In 20–30 % der Fälle ist die Knochenmetastase das erste Zeichen der Krebserkrankung, der Ursprungstumor ist dann zunächst unbekannt.
2.2 Ursachen und Entstehung
Krebszellen gelangen über das Blut (bevorzugt über ein Venengeflecht entlang der Wirbelsäule) in das blutbildende rote Knochenmark und nutzen dessen Umgebung für ihr Wachstum. Über Botenstoffe aktivieren sie knochenabbauende Zellen oder – beim Prostatakrebs – knochenaufbauende Zellen; die dabei freigesetzten Wachstumsstoffe fördern wiederum den Tumor. Der Schmerz entsteht durch Dehnung der Knochenhaut, kleinste Brüche, Druck auf Nerven und die Freisetzung von Entzündungs-Botenstoffen.
3. Beschwerden
- Schmerz (70 %): zunächst dumpf und nachts, später dauerhaft und abhängig von der Belastung; nächtlicher Schmerz, der sich in Ruhe nicht bessert, ist ein Warnzeichen
- Knochenbruch ohne angemessenen Unfall (10–30 %): Wirbelkörper, Oberschenkelknochen, Oberarmknochen
- Einengung des Rückenmarks oder der Nervenbündel am unteren Ende des Wirbelkanals (5–10 %): gürtelförmiger Schmerz, Schwäche der Beine, Gangunsicherheit, Störungen von Blase oder Darm – ein Notfall, der sofort behandelt werden muss
- Zu hoher Kalziumspiegel im Blut: Übelkeit, Durst, Verwirrtheit
- Blutarmut, Leistungsabfall; bei noch unbekanntem Ursprungstumor Gewichtsverlust und Nachtschweiß
4. Untersuchung
Bei einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte wird schon bei geringem Verdacht eine Bilduntersuchung veranlasst. Bei einem unklaren Knochenherd wird nach dem Ursprungstumor gesucht: Krankengeschichte, Untersuchung von Brust, Prostata, Schilddrüse und Haut; Prostata-Blutwert und Tumor-Blutwerte; Computer-Röntgenschichtaufnahme von Brustkorb und Bauch; bei Bedarf eine Stoffwechsel-Bildgebung. Eine Gewebeprobe wird vor jeder Behandlung entnommen, wenn das Ergebnis die Behandlung verändert – bei einem einzelnen Herd immer, um bösartige Tumoren auszuschließen, die vom Knochen oder Knorpel selbst ausgehen (Osteosarkom, Chondrosarkom). Die Gewebeprobe wird in Absprache mit dem Tumorzentrum entnommen, damit eine spätere Operation zur Entfernung des Tumors nicht erschwert wird.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Knochenszintigraphie dient der Suche im ganzen Skelett (sie erkennt knochenanbauende und gemischte Tochtergeschwülste sehr zuverlässig, rein knochenabbauende Herde und den Knochenmarkkrebs dagegen schlecht). Röntgenbild und Computer-Röntgenschichtaufnahme beurteilen Knochenauflösungen, die Zerstörung der äußeren Knochenschicht und die Bruchgefahr. Dafür gibt es ein Punktesystem (nach Mirels), das Lage, Schmerz, Größe und Art des Herdes bewertet – ab 9 Punkten wird der Knochen vorbeugend operativ stabilisiert. Die Kernspin-Untersuchung wird bei Befall der Wirbelsäule, Einengung des Rückenmarks und Befall des Knochenmarks eingesetzt. Die Stoffwechsel-Bildgebung (mit radioaktiv markiertem Zucker oder, beim Prostatakrebs, mit einem Prostata-spezifischen Marker) beurteilt den ganzen Körper. Die Knochendichtemessung ist zur Beurteilung von Tochtergeschwülsten ungeeignet.
4.2 Blutuntersuchungen
Kalzium (um den Eiweißgehalt des Blutes korrigiert), Phosphat, alkalische Phosphatase (ein Knochenstoffwechsel-Wert, der bei knochenanbauenden Tochtergeschwülsten erhöht ist), Kreatinin, Blutbild, Laktatdehydrogenase (ein Enzym, das bei Zellzerfall ansteigt); Tumor-Blutwerte je nach Ursprungstumor (Prostata, Darm, Brust, Schilddrüse); Vitamin-D-Wert im Blut vor einer Behandlung gegen den Knochenabbau; Auftrennung der Bluteiweiße zur Abgrenzung vom Knochenmarkkrebs.
5. Behandlung
Die Behandlung erfolgt gemeinsam durch mehrere Fachrichtungen (Krebsmedizin, Strahlenbehandlung, Orthopädie und Unfallchirurgie, Schmerzbehandlung, Knochenmedizin) mit dem Ziel: Schmerzfreiheit, Erhalt der Beweglichkeit, Vermeidung von Knochenbrüchen und Querschnittlähmung.
- Behandlung des Ursprungstumors im ganzen Körper (Hormonbehandlung, Chemotherapie, Immuntherapie und zielgerichtete Medikamente); radioaktive Stoffe, die sich im Knochen anreichern (Radium-223 beim Prostatakrebs)
- Medikamente gegen den Knochenabbau: das knochenschützende Medikament Zoledronat 4 mg als Infusion in die Vene alle 4–12 Wochen oder der Antikörper gegen Knochenabbau Denosumab 120 mg als Spritze unter die Haut alle 4 Wochen – sie verringern Folgeschäden am Skelett um 30–50 % und lindern Schmerzen; vorher die Zähne sanieren lassen, Kalzium und Vitamin D ergänzen; bei 1–5 % kommt es zu einem Absterben von Kieferknochen
- Strahlenbehandlung: bei schmerzhaften Tochtergeschwülsten (eine einmalige Bestrahlung mit 8 Gray ist ebenso wirksam wie eine in mehrere Sitzungen aufgeteilte Bestrahlung), nach einer operativen Stabilisierung und bei Einengung des Rückenmarks
- Operation: vorbeugende Stabilisierung bei drohendem Knochenbruch (Nagel im Markraum des Knochens, Verbund aus Platte oder Nagel und Knochenzement, künstliches Gelenk bei gelenknahen Tochtergeschwülsten); an der Wirbelsäule Entlastung des Rückenmarks und Stabilisierung oder Aufrichten und Zementieren des Wirbelkörpers; Lebenserwartung und Allgemeinzustand bestimmen, wie groß der Eingriff sein darf
- Zu hoher Kalziumspiegel im Blut: Flüssigkeit, Zoledronat (oder Denosumab, wenn knochenschützende Medikamente nicht mehr wirken), kurzzeitig das Hormon Calcitonin
- Schmerzbehandlung nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation, unterstützende Medikamente (das Kortison-Präparat Dexamethason; Mittel gegen Krampfanfälle, wenn ein Nervenschmerz-Anteil besteht), Stützschienen, Krankengymnastik, psychologische Begleitung bei Krebs, lindernde Versorgung (Palliativversorgung)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchungen, die Behandlung gegen den Knochenabbau, Bestrahlung, Operationen und Schmerzbehandlung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse; Hilfsmittel und Rehabilitation ebenfalls.
6. Wie geht es weiter?
Das hängt vom Ursprungstumor ab: Bei Brust- und Prostatakrebs leben viele Patientinnen und Patienten mit Knochenmetastasen noch Jahre (im Mittel 2–5 Jahre), bei Lungenkrebs meist Monate. Knochenmetastasen sind in der Regel nicht heilbar, aber Schmerzen und Folgeschäden lassen sich bei den meisten Betroffenen gut beherrschen. Eine Querschnittlähmung ist bei rechtzeitiger Behandlung (innerhalb von 24 Stunden nach den ersten Ausfällen) oft vermeidbar.
7. Leitlinien
- Bone health in cancer: ESMO Clinical Practice Guidelines
- AWMF 032-045 · Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen – Kapitel ossäre Komplikationen
→ Im AWMF-Register nach 032-045 suchen
8. Literatur
- Coleman R, Hadji P, Body JJ, et al. Bone health in cancer: ESMO Clinical Practice Guidelines. Ann Oncol. 2020;31(12):1650-1663.
- Coleman RE. Clinical features of metastatic bone disease and risk of skeletal morbidity. Clin Cancer Res. 2006;12(20 Pt 2):6243s-6249s.
- Mirels H. Metastatic disease in long bones: a proposed scoring system for diagnosing impending pathologic fractures. Clin Orthop Relat Res. 1989;(249):256-264.
- Stopeck AT, Lipton A, Body JJ, et al. Denosumab compared with zoledronic acid for the treatment of bone metastases in patients with advanced breast cancer: a randomized, double-blind study. J Clin Oncol. 2010;28(35):5132-5139.
- Chow E, Harris K, Fan G, Tsao M, Sze WM. Palliative radiotherapy trials for bone metastases: a systematic review. J Clin Oncol. 2007;25(11):1423-1436.
- Wikipedia, Artikel „Knochenmetastase“: Knochenmetastase (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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