Osteoporose (Knochenschwund)
Orthopädie – Knochen
1. Woher kommt der Name?
Der Begriff stammt aus dem Griechischen: osteon bedeutet „Knochen“ und poros „Pore“ oder „Durchgang“. Die Osteoporose ist also ein „poröser“, durchlöcherter Knochen. Der Name beschreibt den Verlust von Knochenmasse, bei dem das feine Bälkchengerüst im Inneren des Knochens immer dünner wird. Auf Deutsch spricht man von Knochenschwund.
2. Was ist das?
Die Osteoporose (der Knochenschwund) ist eine Erkrankung des gesamten Skeletts. Der Knochen verliert an Festigkeit, so dass er leichter bricht. Die Festigkeit des Knochens hängt von zwei Dingen ab: von der Knochenmasse (der Knochenmineraldichte) und von der Knochenqualität (dem inneren Aufbau, der Einlagerung von Mineralien, dem laufenden Umbau und der Form des Knochens). Die Weltgesundheitsorganisation legt die Erkrankung über die Knochendichtemessung fest: Ein T-Wert von −2,5 oder darunter am Schenkelhals oder an der Lendenwirbelsäule bedeutet Knochenschwund. Der T-Wert gibt an, um wie viele Standardabweichungen die Knochendichte vom Durchschnitt junger gesunder Erwachsener abweicht. Ist es bereits zu einem Knochenbruch ohne nennenswerte Gewalteinwirkung gekommen, spricht man unabhängig vom T-Wert von einem Knochenschwund mit Bruch (ärztlich: manifeste Osteoporose).
2.1 Wie häufig ist der Knochenschwund?
Nach Hochrechnungen einer großen deutschen Untersuchung (der „Bone Evaluation Study“) leben in Deutschland etwa 6 Millionen Menschen mit Knochenschwund – 15 % der Frauen und 5 % der Männer ab 50 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens einen für Knochenschwund typischen Knochenbruch zu erleiden, liegt bei Frauen über 50 Jahren bei 40 %, bei Männern bei 13 %. Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland etwa 130.000 hüftnahe Knochenbrüche, davon etwa 75 % bei Frauen. Der Knochenschwund wird zu selten erkannt und zu selten behandelt: Weniger als 20 % der Patientinnen und Patienten mit einem solchen Knochenbruch erhalten eine gezielte Behandlung gegen Knochenschwund.
2.2 Ursachen und Entstehung
Der Knochen wird ständig umgebaut: Bestimmte Zellen bauen Knochen ab, andere bauen ihn wieder auf. Mit dem Alter verschiebt sich dieses Gleichgewicht zu Lasten des Aufbaus. Bei Frauen verstärkt der Mangel am Hormon Östrogen nach den Wechseljahren den Knochenabbau (Knochenschwund mit beschleunigtem Umbau). Bei Männern spielt der Rückgang des Hormons Testosteron eine Rolle. Ursachen für einen Knochenschwund als Folge anderer Erkrankungen oder Medikamente: Kortison (die häufigste durch Medikamente ausgelöste Form!), Schilddrüsenüberfunktion, Überfunktion der Nebenschilddrüsen, Mangel an Geschlechtshormonen, gestörte Aufnahme von Nährstoffen im Darm (Glutenunverträglichkeit, Morbus Crohn, Schwäche der Bauchspeicheldrüse), dauerhafte Nierenschwäche, Tumoren (Erkrankung des Knochenmarks, das Multiple Myelom), Alkoholmissbrauch, Rauchen, längere Bettlägerigkeit. Medikamente, die das Risiko erhöhen: Kortison in einer Dosis über 7,5 mg Prednison-Gleichwert über mehr als 3 Monate, Medikamente gegen Brustkrebs, die die Östrogenbildung hemmen (Aromatasehemmer), Medikamente gegen Prostatakrebs, die die Testosteronbildung unterdrücken, Medikamente gegen Epilepsie und Magensäureblocker (länger als 1 Jahr eingenommen).
3. Beschwerden
Der Knochenschwund verläuft zunächst stumm, also ohne Beschwerden. Oft wird er erst nach dem ersten Knochenbruch erkannt, der ohne nennenswerte Gewalteinwirkung entstanden ist.
- Plötzlicher Rückenschmerz ohne passenden Unfall (ein Wirbelkörper bricht ein – oft bei Alltagstätigkeiten wie schwerem Heben, Niesen oder Husten)
- Abnahme der Körpergröße im Laufe der Zeit (mehr als 4 cm ist auffällig, mehr als 2 cm im Jahr ist krankhaft)
- Zunehmender Rundrücken („Witwenbuckel“) mit schräg nach unten verlaufenden Hautfalten am Rücken, die an einen Tannenbaum erinnern
- Geringerer Abstand zwischen Rippenbogen und Becken (der Rippenbogen kann die Beckenkämme berühren)
- Knochenbrüche bei geringer Gewalteinwirkung, zum Beispiel bei einem Sturz aus dem Stand: handgelenknaher Speichenbruch, Bruch des Oberarmkopfs, Wirbelkörperbruch, Oberschenkelhalsbruch, Beckenbruch
- Langanhaltende Schmerzen durch zusammengesunkene Wirbelkörper und ungleich belastete Muskeln
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Behandlungsleitlinie des Dachverbands Osteologie von 2023 empfiehlt eine geordnete Untersuchung, wenn Risiken vorliegen: höheres Alter, frühere Knochenbrüche, Kortison über längere Zeit, bestimmte Grunderkrankungen. Die Grunduntersuchung umfasst:
- Gezieltes Gespräch über die Krankengeschichte: Knochenbrüche, Abnahme der Körpergröße, Erkrankungen in der Familie, Medikamente, Lebensgewohnheiten
- Körperliche Untersuchung mit Einschätzung des Sturzrisikos (zum Beispiel: Wie lange brauchen Sie, um vom Stuhl aufzustehen, einige Meter zu gehen und sich wieder zu setzen? Wie oft können Sie in einer bestimmten Zeit ohne Hilfe der Arme vom Stuhl aufstehen?)
- Knochendichtemessung
- Röntgenbilder der Brust- und Lendenwirbelsäule in 2 Ebenen
- Blutuntersuchungen
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Knochendichtemessung (mit sehr schwachen Röntgenstrahlen von zwei Energiestufen) ist das wichtigste Verfahren. Gemessen wird die Knochenmineraldichte an der Lendenwirbelsäule und am hüftnahen Oberschenkelknochen. Das Ergebnis wird als T-Wert (Abweichung vom Durchschnitt junger gesunder Erwachsener) und als Z-Wert (Abweichung vom Durchschnitt Gleichaltriger) angegeben. Zusätzlich kann aus der Messung ein Wert für die Knochenstruktur berechnet werden, der den inneren Aufbau des Knochens bewertet. Ein Rechenmodell der Weltgesundheitsorganisation schätzt das Risiko, in den nächsten 10 Jahren einen Knochenbruch zu erleiden.
Die Röntgenbilder der Brust- und Lendenwirbelsäule in 2 Ebenen dienen dazu, verformte Wirbelkörper zu erkennen. Die Verformung wird in drei Grade eingeteilt: Grad 1 (leicht, der Wirbel ist um 20–25 % niedriger), Grad 2 (mäßig, 25–40 %), Grad 3 (schwer, über 40 %).
Die Kernspin-Untersuchung ist bei plötzlichen Schmerzen an einem Wirbelkörper sinnvoll. Sie unterscheidet einen „frischen“ Bruch (mit Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark) von einem „alten“ Bruch (ohne Flüssigkeitseinlagerung). Die Knochenszintigraphie zeigt mehrere Brüche oder bösartige Veränderungen.
Die Knochendichtemessung mit der Computer-Röntgenschichtaufnahme wird in Speziallaboren eingesetzt. Sie kann das innere Bälkchengerüst und die äußere Knochenschicht getrennt beurteilen. Im Rahmen der Knochendichtemessung können die Wirbelkörper zusätzlich auf Brüche untersucht werden.
Quelle: Wikimedia Commons · public domain
4.2 Blutuntersuchungen
Die Behandlungsleitlinie empfiehlt eine Grunduntersuchung des Blutes, um Ursachen für einen Knochenschwund als Folge anderer Erkrankungen zu finden:
- Kleines Blutbild und Entzündungswerte im Blut – Ausschluss von Entzündungen und Erkrankungen des Blutes (vor allem des Multiplen Myeloms!)
- Kalzium, Phosphat, Knochenstoffwechsel-Wert (alkalische Phosphatase)
- Kreatinin und Nierenleistung – eine Nierenschwäche beeinflusst die Wahl der Medikamente
- Ein Leberwert – Beteiligung der Leber, Hinweis auf Alkoholkonsum
- Schilddrüsenwert – Schilddrüsenüberfunktion
- Eiweiß-Auftrennung im Blut – krankhafte Eiweiße bei Erkrankungen des Knochenmarks
- Vitamin-D-Wert im Blut – ein Mangel ist häufig
- Bei Verdacht zusätzlich: Nebenschilddrüsenhormon, Testosteron (bei Männern), Östrogen, Antikörper gegen Gluten (Glutenunverträglichkeit), Kalzium im über 24 Stunden gesammelten Urin, Tumorwerte
Die Knochenumbau-Werte im Blut (ein Wert für den Abbau, ein Wert für den Aufbau) sind keine Werte für die Diagnose. Sie können aber zeigen, ob die Behandlung wirkt und ob die Medikamente regelmäßig eingenommen werden.
5. Behandlung
Die Behandlung folgt der Behandlungsleitlinie des Dachverbands Osteologie von 2023 (Register-Nummer 183-001). Eine gezielte medikamentöse Behandlung wird begonnen, wenn das Risiko für einen Knochenbruch in den nächsten 10 Jahren einen Schwellenwert überschreitet (früher richtete sich das allein nach dem T-Wert, heute nach dem persönlichen Risiko).
Grundbehandlung
- Kalzium 1000 mg am Tag aus Ernährung und Nahrungsergänzung
- Vitamin D3 800–1000 internationale Einheiten am Tag
- Körperliche Aktivität: regelmäßige Übungen mit Belastung, Krafttraining, Gleichgewichtstraining zur Vorbeugung von Stürzen
- Mit dem Rauchen aufhören
- Nur mäßig Alkohol (weniger als 2 Gläser am Tag)
- Stürzen vorbeugen: Brille anpassen, Medikamente überprüfen, Hilfsmittel, Wohnung sicher gestalten
Gezielte Behandlung mit Medikamenten
- Knochenschützende Medikamente als Tablette (Alendronat 70 mg in der Woche, Risedronat 35 mg in der Woche, Ibandronat 150 mg im Monat) – erste Wahl bei mittlerem Risiko
- Knochenschützendes Medikament als Infusion (Zoledronat 5 mg einmal im Jahr) – wenn Tabletten nicht regelmäßig eingenommen werden können oder nicht vertragen werden
- Denosumab (ein Antikörper gegen Knochenabbau, 60 mg alle 6 Monate unter die Haut gespritzt) – senkt das Bruchrisiko stark. Achtung: Nach dem Absetzen steigt das Bruchrisiko rasch an, deshalb ist eine Nachbehandlung mit einem anderen Medikament nötig!
- Raloxifen (ein Medikament, das im Knochen wie Östrogen wirkt) – bei Frauen nach den Wechseljahren, wenn vor allem die Wirbelkörper gefährdet sind
- Teriparatid (ein dem Nebenschilddrüsenhormon nachgebautes, knochenaufbauendes Medikament, täglich unter die Haut gespritzt, höchstens 24 Monate lang) – bei schwerem Knochenschwund mit mehreren Wirbelkörperbrüchen
- Romosozumab (ein knochenaufbauender Antikörper, 210 mg monatlich unter die Haut gespritzt, 12 Monate lang) – bei sehr hohem Risiko
- Hormonersatz-Behandlung: nur, wenn es weitere Gründe dafür gibt (Wechseljahresbeschwerden) – nicht als eigentliche Behandlung des Knochenschwunds
Operationen
Bei Wirbelkörperbrüchen: Auffüllen des Wirbelkörpers mit Knochenzement (mit oder ohne vorheriges Aufrichten mit einem Ballon), wenn der Schmerz auf keine andere Behandlung anspricht (Entscheidung im Einzelfall, die Wirkung ist unterschiedlich gut belegt). Bei hüftnahen Brüchen: operative Stabilisierung des Bruchs mit Schrauben, Platten oder einem Nagel oder Ersatz durch ein künstliches Gelenk. Eine rasche Operation innerhalb von 24 Stunden verbessert den weiteren Verlauf.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlungsleitlinie beschreibt genau, was die gesetzliche Krankenkasse übernimmt:
- Knochendichtemessung: Kassenleistung bei bereits erlittenen Knochenbrüchen, die für Knochenschwund typisch sind, oder bei bestimmten Risiken. Als reine Vorsorge ohne Knochenbruch und ohne ausreichendes Risiko: Selbstzahlerleistung – über die Kosten informieren wir Sie gern in der Praxis
- Kalzium und Vitamin D: werden bei gesichertem Knochenschwund bezahlt
- Knochenschützende Medikamente, Denosumab, Teriparatid, Romosozumab: bei einer Diagnose nach der Leitlinie vollständig bezahlt (Teriparatid und Romosozumab mit zeitlicher Begrenzung)
- Strukturiertes Behandlungsprogramm Knochenschwund: ein Programm der Krankenkassen mit regelmäßigen Kontrollen, in das Sie sich einschreiben können
- Auffüllen des Wirbelkörpers mit Knochenzement: Kassenleistung im Krankenhaus, wenn ein Grund dafür vorliegt
- Krankengymnastik zur Vorbeugung von Stürzen und zur Haltungsschulung: auf Rezept
6. Wie geht es weiter?
Der Knochenschwund muss lebenslang behandelt werden. Eine konsequente Behandlung senkt das Risiko für Knochenbrüche um 40–70 %, besonders für Wirbelkörper- und Oberschenkelhalsbrüche. Ohne Behandlung drohen mehrere Knochenbrüche, Unbeweglichkeit, langanhaltende Schmerzen und Pflegebedürftigkeit.
Der hüftnahe Knochenbruch ist besonders schwerwiegend: 20–30 % der Betroffenen sterben innerhalb des ersten Jahres, nur etwa die Hälfte erreicht wieder die Beweglichkeit von vor dem Bruch, und 20–30 % werden pflegebedürftig. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig eine konsequente Vorbeugung weiterer Brüche nach jedem Knochenbruch ohne nennenswerte Gewalteinwirkung ist (dafür gibt es feste Nachsorgeprogramme in Kliniken).
Entscheidend für den Verlauf ist, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen werden: Nach einem Jahr nimmt nur noch die Hälfte der Patientinnen und Patienten die knochenschützenden Tabletten regelmäßig ein. Eine gute Aufklärung und die Wahl einer passenden Darreichungsform (Tablette, Spritze oder Infusion) sind deshalb wichtig.
6.1 Vorbeugung
- Lebenslang ausreichend Kalzium und Vitamin D
- Regelmäßige Bewegung mit Belastung (Gehen, Treppensteigen, Krafttraining)
- Nicht rauchen, nicht übermäßig Alkohol trinken
- Untergewicht vermeiden (das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße, der Körpermasse-Index, sollte über 20 liegen)
- Bei Medikamenten, die das Risiko erhöhen (Kortison): frühzeitige Knochendichtemessung und bei Bedarf vorbeugende Behandlung
- Eine hohe Knochenmasse in der Jugend ist der Grundstein für gesunde Knochen im Alter
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen
8. Literatur
- Hadji P, Klein S, Gothe H, et al. The epidemiology of osteoporosis—Bone Evaluation Study (BEST): an analysis of routine health insurance data. Dtsch Arztebl Int. 2013;110(4):52-57.
- Kanis JA, Cooper C, Rizzoli R, Reginster JY. European guidance for the diagnosis and management of osteoporosis in postmenopausal women. Osteoporos Int. 2019;30(1):3-44.
- Compston JE, McClung MR, Leslie WD. Osteoporosis. Lancet. 2019;393(10169):364-376.
- DVO-Leitlinie 2023: Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose (AWMF 183-001).
- Cummings SR, San Martin J, McClung MR, et al. Denosumab for prevention of fractures in postmenopausal women with osteoporosis. N Engl J Med. 2009;361(8):756-765.
- Cosman F, Crittenden DB, Adachi JD, et al. Romosozumab Treatment in Postmenopausal Women with Osteoporosis. N Engl J Med. 2016;375(16):1532-1543.
- Eastell R, Rosen CJ, Black DM, et al. Pharmacological Management of Osteoporosis in Postmenopausal Women: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2019;104(5):1595-1622.
- Blake GM, Fogelman I. The role of DXA bone density scans in the diagnosis and treatment of osteoporosis. Postgrad Med J. 2007;83(982):509-517.
- Wikipedia, Artikel „Osteoporose“: Osteoporose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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