Chronischer nicht-spezifischer Kreuzschmerz (Chronische Lumbalgie, unspezifischer Rückenschmerz)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
„Kreuz“ nennt man im Volksmund den unteren Rücken, also die Lendenwirbelsäule. Der Zusatz „unspezifisch“ bedeutet: Bei den meisten langanhaltenden Kreuzschmerzen (80–90 %) lässt sich keine eindeutige Ursache im Körperbau finden. Die Schmerzen sind trotzdem echt – sie entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Einflüsse.
2. Was ist das?
Kreuzschmerzen, die länger als 12 Wochen anhalten, gelten als langanhaltend (ärztlich: chronisch). Die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz – eine Behandlungsleitlinie der medizinischen Fachgesellschaften – unterscheidet zwei Formen: spezifische Kreuzschmerzen haben eine klare Ursache, zum Beispiel einen Knochenbruch, eine Infektion, einen Tumor, eine entzündlich-rheumatische Erkrankung oder eine gereizte Nervenwurzel. Nicht-spezifische Kreuzschmerzen haben keine fassbare Ursache im Körperbau. Um sie zu verstehen, betrachtet man neben Muskeln, Knochen und Gelenken auch seelische und soziale Belastungen, die Arbeitsbedingungen und die Lebensumstände.
2.1 Wie häufig ist der Kreuzschmerz?
Kreuzschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Zu einem beliebigen Zeitpunkt haben 30–40 % der Menschen Kreuzschmerzen; 80 % sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen. In Deutschland sind Rückenschmerzen die wichtigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen. Die Kosten für die Volkswirtschaft werden auf über 20 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Das Risiko, dass die Schmerzen dauerhaft werden, erhöhen: länger anhaltende Beschwerden, starke Schmerzen, starke Einschränkungen im Alltag, ausgeprägte Angst vor Bewegung und Schonverhalten, begleitende Niedergeschlagenheit und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz. Ärztinnen und Ärzte nennen diese Einflüsse „gelbe Warnzeichen“.
3. Beschwerden
- Dumpfer, tief sitzender Schmerz im Bereich der Lendenwirbelsäule, oft wechselnd
- Bei manchen Betroffenen strahlt der Schmerz ins Gesäß oder in den Oberschenkel aus – aber nicht entlang eines bestimmten Nervs
- Eingeschränkte Beweglichkeit, verspannte Muskeln neben der Wirbelsäule
- Der Schmerz wird in bestimmten Haltungen stärker und bessert sich durch Bewegung oder durch eine bestimmte Lagerung
- Oft verbunden mit geschwächter Muskulatur und seelischer oder sozialer Belastung
Wichtig ist, dass Warnzeichen erkannt werden. Sie weisen auf eine ernste Ursache hin, zum Beispiel einen Knochenbruch, einen Tumor, eine Infektion oder eine Lähmung der untersten Nervenbündel. Ebenso wichtig sind die gelben Warnzeichen – die seelischen und sozialen Einflüsse, die Schmerzen dauerhaft werden lassen.
3.1 Bilder
→ Weitere Bilder bei Wikimedia Commons
4. Untersuchung
Der Grundgedanke der Behandlungsleitlinie lautet: Bei nicht-spezifischem Kreuzschmerz ohne Warnzeichen ist in den ersten 4–6 Wochen keine Untersuchung mit Bildern nötig. Die Diagnose wird im Gespräch und durch die körperliche Untersuchung gestellt. Im Mittelpunkt stehen:
- Die Krankengeschichte des Schmerzes: Beginn, Verlauf, Stärke, Auslöser, Begleitbeschwerden
- Gezielte Fragen nach Warnzeichen: Unfall, frühere Krebserkrankung, Fieber, Nachtschweiß und ungewollter Gewichtsverlust, Gefühlsstörungen oder Lähmungen, Störungen beim Wasserlassen oder Stuhlgang
- Fragen nach gelben Warnzeichen: Angst, Niedergeschlagenheit, Unzufriedenheit im Beruf, eigene Vorstellungen über die Erkrankung
- Körperliche Untersuchung: Betrachten, Abtasten, Prüfung der Beweglichkeit (zum Beispiel wie weit sich die Lendenwirbelsäule beim Vorbeugen streckt und wie groß der Abstand zwischen Fingern und Boden ist), Prüfung der Nerven (Gefühl, Kraft, Reflexe, Dehnungstests der Nerven)
4.1 Untersuchung mit Bildern
Keine routinemäßigen Bilder bei unspezifischem Kreuzschmerz in den ersten Wochen. Eine Kernspin-Untersuchung oder eine Computer-Röntgenschichtaufnahme ist angezeigt bei:
- Warnzeichen für eine Schädigung im Körperbau
- Zunehmenden Ausfällen der Nerven (Gefühlsstörungen, Lähmungen)
- Ausbleibender Besserung nach 6 Wochen Behandlung ohne Operation
- Verdacht auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung (dann Kernspin-Untersuchung der Kreuz-Darmbein-Gelenke)
Die Kernspin-Untersuchung der Lendenwirbelsäule ist das beste Verfahren, um Bandscheiben, Nerven und den Wirbelkanal zu beurteilen. Ein gewöhnliches Röntgenbild sagt bei langanhaltenden unspezifischen Schmerzen nur wenig aus: Verschleißzeichen sind bei älteren Menschen die Regel und passen nicht unbedingt zu den Beschwerden.
4.2 Blutuntersuchungen
Bei unspezifischem Kreuzschmerz sind keine routinemäßigen Blutuntersuchungen nötig. Bei Warnzeichen oder wenn andere Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen:
- Entzündungswerte im Blut – um eine Entzündung auszuschließen
- Blutbild – Hinweis auf eine Krebserkrankung
- Eiweiß-Auftrennung im Blut – Hinweis auf eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks (Multiples Myelom)
- Erbmerkmal HLA-B27 bei Verdacht auf eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis
- Prostata-Wert im Blut (bei Männern über 50 Jahren) bei Verdacht auf Tochtergeschwülste eines Tumors
- Urinuntersuchung bei Verdacht auf eine Infektion
5. Behandlung
Die Behandlungsleitlinie Kreuzschmerz empfiehlt eine Behandlung aus mehreren Bausteinen. Im Mittelpunkt steht die Aktivierung: Bewegung statt Schonung.
Plötzlicher Kreuzschmerz und Kreuzschmerz seit wenigen Wochen
- Aufklärung, Beruhigung, Aktivierung (aktiv bleiben statt Bettruhe)
- Behandlung der Beschwerden: entzündungshemmende Schmerzmittel für begrenzte Zeit, bei Bedarf Paracetamol
- Stark wirksame Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide nur zurückhaltend, nicht als erste Wahl
- Muskelentspannende Medikamente für kurze Zeit möglich
- Wärmeanwendungen
- Behandlung mit den Händen
Langanhaltender Kreuzschmerz
- Bewegungsbehandlung und gezieltes Training an Geräten (die Wirkung ist wissenschaftlich gut belegt)
- Kombinierte Schmerzbehandlung bei hohem Risiko für dauerhafte Schmerzen oder bei bereits dauerhaften Schmerzen – ein Team aus Orthopädie, Schmerzmedizin, Psychotherapie und Krankengymnastik arbeitet zusammen
- Verhaltenstherapie (eine Form der Psychotherapie) – die Wirkung auf Schmerz und Beweglichkeit ist belegt
- Akupunktur bei langanhaltendem Kreuzschmerz (die gesetzliche Krankenkasse bezahlt bis zu 10 Sitzungen im Jahr)
- Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Tai Chi – die Wirkung ist belegt
- Reizstrombehandlung – die Wirkung ist weniger gut belegt, kann im Einzelfall helfen
- Medikamente nur zurückhaltend: entzündungshemmende Schmerzmittel möglichst kurz; das Medikament Duloxetin (ein Mittel gegen Depressionen, das auch Schmerzen dämpft) bei zusätzlicher Niedergeschlagenheit oder Angst; Medikamente gegen Nervenschmerzen aus der Gruppe der Antiepileptika nur, wenn eine Nervenwurzel beteiligt ist
- Eingriffe mit der Nadel: Spritzen an die kleinen Wirbelgelenke, Verödung der Schmerznerven an den Wirbelgelenken mit Hitze, Kortison-Spritzen an die Nervenwurzel oder in den Wirbelkanal – nur bei klarem Grund (gereizte Nervenwurzel, unter Bildkontrolle) und als Entscheidung im Einzelfall
Was vermieden werden soll
- Routinemäßige Bilder ohne Warnzeichen
- Dauerhafte Einnahme von Opioiden
- Operationen ohne klaren Befund im Körperbau, der zu den Beschwerden passt
- Verordnung von Behandlungen, bei denen die Patientin oder der Patient nur passiv ist, ohne eigenes Üben
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlung nach der Leitlinie wird vollständig von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Im Einzelnen:
- Krankengymnastik, Behandlung mit den Händen und Massage auf Rezept
- Kombinierte Schmerzbehandlung in der Praxis oder im Krankenhaus
- Psychotherapie (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Behandlung), wenn ein Grund dafür vorliegt
- Akupunktur bei langanhaltendem Schmerz der Lendenwirbelsäule: Kassenleistung seit 2007 (bis zu 10 Sitzungen von je 30 Minuten im Jahr, Wiederholung nach 12 Monaten)
- Rehabilitation auf Antrag (bei der Deutschen Rentenversicherung oder der Krankenkasse)
- Eingriffe mit der Nadel (Spritze an die Nervenwurzel unter Kontrolle mit Computer-Röntgenschichtaufnahme oder Röntgen, Spritzen an die Wirbelgelenke) bei klarem Grund
Selbstzahlerleistungen: osteopathische Behandlung außerhalb der Verordnung von Heilmitteln, besondere Rückenschulen ohne ärztliche Verordnung, alternative Behandlungsverfahren ohne belegte Wirkung.
6. Wie geht es weiter?
Die meisten plötzlichen Kreuzschmerzen (etwa 80 %) bessern sich innerhalb von 6 Wochen – unabhängig von der Behandlung. Wiederkehrende Beschwerden sind häufig. Dauern die Schmerzen länger als 12 Wochen, ist der voraussichtliche Verlauf ungünstiger: Schonung, abgebaute Muskulatur sowie seelische und soziale Belastungen festigen die Schmerzen. Auch dann kann eine Behandlung aus mehreren Bausteinen deutliche Verbesserungen bringen. Entscheidend sind eine gute Aufklärung, die aktive Mitarbeit und erreichbare Behandlungsziele: weniger Schmerz, erhaltene Beweglichkeit und Teilhabe am Leben – statt vollständiger Schmerzfreiheit.
7. Leitlinien
- NVL nvl-007 · Nicht-spezifischer Kreuzschmerz
→ Leitlinie öffnen
8. Literatur
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz. 2. Auflage. Version 1. 2017.
- Foster NE, Anema JR, Cherkin D, et al. Prevention and treatment of low back pain: evidence, challenges, and promising directions. Lancet. 2018;391(10137):2368-2383.
- Maher C, Underwood M, Buchbinder R. Non-specific low back pain. Lancet. 2017;389(10070):736-747.
- Qaseem A, Wilt TJ, McLean RM, et al. Noninvasive Treatments for Acute, Subacute, and Chronic Low Back Pain: A Clinical Practice Guideline From the American College of Physicians. Ann Intern Med. 2017;166(7):514-530.
- Wenig CM, Schmidt CO, Kohlmann T, et al. Costs of back pain in Germany. Eur J Pain. 2009;13(3):280-286.
- Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Patientenleitlinie Kreuzschmerz. 2017.
- Wikipedia, Artikel „Chronischer nicht-spezifischer Kreuzschmerz“: Rückenschmerzen (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
Fragen zu Chronischer nicht-spezifischer Kreuzschmerz?
Vereinbaren Sie einen Termin in unserer Praxis – wir beraten Sie persönlich.
