Insuffizienzfrakturen von Becken und Kreuzbein (Fragilitätsfrakturen des Beckens, FFP, Sakruminsuffizienzfraktur)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Insuffizienz“ bedeutet hier „Unzulänglichkeit“: Der Knochen ist zu schwach, um die normale Belastung zu tragen. Eine Insuffizienzfraktur ist also ein Knochenbruch durch Knochenschwäche. Ein Beispiel: Eine 80-jährige Patientin kann nach einem leichten Sturz oder ganz ohne Anlass nicht mehr gehen, ihr Röntgenbild ist aber unauffällig. Dahinter steckt häufig ein solcher Bruch des Kreuzbeins oder des vorderen Beckenrings. Diese Brüche gehören zu den am schnellsten zunehmenden Verletzungen im Alter und werden oft wochenlang als „Ischias“ oder „Hüftverschleiß“ behandelt.
2. Was ist das?
Es handelt sich um Knochenbrüche des Beckenrings (Schambein, Sitzbein, Kreuzbein, Darmbein), die bei normaler oder geringer Belastung entstehen, weil die Knochenfestigkeit vermindert ist. Nach Rommens und Hofmann werden vier Schweregrade unterschieden – von einem einzelnen Bruch des vorderen Beckenrings (Grad 1) bis zum instabilen beidseitigen Bruch des hinteren Beckenrings (Grad 4). Brüche des Kreuzbeins verlaufen typischerweise auf beiden Seiten senkrecht durch die seitlichen Anteile des Kreuzbeins und sind durch einen waagerechten Bruch verbunden – es entsteht die Form eines „H“.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Bei über 60-Jährigen erkranken jedes Jahr etwa 20 bis 40 von 100.000 Menschen neu, mit deutlich steigender Tendenz; Frauen sind 4- bis 5-mal häufiger betroffen. Risikofaktoren sind Knochenschwund (Osteoporose), höheres Alter, frühere Knochenbrüche, die Einnahme von Kortison, eine Bestrahlung des Beckens (zum Beispiel wegen Enddarm- oder Gebärmutterhalskrebs), eine rheumatoide Arthritis (entzündliches Gelenkrheuma) und ein künstliches Hüftgelenk (dadurch verteilt sich die Last anders).
2.2 Ursache und Entstehung
Das Kreuzbein überträgt die gesamte Last des Rumpfes auf die Beine. Sein schwammartiger innerer Knochen ist bei Knochenschwund besonders geschwächt. Die wiederholte normale Belastung führt dann zu Ermüdungsbrüchen. Der Unterschied zum Ermüdungsbruch eines Gesunden (etwa bei Sportlern): Hier wirkt eine normale Belastung auf einen krankhaft geschwächten Knochen. Ein Bruch des vorderen Beckenrings ist fast immer von einem Bruch des hinteren Beckenrings begleitet – auch wenn im Röntgenbild nur der vordere zu sehen ist.
3. Beschwerden
- Tiefer Schmerz im Kreuz, im Gesäß oder in der Leiste, der bei Belastung zunimmt – oft ohne erinnerlichen Unfall oder nach einem leichten Sturz
- Gehen ist nicht mehr oder nur noch auf kurzen Strecken möglich; Schmerz beim Umdrehen im Bett
- Druckschmerz über dem Kreuzbein oder dem Schambein, Schmerz beim Zusammendrücken des Beckens
- Keine Ausfälle der Nerven (selten eine Reizung der Nervenwurzeln am oberen Kreuzbein)
- Häufige Verwechslungen: Ischias-Schmerz von der Lendenwirbelsäule, Hüftverschleiß, Schleimbeutelentzündung an der Hüfte, Tochtergeschwulst eines Tumors
4. Untersuchung
Bei älteren Menschen mit neu aufgetretenen Becken- oder Kreuzschmerzen, die nicht mehr gehen können, sollte früh eine Schichtaufnahme gemacht werden. Zeigt das Röntgenbild nur einen Bruch des Schambeins, muss immer auch nach einem Bruch des hinteren Beckenrings gesucht werden. Dazu gehört eine Abklärung des Knochenstoffwechsels (Knochendichtemessung, Blutuntersuchung) – denn der Bruch beweist, dass ein behandlungsbedürftiger Knochenschwund vorliegt.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Das Röntgenbild (Beckenübersicht, Aufnahmen von schräg oben und schräg unten) übersieht Brüche des Kreuzbeins in mehr als der Hälfte der Fälle. Die Computer-Röntgenschichtaufnahme zeigt die Bruchlinien und eine Verschiebung der Bruchstücke; sie ist das übliche Verfahren, um den Schweregrad festzulegen. Die Kernspin-Untersuchung ist am empfindlichsten (sie zeigt die Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark rund um den Bruch) und kann den Bruch von einer Tochtergeschwulst unterscheiden; sie ist das Verfahren der Wahl bei unklarem Befund. Die Knochenszintigraphie zeigt das klassische „Honda-Zeichen“ – eine H-förmige Anreicherung, die an das Firmenzeichen erinnert. Die Knochendichtemessung folgt im weiteren Verlauf.
4.2 Blutuntersuchungen
Es werden die üblichen Blutwerte wie bei Knochenschwund bestimmt, einschließlich einer Eiweißauftrennung im Blut (um eine Krebserkrankung des Knochenmarks, das Myelom, auszuschließen), des Knochenstoffwechsel-Werts im Blut und des Vitamin-D-Werts. Damit wird eine Knochenerweichung ausgeschlossen, bei der solche Brüche typisch sind. Bei einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte werden zusätzlich Tumormarker bestimmt.
5. Behandlung
Ohne Operation (Grad 1 und 2, die Mehrzahl der Fälle)
- Schmerzbehandlung, die ausreicht, damit die Patientin oder der Patient wieder aufstehen und gehen kann (Metamizol oder Paracetamol, kurzzeitig auch starke Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide; entzündungshemmende Schmerzmittel bei alten Menschen nur zurückhaltend)
- Frühes Aufstehen und Gehen mit einer Gehhilfe, mit so viel Belastung, wie der Schmerz zulässt. Eine Entlastung ist bei Brüchen des Beckenrings weder möglich noch sinnvoll; längeres Liegen erhöht das Risiko für Thrombosen (Blutgerinnsel), Lungenentzündung und Muskelabbau
- Vorbeugung gegen Thrombosen, Krankengymnastik, Hilfsmittel; wer nicht aufstehen kann, erhält eine altersmedizinische Frührehabilitation
- Vitamin D und Kalzium; Beginn der Behandlung des Knochenschwunds noch im Krankenhaus oder kurz danach. Das knochenaufbauende Medikament Teriparatid beschleunigt in Studien die Heilung des Bruchs und das Wiedererlangen der Gehfähigkeit und wird bei diesen Brüchen bevorzugt
Operation (Grad 3 und 4, oder wenn die Behandlung ohne Operation nach 1 bis 2 Wochen nicht hilft)
Stabilisierung über kleine Schnitte: Schrauben vom Darmbein in das Kreuzbein (bei Bedarf mit Knochenzement verstärkt), Stäbe quer durch das Kreuzbein, das Auffüllen des Kreuzbeins mit Knochenzement bei anhaltendem Schmerz, in seltenen Fällen eine Abstützung zwischen Wirbelsäule und Becken. Ziel ist nicht, die Bruchstücke genau in ihre ursprüngliche Lage zurückzubringen, sondern dass die Patientin oder der Patient schmerzfrei aufstehen und gehen kann.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Untersuchung mit Bildern, die Behandlung im Krankenhaus, die Rehabilitation und die Behandlung des Knochenschwunds sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Teriparatid darf bei Knochenschwund mit Knochenbrüchen verordnet werden.
6. Wie geht es weiter?
Die Brüche heilen in der Regel innerhalb von 6 bis 12 Wochen. Etwa ein Drittel der Betroffenen erreicht die frühere Beweglichkeit nicht wieder; innerhalb des ersten Jahres sterben 10–20 % – ähnlich wie nach einem Bruch des Hüftgelenks. Entscheidend für den weiteren Verlauf sind eine frühe Diagnose, rasches Aufstehen und Gehen und eine konsequente Behandlung des Knochenschwunds, damit der nächste Bruch vermieden wird – denn häufig folgt ein Bruch der Hüfte oder eines Wirbelkörpers.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen - Fragility fractures of the pelvis – Klassifikation und Therapieempfehlung (Rommens/Hofmann)
8. Literatur
- Rommens PM, Hofmann A. Comprehensive classification of fragility fractures of the pelvic ring: recommendations for surgical treatment. Injury. 2013;44(12):1733-1744.
- Peichl P, Holzer LA, Maier R, Holzer G. Parathyroid hormone 1-84 accelerates fracture-healing in pubic bones of elderly osteoporotic women. J Bone Joint Surg Am. 2011;93(17):1583-1587.
- Lyders EM, Whitlow CT, Baker MD, Morris PP. Imaging and treatment of sacral insufficiency fractures. AJNR Am J Neuroradiol. 2010;31(2):201-210.
- Andrich S, Haastert B, Neuhaus E, et al. Epidemiology of pelvic fractures in Germany: considerably high incidence rates among older people. PLoS One. 2015;10(9):e0139078.
- Wikipedia, Artikel „Beckenfraktur“: Beckenfraktur (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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