Tumorschmerz (Krebsschmerz, cancer pain)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Tumorschmerz ist Schmerz im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung („Tumor“ ist das lateinische Wort für Geschwulst). Seine Behandlung ist ein Kernbereich der Krebsmedizin und der Palliativmedizin, die sich der Linderung von Beschwerden bei unheilbaren Erkrankungen widmet.
2. Was ist das?
Tumorschmerz ist jeder Schmerz bei Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung. Nach der Ursache unterscheidet man:
- Durch den Tumor selbst (Einwachsen in Gewebe, Druck auf Nachbarstrukturen, Befall von Knochen oder Organen): 75 %
- Durch die Behandlung (Operation, Chemotherapie, Strahlenbehandlung): 15–20 %
- Unabhängig vom Tumor (andere Begleiterkrankungen): 5–10 %
Nach der Art des Schmerzes unterscheidet man Schmerz durch Gewebeschädigung (an Knochen, Muskeln und Haut oder an inneren Organen) und Nervenschmerz; oft sind beide gemischt.
2.1 Wie häufig ist das?
30–50 % aller Krebskranken haben Schmerzen, bei fortgeschrittener Erkrankung 60–90 %. In bis zu 50 % der Fälle werden die Schmerzen nicht ausreichend behandelt – weil sie nicht erkannt werden, weil Vorbehalte gegen Opioide (stark wirksame Schmerzmittel) bestehen oder weil die Schmerzen nicht regelmäßig erfragt werden.
2.2 Ursache und Entstehung
Die Entstehung ist vielschichtig und hat mehrere Ursachen zugleich. Schmerzreize entstehen durch die vom Tumor ausgelöste Entzündung, durch Zerstörung von Knochen und durch Einwachsen in Nerven. Nervenschmerzen entstehen durch Druck auf Nerven, durch Nervenschädigung infolge einer Chemotherapie und durch Vernarbung des Gewebes nach einer Strahlenbehandlung.
3. Beschwerden
Die Beschwerden sind je nach Sitz und Stadium des Tumors sehr unterschiedlich:
- Schmerz von Knochen, Muskeln oder Haut: dumpf, gut zu orten (zum Beispiel bei Tochtergeschwülsten im Knochen)
- Schmerz von inneren Organen: diffus, krampfartig (zum Beispiel bei Tumoren im Bauch)
- Nervenschmerz: brennend, einschießend (zum Beispiel bei einem Tumor der Bauchspeicheldrüse, der in das Nervengeflecht im Oberbauch einwächst)
- Durchbruchschmerz: plötzliche heftige Schmerzverstärkung, obwohl die Schmerzen sonst gut eingestellt sind
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Das Gespräch über die Schmerzen folgt einem festen Aufbau: Wo sitzt der Schmerz, wie fühlt er sich an, wie stark ist er (gemessen mit Schmerzskalen, zum Beispiel einer Zahlenskala von 0 bis 10 oder einem Schmerzfragebogen), wie verläuft er über die Zeit, was löst ihn aus? Daraus wird abgeleitet, auf welchem Weg der Schmerz entsteht. Die Schmerzen werden regelmäßig neu beurteilt.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Je nach Tumor und Fragestellung: Computer-Röntgenschichtaufnahme, Kernspin-Untersuchung oder Stoffwechsel-Bildgebung, um Sitz und Ausbreitung des Tumors festzustellen. Knochenszintigraphie bei Verdacht auf Tochtergeschwülste im Knochen.
4.2 Blutuntersuchungen
Tumormarker (Blutwerte, die für die jeweilige Krebsart kennzeichnend sind), Blutsalze, Nieren- und Leberwerte (zur Planung der Behandlung).
5. Behandlung
Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation für die Schmerzbehandlung
- Stufe 1: Schmerzmittel, die keine Opioide sind (entzündungshemmende Schmerzmittel, Paracetamol, Metamizol)
- Stufe 2: Schwache Opioide (Tramadol, Tilidin mit Naloxon) zusammen mit Schmerzmitteln der Stufe 1
- Stufe 3: Starke Opioide (Morphin, Oxycodon, Hydromorphon, Fentanyl-Pflaster, Buprenorphin, Tapentadol) zusammen mit Schmerzmitteln der Stufe 1
Begleitmedikamente
- Bei Nervenschmerz-Anteilen: Medikamente gegen Nervenschmerzen aus der Gruppe der Gabapentinoide, die Antidepressiva Amitriptylin und Duloxetin, die auch gegen Schmerzen wirken
- Bei Knochenschmerzen: knochenschützende Medikamente (Zoledronat), der Antikörper gegen Knochenabbau Denosumab, Strahlenbehandlung (sehr wirksam bei örtlich begrenzten Schmerzen)
- Bei Spannungsschmerz der Leberkapsel oder anderer Organe: Kortison
- Bei Wassereinlagerungen: entwässernde Medikamente, Kortison
- Krampflösende Medikamente bei Krämpfen innerer Organe
Durchbruchschmerz
- Rasch wirksame Fentanyl-Zubereitungen (als Nasenspray, über die Wangenschleimhaut oder unter der Zunge): 10–15 % der Tagesdosis als Bedarfsmedikament
- Morphin als Spritze in die Vene oder unter die Haut
Eingriffe am Nervensystem
- Schmerzmittelpumpen, die das Medikament direkt in den Nervenwasserraum am Rückenmark abgeben
- Ausschaltung von Nervengeflechten des unwillkürlichen Nervensystems (Blockade des Bauchnervengeflechts bei Bauchspeicheldrüsenkrebs)
- Blockade des Beckennervengeflechts bei Tumoren im Becken
- Rückenmarkstimulation („Schmerzschrittmacher“), neurochirurgische Eingriffe
Lindernde Betreuung
- Spezialisierte ambulante Palliativversorgung: Betreuung zu Hause durch ein Palliativteam
- Palliativmedizin im Krankenhaus
- Psychologische und seelsorgerische Begleitung
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle genannten Behandlungen einschließlich der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, der knochenschützenden Medikamente, Denosumab und der Strahlenbehandlung sind bei einer Krebserkrankung Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Arzneimittel aus Hanf (Cannabis) können bei Tumorschmerzen, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen, erstattet werden (nach Paragraf 31 Absatz 6 des Fünften Sozialgesetzbuchs).
6. Wie geht es weiter?
Der Verlauf hängt von der Grunderkrankung ab. Mit einer konsequenten Behandlung nach dem Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation lassen sich in über 80 % der Fälle Schmerzfreiheit oder erträgliche Schmerzen erreichen. Eine schlechte Schmerzbehandlung geht mit geringerer Lebensqualität und höherer Sterblichkeit einher. Eine frühzeitige Einbeziehung der Palliativmedizin verbessert das Behandlungsergebnis.
7. Leitlinien
- AWMF 128-001OL · Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung
→ Im AWMF-Register nach 128-001OL suchen
8. Literatur
- Caraceni A, Hanks G, Kaasa S, et al. Use of opioid analgesics in the treatment of cancer pain: evidence-based recommendations from the EAPC. Lancet Oncol. 2012;13(2):e58-e68.
- Paice JA, Ferrell B. The management of cancer pain. CA Cancer J Clin. 2011;61(3):157-182.
- van den Beuken-van Everdingen MH, Hochstenbach LM, Joosten EA, Tjan-Heijnen VC, Janssen DJ. Update on Prevalence of Pain in Patients With Cancer: Systematic Review and Meta-Analysis. J Pain Symptom Manage. 2016;51(6):1070-1090.
- S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung (AWMF 128-001OL).
- Fallon M, Giusti R, Aielli F, et al. Management of cancer pain in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. Ann Oncol. 2018;29(Suppl 4):iv166-iv191.
- Wikipedia, Artikel „Tumorschmerz“: Tumorschmerz (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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