Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans, Axiale Spondyloarthritis)
Rheumatologie
1. Woher kommt der Name?
Die Erkrankung ist nach dem russischen Nervenarzt Wladimir M. Bechterew (1857–1927) benannt, der sie 1893 beschrieb. Die medizinische Bezeichnung Spondylitis ankylosans leitet sich aus dem Griechischen ab: spondylos („Wirbel“), -itis („Entzündung“), ankylos („krumm, versteift“) – also „versteifende Wirbelentzündung“. Moderne Einteilungen fassen den Morbus Bechterew zusammen mit weiteren entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen unter dem Oberbegriff „axiale Spondyloarthritis“ zusammen – das bedeutet entzündliche Gelenkerkrankung der Körperachse, also der Wirbelsäule.
2. Was ist das?
Die axiale Spondyloarthritis ist eine langanhaltende entzündliche Erkrankung des ganzen Körpers, die vor allem die Kreuz-Darmbein-Gelenke (die Verbindung zwischen Kreuzbein und Becken) und die Wirbelsäule betrifft. Sie ist eng mit dem Erbmerkmal HLA-B27 verbunden. Man unterscheidet:
- Form mit Veränderungen im Röntgenbild (der klassische Morbus Bechterew): Die Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke ist im gewöhnlichen Röntgenbild erkennbar
- Form ohne Veränderungen im Röntgenbild: Die Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke zeigt sich nur in der Kernspin-Untersuchung, das Röntgenbild ist unauffällig
Die Erkrankung kann sich auch außerhalb der Gelenke zeigen: als Regenbogenhaut-Entzündung des Auges, als Schuppenflechte (Psoriasis) und als chronisch-entzündliche Darmerkrankung.
2.1 Wie häufig ist das?
In Deutschland sind etwa 0,5–1 % der Bevölkerung betroffen. Männer erkranken etwa zwei- bis dreimal häufiger als Frauen und haben oft schwerere Verläufe. Die Erkrankung beginnt typischerweise zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Das Erbmerkmal HLA-B27 findet sich bei 85–95 % der Erkrankten (in der allgemeinen Bevölkerung bei etwa 8 %).
2.2 Ursachen und Entstehung
Die genaue Ursache ist unklar. Vermutet wird ein Zusammenspiel von erblicher Veranlagung (das Erbmerkmal HLA-B27 und weitere Erbanlagen) und Umwelteinflüssen (möglicherweise die Darmbakterien oder Infektionen als Auslöser). Die Entzündung beginnt an den Ansatzstellen von Sehnen und Bändern am Knochen. Zwei Entzündungs-Botenstoffe (Interleukin-17 und Interleukin-23) spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung.
3. Beschwerden
Das Hauptanzeichen ist der entzündliche Rückenschmerz. Die internationale Fachgesellschaft für Spondyloarthritis beschreibt ihn mit typischen Merkmalen:
- Beginn vor dem 40. Lebensjahr
- Schleichender Beginn
- Besserung durch Bewegung
- Keine Besserung in Ruhe
- Nächtlicher Schmerz (vor allem in der zweiten Nachthälfte)
- Morgensteifigkeit länger als 30 Minuten
Weitere Anzeichen:
- Schmerz in den Kreuz-Darmbein-Gelenken (die Gesäßseite wechselt); Druck auf das Gelenk und das Überstrecken des Beins in Bauchlage lösen den Schmerz aus
- Gelenkentzündung einzelner Gelenke, ungleich auf beide Körperseiten verteilt (vor allem Knie und Sprunggelenk)
- Entzündung der Sehnenansätze (Achillessehne, Ansatz der Fußsohlensehne, Brustbein, Beckenkämme)
- Entzündliche Schwellung ganzer Finger oder Zehen („Wurstfinger“, „Wurstzehen“)
- Regenbogenhaut-Entzündung des Auges: einseitig, immer wiederkehrend – bei etwa 25–40 % im Verlauf
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) bei etwa 5–10 %
- Schuppenflechte bei etwa 10 %
- Im Verlauf nimmt die Beweglichkeit der Wirbelsäule ab. Gemessen werden zum Beispiel: wie weit sich die Lendenwirbelsäule beim Vorbeugen dehnt, der Abstand der Fingerspitzen zum Boden beim Vorbeugen, die Seitneigung der Wirbelsäule, der Abstand zwischen Kinn und Brustbein und der Abstand des Hinterkopfs zur Wand (Halswirbelsäule)
- Spätes Stadium: „Bambusstab-Wirbelsäule“ (vollständige Versteifung)
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose richtet sich nach den Einteilungskriterien der internationalen Fachgesellschaft für Spondyloarthritis: Rückenschmerz seit mehr als 3 Monaten mit Beginn vor dem 45. Lebensjahr, plus entweder eine Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke in der Bildgebung und mindestens ein weiteres Merkmal oder das Erbmerkmal HLA-B27 und mindestens zwei weitere Merkmale. Merkmale sind: entzündlicher Rückenschmerz, Gelenkentzündung, Entzündung der Sehnenansätze, Regenbogenhaut-Entzündung, Wurstfinger oder Wurstzehen, Schuppenflechte, chronisch-entzündliche Darmerkrankung, gutes Ansprechen auf entzündungshemmende Schmerzmittel, Fälle in der Familie, erhöhte Entzündungswerte im Blut.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Kernspin-Untersuchung der Kreuz-Darmbein-Gelenke (mit besonderen Aufnahmetechniken, ohne Kontrastmittel) ist das beste Verfahren zur Früherkennung: Eine Wasseransammlung im Knochenmark zeigt eine aktive Entzündung; außerdem sind Knochendefekte, Verdichtungen, Fetteinlagerungen und Versteifungen erkennbar. Als aktive Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke gilt nach der internationalen Fachgesellschaft eine typische Wasseransammlung im Knochenmark direkt unter dem Gelenkknorpel, an typischer Stelle und in ausreichender Ausdehnung.
Röntgenbild des Beckens mit Darstellung der Kreuz-Darmbein-Gelenke: Einteilung nach den New-York-Kriterien in die Grade 0–4. Zu sehen sind Verdichtungen, Knochendefekte, ein schmalerer Gelenkspalt und Versteifung.
Röntgenbild der Wirbelsäule (Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule von der Seite) im Verlauf: Knochenspangen zwischen den Wirbeln, Bambusstab-Wirbelsäule, kastenförmige Wirbelkörper, helle Ecken der Wirbelkörper als Frühzeichen.
Computer-Röntgenschichtaufnahme bei Fragen zum Knochen, zum Beispiel bei Knochenbrüchen in der versteiften Wirbelsäule.
4.2 Blutuntersuchungen
- Erbmerkmal HLA-B27: bei etwa 85 % nachweisbar (stützt die Diagnose, beweist sie allein aber nicht)
- Entzündungswerte im Blut (Blutsenkung und C-reaktives Protein): bei aktiver Erkrankung erhöht, aber in bis zu 40 % trotz aktiver Entzündung normal
- Rheuma-Antikörper im Blut sind nicht nachweisbar (Abgrenzung zur rheumatoiden Arthritis, dem entzündlichen Gelenkrheuma)
- Vor biotechnologisch hergestellten Rheumamedikamenten: Bluttest auf Tuberkulose, Test auf Leberentzündung durch Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Viren
5. Behandlung
Die Behandlung folgt der Behandlungsleitlinie zur axialen Spondyloarthritis (Register-Nummer 060-003) und den Empfehlungen der internationalen Fachgesellschaft für Spondyloarthritis und der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft.
Grundlage: Behandlung ohne Medikamente
- Tägliche Krankengymnastik und Bewegung sind unverzichtbar und begleiten das ganze Leben – ohne sie gibt es keinen guten Verlauf auf Dauer
- Sport in der Gruppe, Rehabilitationssport, Schwimmen
- Funktionstraining in besonderen Bechterew-Gruppen (Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew)
- Schulung der Patientinnen und Patienten
- Mit dem Rauchen aufhören (Rauchen verschlechtert den Verlauf erheblich)
Behandlung mit Medikamenten
- Entzündungshemmende Schmerzmittel sind die erste Wahl – bei aktiver Erkrankung wirken sie bei regelmäßiger Einnahme besser als bei Einnahme nur nach Bedarf. Zum Beispiel Naproxen, Etoricoxib, Celecoxib, Diclofenac
- Weitere Schmerzmittel zusätzlich
- Herkömmliche Basismedikamente gegen Rheuma: Sulfasalazin wirkt nur auf die Entzündung einzelner Gelenke an Armen und Beinen, nicht auf die Wirbelsäule
- Biotechnologisch
hergestellte Rheumamedikamente bei anhaltend aktiver Erkrankung:
- Hemmstoffe des Entzündungs-Botenstoffs Tumornekrosefaktor: Adalimumab, Etanercept, Infliximab, Certolizumab, Golimumab
- Hemmstoffe des Entzündungs-Botenstoffs Interleukin-17: Secukinumab, Ixekizumab
- Entzündungshemmer in Tablettenform für schweres Rheuma (Upadacitinib, Tofacitinib) – zugelassen
- Kortison-Spritze in das Gelenk bei Entzündung einzelner Gelenke, oder Spritze in das Kreuz-Darmbein-Gelenk unter Bildkontrolle (Computer-Röntgenschichtaufnahme oder Ultraschall)
- Kortison als Tablette nur in Ausnahmefällen – an der Wirbelsäule wenig wirksam
Operationen
- Künstliches Hüftgelenk bei entzündlicher Zerstörung des Hüftgelenks (für bis zu 30 % der Betroffenen von Bedeutung)
- Aufrichtende Operation der Wirbelsäule bei schwerer, festgestellter Rundrückenbildung (selten, in Spezialkliniken)
- Operative Stabilisierung bei Wirbelbrüchen (Achtung: in der versteiften Wirbelsäule mit hohem Risiko verbunden!)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle genannten Behandlungen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein entsprechender Grund vorliegt. Die Versorgung erfolgt idealerweise im Zusammenspiel von Hausarztpraxis, Rheumatologin oder Rheumatologe und Krankengymnastik. Die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew bietet bundesweit Funktions- und Gruppentraining an, das über eine Heilmittelverordnung abgerechnet werden kann (Rezept: Funktionstraining im Wasser oder an Land).
6. Wie geht es weiter?
Der Verlauf hat sich durch biotechnologisch hergestellte Rheumamedikamente, besonders die Hemmstoffe des Interleukin-17, deutlich verbessert. Bei früher Diagnose und konsequenter Behandlung bleiben die meisten Betroffenen voll beweglich und leistungsfähig. Schwere Versteifungen und Bambusstab-Wirbelsäulen sind seltener geworden. Die Lebenserwartung ist bei guter Betreuung nahezu normal. Wichtig: In der versteiften Wirbelsäule können schon geringe Verletzungen zu Wirbelbrüchen führen – die Vorbeugung von Stürzen und eine gute Aufklärung sind wichtig. Bei jedem Verdacht nach einem Sturz sofort eine Computer-Röntgenschichtaufnahme anfertigen lassen.
7. Leitlinien
- AWMF 060-003 · Axiale Spondyloarthritis inklusive Morbus Bechterew
→ Im AWMF-Register nach 060-003 suchen
8. Literatur
- Ramiro S, Nikiphorou E, Sepriano A, et al. ASAS-EULAR recommendations for the management of axial spondyloarthritis: 2022 update. Ann Rheum Dis. 2023;82(1):19-34.
- Sieper J, Poddubnyy D. Axial spondyloarthritis. Lancet. 2017;390(10089):73-84.
- Rudwaleit M, van der Heijde D, Landewé R, et al. The development of Assessment of SpondyloArthritis international Society classification criteria for axial spondyloarthritis. Ann Rheum Dis. 2009;68(6):770-776.
- DGRh S3-Leitlinie axiale Spondyloarthritis (AWMF 060-003).
- Braun J, Sieper J. Ankylosing spondylitis. Lancet. 2007;369(9570):1379-1390.
- van der Heijde D, Ramiro S, Landewé R, et al. 2016 update of the ASAS-EULAR management recommendations for axial spondyloarthritis. Ann Rheum Dis. 2017.
- Wikipedia, Artikel „Morbus Bechterew“: Spondylitis ankylosans (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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