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Ischialgie (Lumboischialgie, Ischias, radikulopathie L4–S1)

Schmerzmedizin

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

Der Name leitet sich vom Ischiasnerv ab (lateinisch Nervus ischiadicus), dem stärksten Nerv des Körpers, der die Rückseite des Beins versorgt. Die Endung „-algie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Schmerz“.

2. Was ist das?

Der Ischias-Schmerz ist ein Schmerz, der in das Gebiet ausstrahlt, das eine oder mehrere Nervenwurzeln der unteren Lendenwirbelsäule versorgen – meist die Wurzeln des vierten und fünften Lendenwirbels und des ersten Kreuzbeinwirbels (in Arztbriefen als L4, L5 und S1 abgekürzt), seltener die des dritten Lendenwirbels. Der Schmerz zieht in die Hüfte, über die Rückseite von Ober- und Unterschenkel bis in den Fuß. Umgangssprachlich wird „Ischias“ oft für jede Art von Schmerzausstrahlung ins Bein verwendet. Ärztlich ist der Begriff enger gefasst: Es geht um Schmerzen, die von einer gereizten Nervenwurzel ausgehen.

2.1 Wie häufig ist das?

Etwa 10–40 % aller Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen Ischias-Schmerz. Am häufigsten tritt er zwischen 40 und 50 Jahren auf, bei Frauen und Männern ähnlich oft. Die häufigste Ursache ist der Bandscheibenvorfall. Weitere Ursachen sind eine Verengung des Wirbelkanals, eine Verengung der Öffnung, durch die die Nervenwurzel die Wirbelsäule verlässt, ein Druck auf den Ischiasnerv durch einen verspannten Gesäßmuskel (Piriformis-Syndrom), ein Wirbelgleiten, Tumoren und Infektionen.

2.2 Ursache und Entstehung

Die Nervenwurzel wird mechanisch eingeengt und/oder durch entzündliche Stoffe gereizt – durch Bandscheibengewebe, Knochen, Narbengewebe oder eine Gewebeneubildung, die Platz beansprucht.

3. Beschwerden

  • Einschießender, elektrisierender Schmerz vom Rücken ins Bein, und zwar genau in dem Hautgebiet, das die betroffene Nervenwurzel versorgt
  • Verstärkung durch Husten, Niesen und Pressen
  • Gefühlsstörungen, Kribbeln
  • Muskelschwäche, je nach betroffener Wurzel: Schwäche beim Anheben der Großzehe (Wurzel des fünften Lendenwirbels), Schwäche beim Anheben oder Senken des Fußes (Wurzeln des fünften Lendenwirbels und des ersten Kreuzbeinwirbels)
  • Veränderte Reflexe: Der Achillessehnenreflex ist bei der Wurzel des ersten Kreuzbeinwirbels abgeschwächt, der Kniesehnenreflex bei den Wurzeln des dritten und vierten Lendenwirbels
  • Nervendehnungszeichen: Wird im Liegen das gestreckte Bein angehoben, strahlt der Schmerz ins Bein aus; bei den oberen Lendenwurzeln geschieht das beim Anheben des Beins in Bauchlage
  • Warnzeichen: Lähmung der untersten Nervenbündel mit Taubheit im Gesäß- und Dammbereich („Reithosengebiet“), Störungen beim Wasserlassen oder Stuhlgang, Beschwerden in beiden Beinen – ein Notfall!

3.1 Bilder

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4. Untersuchung

Anhand des Hautgebiets, in das der Schmerz ausstrahlt, wird die betroffene Nervenwurzel zugeordnet. Dazu kommen die Untersuchung der Nerven (Gefühl, Kraft, Reflexe) und die gezielte Suche nach Warnzeichen.

4.1 Untersuchung mit Bildern

Eine Kernspin-Untersuchung der Lendenwirbelsäule ist nötig, wenn Nervenausfälle zunehmen, wenn die Beschwerden länger als 6 Wochen trotz Behandlung anhalten oder wenn der Verdacht auf eine besondere Ursache besteht. Eine Computer-Röntgenschichtaufnahme wird gemacht, wenn eine Kernspin-Untersuchung nicht möglich ist oder wenn es um Fragen zum Knochen geht. Röntgenbilder in Vorbeugung und Rückbeugung dienen dem Nachweis einer Instabilität der Wirbelsäule.

4.2 Blutuntersuchungen

Bei Warnzeichen (Verdacht auf Tumor oder Infektion): Entzündungswerte im Blut, Blutbild, bei Bedarf weitere Abklärung.

5. Behandlung

Ohne Operation (Regelfall, über 90 %)

  • Aufklärung und Ermutigung, in Bewegung zu bleiben
  • Entzündungshemmende Schmerzmittel, bei Bedarf kurzfristig stark wirksame Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide (zum Beispiel Tramadol)
  • Muskelentspannende Medikamente für kurze Zeit
  • Medikamente gegen Nervenschmerzen aus der Gruppe der Gabapentinoide, wenn ein Teil des Schmerzes vom Nerv selbst ausgeht
  • Krankengymnastik, sobald die akute Phase überwunden ist
  • Reizstrombehandlung, Wärmeanwendungen
  • Spritze an die Nervenwurzel: Kortison wird unter Kontrolle mit Computer-Röntgenschichtaufnahme oder Röntgen-Durchleuchtung gezielt an die Austrittsstelle der Nervenwurzel gespritzt – mittelfristig wirksam
  • Akupunktur

Operation

  • Notfall-Gründe für eine Operation: Lähmung der untersten Nervenbündel, eine plötzliche und zunehmende Teillähmung, bei der der Muskel das Bein nicht mehr gegen die Schwerkraft bewegen kann
  • Planbare Gründe für eine Operation: Die Behandlung ohne Operation bleibt über 6–12 Wochen erfolglos, die Beschwerden passen eindeutig zu dem, was auf den Bildern zu sehen ist, und der Leidensdruck ist hoch
  • Entfernung des vorgefallenen Bandscheibengewebes unter dem Operationsmikroskop (Standardverfahren)
  • Schlüsselloch-Verfahren mit einer Kamera bei bestimmten Fragestellungen

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Die Behandlung ohne Operation einschließlich Krankengymnastik, die Spritze an die Nervenwurzel, Akupunktur (bei langanhaltenden Schmerzen der Lendenwirbelsäule) und Operationen sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse.

6. Wie geht es weiter?

Die Mehrzahl der Ischias-Schmerzen (80 %) bessert sich innerhalb von 6–12 Wochen ohne Operation. Nach einer Operation wegen eines Bandscheibenvorfalls bessern sich die von der Nervenwurzel ausgehenden Beschwerden in 90 % der Fälle rasch. In 5–15 % kommt es zu einem Rückfall.

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.

8. Literatur

  1. Jensen RK, Kongsted A, Kjaer P, Koes B. Diagnosis and treatment of sciatica. BMJ. 2019;367:l6273.
  2. Koes BW, van Tulder MW, Peul WC. Diagnosis and treatment of sciatica. BMJ. 2007;334(7607):1313-1317.
  3. Peul WC, van Houwelingen HC, van den Hout WB, et al. Surgery versus prolonged conservative treatment for sciatica. N Engl J Med. 2007;356(22):2245-2256.
  4. NVL Kreuzschmerz 2017.
  5. Valat JP, Genevay S, Marty M, Rozenberg S, Koes B. Sciatica. Best Pract Res Clin Rheumatol. 2010;24(2):241-252.
  6. Wikipedia, Artikel „Ischialgie“: Ischialgie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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