Osteoporotische Wirbelkörperfraktur (Sinterungsfraktur, Wirbelkörperkompressionsfraktur)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Fraktur“ ist das ärztliche Wort für Knochenbruch, „osteoporotisch“ bedeutet „durch Knochenschwund (Osteoporose) verursacht“. Gemeint ist also ein Wirbelbruch durch Knochenschwund. Ein Wirbelkörper, der unter dem eigenen Körpergewicht einbricht, ist das Kennzeichen des Knochenschwunds – und sein am häufigsten übersehenes Warnsignal. Nur ein Drittel dieser Brüche wird erkannt, wenn er frisch ist; der Rest fällt erst durch eine abnehmende Körpergröße und einen Rundrücken auf oder zufällig auf einem Röntgenbild, das aus anderem Anlass gemacht wurde. Dabei ist ein Wirbelbruch – unabhängig von der gemessenen Knochendichte – ein Grund für eine Behandlung, weil er das Risiko weiterer Brüche erheblich erhöht.
2. Was ist das?
Ein Wirbelkörper verliert mindestens 20 % seiner Höhe, ohne dass ein ausreichend schwerer Unfall vorausging, weil die Knochenfestigkeit vermindert ist. Nach Genant werden drei Schweregrade unterschieden (Grad 1: 20–25 % Höhenverlust, Grad 2: 25–40 %, Grad 3: über 40 %) und drei Formen (keilförmig, auf beiden Seiten eingedellt wie ein „Fischwirbel“ oder insgesamt zusammengedrückt). Die Einteilung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie in fünf Stufen beschreibt, wie stabil der Bruch ist, und leitet die Entscheidung über die Behandlung. Am häufigsten betroffen sind der Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule (11. Brustwirbel bis 2. Lendenwirbel) und die mittlere Brustwirbelsäule (7. und 8. Brustwirbel).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
In Deutschland kommt es jedes Jahr zu etwa 230.000 neuen Wirbelbrüchen durch Knochenschwund. Ab 70 Jahren hat jede vierte Frau und jeder achte Mann mindestens einen solchen Bruch. Nach einem ersten Wirbelbruch liegt das Risiko für einen weiteren innerhalb eines Jahres bei etwa 20 %, und das Risiko für einen Hüftbruch verdoppelt sich. In den Folgejahren ist die Sterblichkeit erhöht, vor allem nach Brüchen, die Beschwerden gemacht haben.
2.2 Ursache und Entstehung
Der Wirbelkörper besteht überwiegend aus schwammartigem Knochen, der bei Knochenschwund früh und stark verloren geht – die waagerechten Knochenbälkchen verschwinden zuerst. Dann übersteigen schon Alltagsbelastungen wie Heben, Bücken, Husten oder Hinsetzen die Festigkeit. Der Bruch verändert die Statik der Wirbelsäule: Der Rundrücken verlagert den Schwerpunkt nach vorn und erhöht die Last auf die Nachbarwirbel (Dominoeffekt). Andere Ursachen für Wirbelbrüche müssen bedacht werden: eine Kortison-Behandlung, eine Krebserkrankung des Knochenmarks (Myelom) oder Tochtergeschwülste eines Tumors.
3. Beschwerden
- Frischer Bruch: plötzlicher, heftiger Rückenschmerz in Höhe des Bruchs, oft nach einem geringfügigen Anlass, stärker beim Aufrichten, Drehen und Husten; gürtelförmige Ausstrahlung; Klopfschmerz über dem Dornfortsatz des Wirbels
- Älterer oder unbemerkter Bruch: Verlust an Körpergröße (mehr als 4 cm gegenüber der Größe in der Jugend), zunehmender Rundrücken, weniger als zwei Fingerbreit Abstand zwischen Rippenbogen und Beckenkamm, Hautfalten am Rücken, die schräg nach unten laufen wie die Zweige eines Tannenbaums, vorgewölbter Bauch, Sodbrennen, Kurzatmigkeit, kürzere Gehstrecke
- Ausfälle der Nerven sind selten – sie weisen auf einen instabilen Bruch, einen zersprengten Wirbel oder einen Tumor hin
- Langanhaltender Schmerz durch Muskelverspannung und Überlastung der kleinen Wirbelgelenke; Angst, Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben, Depression
4. Untersuchung
Zunächst das Gespräch über die Krankengeschichte (Unfall, Größenverlust, Risikofaktoren, bisherige Behandlung) und die körperliche Untersuchung einschließlich der Nerven. Bilder sichern die Diagnose und helfen, das Alter des Bruchs einzuschätzen. Immer dazu gehören die Blutuntersuchung nach der Leitlinie der Knochen-Fachgesellschaften, einschließlich einer Eiweißauftrennung im Blut (um ein Myelom auszuschließen), und die Knochendichtemessung. Für den Knochenspezialisten gilt: Jeder Wirbelbruch ohne ausreichend schweren Unfall ist ein Knochenschwund, bis das Gegenteil bewiesen ist.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild der Brust- und Lendenwirbelsäule in zwei Ebenen (Schweregrad nach Genant, Zahl der Brüche). Kernspin-Untersuchung mit einer besonderen Aufnahmetechnik, um frische von alten Brüchen zu unterscheiden (ein frischer Bruch zeigt eine Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark), bei Nervenzeichen, vor dem Auffüllen des Wirbels mit Knochenzement und zum Ausschluss einer Tochtergeschwulst oder eines Myeloms (Beteiligung der Wirbelbögen, Weichteilgeschwulst, Signalverhalten). Computer-Röntgenschichtaufnahme, wenn die Hinterkante des Wirbelkörpers beteiligt ist oder eine Operation geplant wird. Knochendichtemessung zusammen mit einer seitlichen Aufnahme der Wirbelsäule, um weitere Brüche zu finden. Bei einem Größenverlust von mehr als 4 cm oder einem Rundrücken wird die Wirbelsäule auch ohne Schmerzen geröntgt.
4.2 Blutuntersuchungen
Grunduntersuchung: Blutbild, Entzündungswerte, Kalzium, Phosphat, Knochenstoffwechsel-Wert, Nierenwerte, ein Leberwert, Schilddrüsenwert, Eiweißauftrennung im Blut, Vitamin-D-Wert, bei Männern das Hormon Testosteron. Bei Verdacht auf eine Krebserkrankung zusätzlich genauere Eiweißuntersuchungen im Blut, der Prostata-Wert und Tumormarker.
5. Behandlung
Frischer Bruch (Stufe 1 und 2, stabiler Bruch – die große Mehrheit)
- Schmerzbehandlung nach dem Stufenschema (Paracetamol oder Metamizol, kurzzeitig entzündungshemmende Schmerzmittel, bei Bedarf schwache Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide, kurzzeitig auch das Hormon Calcitonin als Nasenspray) – ausreichend dosiert, damit Aufstehen und Gehen gelingen
- Frühes Aufstehen und Gehen – Bettruhe nur tageweise; aktivierende Krankengymnastik, Aufrichten des Rumpfes, später Krafttraining der Rückenstrecker
- Eine Rumpfstütze, die den Rücken aufrichtet, kann für einige Wochen die Schmerzen lindern, langfristig aber nicht; kein starres Korsett über Monate
- Hilfsmittel: Greifhilfen, Sitzerhöhung; Vorbeugung von Stürzen
Auffüllen des Wirbelkörpers mit Knochenzement (Vertebroplastie, Kyphoplastie)
Bei starken Schmerzen trotz 3 bis 4 Wochen konsequenter Behandlung ohne Operation, bei Bettlägerigkeit oder wenn der Wirbel weiter einzusinken droht, kann der Wirbelkörper mit Knochenzement aufgefüllt werden. Ob dies mehr nützt als eine Scheinbehandlung, ist in Studien umstritten; bei frischen, stark schmerzhaften Brüchen ist die Schmerzlinderung aber oft eindrucksvoll. Instabile Brüche (Stufe 4 und 5) und Ausfälle der Nerven erfordern eine Operation, bei der der Wirbel mit Schrauben stabilisiert wird, die mit Knochenzement verankert werden.
Behandlung des Knochenschwunds – immer
Nach der Leitlinie der Knochen-Fachgesellschaften von 2023 besteht nach einem Wirbelbruch durch Knochenschwund ein Grund für eine gezielte medikamentöse Behandlung – unabhängig vom T-Wert der Knochendichtemessung. Bei mehreren oder schweren Brüchen (Grad 2 und 3) und hohem Risiko wird mit einem knochenaufbauenden Medikament begonnen (Teriparatid für 24 Monate oder Romosozumab für 12 Monate); anschließend folgt ein Medikament, das den Knochenabbau bremst (ein knochenschützendes Medikament aus der Gruppe der Bisphosphonate oder der Antikörper gegen Knochenabbau Denosumab). In den übrigen Fällen wird gleich mit einem Bisphosphonat oder Denosumab begonnen. Dazu kommen Kalzium, Vitamin D und Bewegung. Die Behandlungslücke – nur jeder Vierte wird behandelt – ist das größte Versäumnis nach einem Wirbelbruch.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Untersuchung, die Schmerzbehandlung, die Krankengymnastik, die Rumpfstütze, das Auffüllen des Wirbels mit Knochenzement und die Medikamente gegen Knochenschwund sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse – ebenso die Knochendichtemessung nach einem Bruch. Eine Rehabilitation (ambulant oder in einer Klinik) kann beantragt werden.
6. Wie geht es weiter?
Der Schmerz des frischen Bruchs klingt meist innerhalb von 6 bis 12 Wochen ab; ein Teil der Betroffenen behält langanhaltende Rückenschmerzen, weil sich die Statik der Wirbelsäule verändert hat. Ohne Behandlung folgt bei jedem Fünften innerhalb eines Jahres der nächste Bruch. Knochenaufbauende Medikamente senken das Risiko neuer Wirbelbrüche um 65–75 %, Medikamente gegen den Knochenabbau um 40–70 %. Entscheidend für Lebensqualität und Lebenserwartung sind frühes Aufstehen und Gehen, eine konsequente Behandlung des Knochenschwunds und die Vermeidung von Stürzen.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen - OF-Klassifikation und Behandlungsempfehlungen osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen
8. Literatur
- Schnake KJ, Blattert TR, Hahn P, et al. Classification of osteoporotic thoracolumbar spine fractures: recommendations of the Spine Section of the German Society for Orthopaedics and Trauma (DGOU). Global Spine J. 2018;8(2 Suppl):46S-49S.
- Genant HK, Wu CY, van Kuijk C, Nevitt MC. Vertebral fracture assessment using a semiquantitative technique. J Bone Miner Res. 1993;8(9):1137-1148.
- Lindsay R, Silverman SL, Cooper C, et al. Risk of new vertebral fracture in the year following a fracture. JAMA. 2001;285(3):320-323.
- Firanescu CE, de Vries J, Lodder P, et al. Vertebroplasty versus sham procedure for painful acute osteoporotic vertebral compression fractures (VERTOS IV): randomised sham controlled clinical trial. BMJ. 2018;361:k1551.
- Kendler DL, Marin F, Zerbini CAF, et al. Effects of teriparatide and risedronate on new fractures in post-menopausal women with severe osteoporosis (VERO): a multicentre, double-blind, double-dummy, randomised controlled trial. Lancet. 2018;391(10117):230-240.
- Wikipedia, Artikel „Wirbelkörperfraktur“: Wirbelkörperfraktur (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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