Diffuse idiopathische Skeletthyperostose (DISH) (Morbus Forestier, Spondylosis hyperostotica)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Der Name „Diffuse idiopathische Skeletthyperostose“ (abgekürzt DISH) bedeutet übersetzt: eine über das Skelett verteilte, überschießende Knochenbildung ohne erkennbare Ursache. Der zweite Name, Morbus Forestier, erinnert an den französischen Rheuma-Arzt Forestier, der die Erkrankung 1950 beschrieben hat. Im Röntgenbild sieht die Wirbelsäule dabei aus, als sei an ihrer Vorderseite Kerzenwachs heruntergelaufen. Der Morbus Forestier ist häufig, wird oft mit dem Morbus Bechterew (einer entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung) verwechselt und meist als harmlose Alterserscheinung abgetan. Zwei Dinge machen die Erkrankung wichtig: Sie ist eng mit Zuckerkrankheit und Übergewicht verknüpft, und eine durchgehend verknöcherte Wirbelsäule bricht wie ein langer Knochen – oft instabil und schon nach kleinen Unfällen.
2. Was ist das?
Für die Diagnose gelten die Merkmale, die die Ärzte Resnick und Niwayama festgelegt haben: eine fließende Verknöcherung entlang der Vorder- und Seitenflächen von mindestens vier zusammenhängenden Wirbelkörpern. Die Bandscheiben behalten dabei weitgehend ihre Höhe, und die Kreuz-Darmbein-Gelenke am Becken sowie die kleinen Wirbelgelenke sind nicht versteift. Hinzu kommen Verknöcherungen außerhalb der Wirbelsäule an den Ansätzen von Sehnen und Bändern – am Becken, am Fersenbein, am Ellenbogen, an der Kniescheibe und am großen Rollhügel des Oberschenkelknochens.
2.1 Wie häufig ist das?
Von den über 50-Jährigen sind 10–25 % betroffen (Männer häufiger), von den über 70-Jährigen bis zu 30 %. Die Häufigkeit nimmt zu, je mehr Menschen übergewichtig oder zuckerkrank sind. Die Erkrankung ist eng verknüpft mit der Zuckerkrankheit vom Typ 2, dem Stoffwechsel-Syndrom (Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhtem Blutzucker und gestörten Blutfetten), erhöhter Harnsäure, gestörten Blutfetten und Bluthochdruck. Am häufigsten ist die untere Brustwirbelsäule betroffen, und zwar auf der rechten Seite, weil links die pulsierende Hauptschlagader liegt; danach folgen Hals- und Lendenwirbelsäule.
2.2 Ursache und Entstehung
Die Ursache ist nicht geklärt. Diskutiert werden Einflüsse des Stoffwechsels und der mechanischen Belastung: Ein zu hoher Insulinspiegel, vermehrte Wachstumsbotenstoffe, das Sättigungshormon Leptin und Entzündungsbotenstoffe regen die knochenbildenden Zellen an den Ansätzen von Bändern und Sehnen an. Auch eine erbliche Veranlagung spielt eine Rolle (Veränderungen in einem Gen für ein Bindegewebs-Eiweiß). Es handelt sich nicht um eine Entzündung – anders als beim Morbus Bechterew –, sondern um eine überschießende Verknöcherung, bei der das vordere Längsband der Wirbelsäule verdickt und mit Fett durchsetzt wird.
3. Beschwerden
- Häufig keine Beschwerden (Zufallsbefund auf einem Röntgenbild oder einer Computer-Röntgenschichtaufnahme); sonst morgendliche Steifigkeit und dumpfer Rückenschmerz, eingeschränkte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule, steifer Brustkorb
- Halswirbelsäule: Schluckbeschwerden, weil die Knochenanlagerungen nach vorn gegen die Speiseröhre drücken (bei bis zu 20 % der Erkrankten mit Befall der Halswirbelsäule), außerdem Heiserkeit, pfeifendes Atemgeräusch, Atemaussetzer im Schlaf und Schwierigkeiten beim Einführen des Beatmungsschlauchs bei einer Narkose
- Beschwerden an Sehnen- und Bandansätzen: Fersensporn, Schmerzen an Ellenbogen, Becken und Knie; steife Schulter
- Verknöcherung des hinteren Längsbands der Halswirbelsäule mit Schädigung des Rückenmarks (häufiger bei Menschen asiatischer Herkunft)
- Wirbelsäulenbrüche schon nach kleinen Unfällen: Der Bruch geht oft durch alle tragenden Teile des Wirbels, ist instabil, und Nervenausfälle treten häufig erst verzögert auf. Außerdem bilden sich nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks in 30–50 % der Fälle Knochenneubildungen im umgebenden Weichgewebe
4. Untersuchung
Die Diagnose wird auf dem Röntgenbild anhand der oben genannten Merkmale gestellt. Am wichtigsten ist die Abgrenzung vom Morbus Bechterew: Dort sind die Erkrankten jung, tragen meist das Erbmerkmal HLA-B27, haben entzündete Kreuz-Darmbein-Gelenke, dünne, auf beiden Seiten gleichmäßige Knochenspangen zwischen den Wirbeln und verkalkte Bandscheiben. Beim Morbus Forestier dagegen sind die Erkrankten älter, die Knochenspangen sind dick, „kerzenwachsartig“ und liegen rechts, und die Kreuz-Darmbein-Gelenke sind frei. Bei allen Erkrankten wird der Stoffwechsel überprüft (Blutzucker und Blutzucker-Langzeitwert, Blutfette, Harnsäure). Nach jedem Sturz oder Verkehrsunfall mit Nackenschmerzen ist eine Computer-Röntgenschichtaufnahme der gesamten Wirbelsäule nötig.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild der Brust- und Lendenwirbelsäule von der Seite: fließende Verknöcherungen an Vorder- und Seitenfläche über mindestens 4 Wirbel, erhaltene Bandscheibenräume, keine Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke (Aufnahme des Beckens); bei Schluckbeschwerden auch die Halswirbelsäule. Computer-Röntgenschichtaufnahme bei Verdacht auf einen Knochenbruch – das einfache Röntgenbild übersieht Brüche in der verknöcherten Wirbelsäule häufig – und zur Planung einer Operation, mit Schichtbildern in Längsrichtung. Kernspin-Untersuchung bei Nervenausfällen (Verknöcherung des hinteren Längsbands, Schädigung des Rückenmarks). Knochenanlagerungen an Becken und Fersen als Nebenbefund.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Entzündungswerte im Blut sind normal, das Erbmerkmal HLA-B27 fehlt (Abgrenzung zum Morbus Bechterew). Stoffwechsel: Nüchtern-Blutzucker und Blutzucker-Langzeitwert, Blutfette, Harnsäure; Vitamin D und Kalzium, wenn zusätzlich Knochenschwund (Osteoporose) besteht. Wichtig: Bei der Knochendichtemessung kann der Morbus Forestier an der Lendenwirbelsäule eine fälschlich zu hohe Knochendichte vortäuschen – deshalb sollte an der Hüfte gemessen werden.
5. Behandlung
- Eine Behandlung der Ursache gibt es nicht. Behandelt werden die Beschwerden und die Begleiterkrankungen (Zuckerkrankheit, Übergewicht, Blutfette, Harnsäure)
- Bewegung: regelmäßiges Beweglichmachen der Wirbelsäule, Krankengymnastik, Rückenschule, Schwimmen, Wärmeanwendungen; die Beweglichkeit lässt sich so teilweise erhalten oder verbessern
- Schmerzbehandlung nach Bedarf mit dem Schmerzmittel Paracetamol oder mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln; Spritzen an schmerzhafte Sehnenansätze; Stoßwellenbehandlung bei Fersensporn
- Schluckbeschwerden: Untersuchung des Schluckvorgangs unter Röntgen-Durchleuchtung mit Videoaufzeichnung, weiche Kost, Schlucktraining in der Logopädie; bei starken Schluckbeschwerden oder verengten Atemwegen werden die Knochenanlagerungen an der Halswirbelsäule operativ abgetragen (gute Erfolge, die Anlagerungen können aber nachwachsen)
- Knochenbrüche: Weil die Brüche instabil sind, werden sie in der Regel operiert und über mehrere Wirbel hinweg stabilisiert (lange Verschraubung); eine Behandlung ohne Operation kommt nur in Frage, wenn die Stabilität nachgewiesen ist. Wird der Bruch erst spät erkannt, sind Komplikationen und Todesfälle häufig
- Vor dem Einsetzen eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks: Vorbeugung gegen Knochenneubildungen im Weichgewebe mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln oder einer einmaligen Bestrahlung
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchungen, Krankengymnastik, Schmerzbehandlung und Operationen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Die Erkrankung schreitet langsam fort, verläuft aber meist gutartig; die Lebenserwartung ist normal. Die Lebensqualität wird vor allem durch die Steifigkeit, die Beschwerden an den Sehnenansätzen und die Begleiterkrankungen des Stoffwechsels bestimmt. Die Gefahr liegt in den Knochenbrüchen: Beim Morbus Forestier und beim Morbus Bechterew ist die Sterblichkeit nach Wirbelsäulenbrüchen deutlich erhöht. Nervenausfälle treten häufig erst Tage nach dem Unfall auf – deshalb ist nach jedem Unfall konsequent eine Computer-Röntgenschichtaufnahme nötig.
7. Leitlinien
- Diffuse idiopathic skeletal hyperostosis – clinical features and pathogenic mechanisms (Übersichten)
- AWMF 033-052 · Verletzungen der Wirbelsäule bei ankylosierenden Erkrankungen (DGOU-Empfehlungen zu Frakturen bei DISH und Spondylitis ankylosans)
→ Im AWMF-Register nach 033-052 suchen
8. Literatur
- Resnick D, Niwayama G. Radiographic and pathologic features of spinal involvement in diffuse idiopathic skeletal hyperostosis (DISH). Radiology. 1976;119(3):559-568.
- Mader R, Verlaan JJ, Buskila D. Diffuse idiopathic skeletal hyperostosis: clinical features and pathogenic mechanisms. Nat Rev Rheumatol. 2013;9(12):741-750.
- Forestier J, Rotes-Querol J. Senile ankylosing hyperostosis of the spine. Ann Rheum Dis. 1950;9(4):321-330.
- Westerveld LA, Verlaan JJ, Oner FC. Spinal fractures in patients with ankylosing spinal disorders: a systematic review of the literature on treatment, neurological status and complications. Eur Spine J. 2009;18(2):145-156.
- Wikipedia, Artikel „Diffuse idiopathische Skeletthyperostose“: Diffuse idiopathische Skeletthyperostose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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