Atypische Femurfraktur (AFF, Bisphosphonat-assoziierte Oberschenkelfraktur)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Atypisch“ heißt „untypisch“, „Femur“ ist das lateinische Wort für den Oberschenkelknochen, und „Fraktur“ bedeutet Knochenbruch. Gemeint ist also ein ungewöhnlicher Bruch des Oberschenkelknochens. Die Medikamente, die Knochenbrüche bei Osteoporose (Knochenschwund) verhindern, können in seltenen Fällen selbst einen solchen Bruch begünstigen. Dieser scheinbare Widerspruch verunsichert viele Betroffene und führt dazu, dass wirksame Behandlungen abgesetzt werden. Die Zahlen helfen beim Einordnen: Auf 100.000 Behandlungsjahre verhindern knochenschützende Medikamente (Bisphosphonate) etwa 100–1.000 Brüche des Hüftgelenks und verursachen etwa 2–10 untypische Brüche. Wichtig ist, die Warnzeichen zu kennen, denn der Bruch kündigt sich an und lässt sich abwenden.
2. Was ist das?
Die amerikanische Fachgesellschaft für Knochen- und Mineralstoffwechsel hat 2014 festgelegt, was als untypischer Oberschenkelbruch gilt: ein Bruch im Schaft des Oberschenkelknochens – zwischen dem kleinen Rollhügel (einem Knochenvorsprung nahe dem Hüftgelenk) und dem Bereich kurz oberhalb des Kniegelenks –, der ohne oder nach nur sehr geringer Gewalteinwirkung entsteht. Mindestens vier von fünf Hauptmerkmalen müssen vorliegen:
- Der Bruch verläuft quer oder nur kurz schräg durch den Knochen.
- Er beginnt an der Knochenrinde der Außenseite.
- Es gibt keine oder nur eine sehr kleine Zone mit Knochensplittern.
- Bei einem vollständigen Bruch zeigt sich an der Innenseite eine Spitze („Schnabel“).
- An der Außenseite ist die Knochenrinde örtlich verdickt (von außen oder von innen her).
Nebenmerkmale sind eine allgemeine Verdickung der Knochenrinde, Vorbotenschmerz, Befall beider Seiten und eine verzögerte Heilung.
2.1 Wie häufig ist das?
Unter knochenschützenden Medikamenten liegt das Risiko bei etwa 3 Fällen auf 10.000 Behandlungsjahre. Es hängt stark von der Dauer der Behandlung ab: Im ersten Jahr sind es weniger als 2 Fälle auf 100.000 Behandlungsjahre, nach 8–10 Jahren über 100 auf 100.000. Nach dem Absetzen sinkt das Risiko innerhalb eines Jahres um etwa 70 %. Ein höheres Risiko besteht bei Menschen asiatischer Herkunft, bei Einnahme von Kortison, bei einer O-Bein-Stellung des Oberschenkelknochens und bei jüngerem Alter. Solche Brüche wurden auch unter dem Antikörper gegen Knochenabbau (Denosumab) und bei der Hypophosphatasie (einer seltenen angeborenen Störung des Knochenstoffwechsels) beschrieben. Bei 25–50 % der Betroffenen ist auch die Gegenseite betroffen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Bisphosphonate bremsen den Umbau des Knochens sehr stark und sehr lange. Kleinste Risse, die der Knochen normalerweise selbst ausbessert, sammeln sich dadurch an – vor allem an der stark belasteten Außenseite des Oberschenkelknochens, wo Zugkräfte wirken. Der Knochen wird gleichmäßiger mit Mineralien beladen und dadurch spröder. So entsteht ein Ermüdungsbruch, der zunächst unvollständig ist und bei weiterer Belastung ganz durchbricht. Die Form des Oberschenkelknochens (O-Bein-Stellung, Krümmung) bestimmt, wo die Belastung am größten ist.
3. Beschwerden
- Vorbotenschmerz (bei etwa 70 %): dumpfer Schmerz im Oberschenkel oder in der Leiste über Wochen bis Monate, der bei Belastung stärker wird – das entscheidende Warnzeichen unter Medikamenten, die den Knochenabbau bremsen
- Vollständiger Bruch bei einer Kleinigkeit (Aufstehen, Treppensteigen, Gehen), gelegentlich mit hörbarem Knacken
- Beschwerden an beiden Seiten sind möglich
- Verzögerte Heilung des Bruchs – es bleibt häufiger ein Falschgelenk zurück
4. Untersuchung
Wer Medikamente gegen den Knochenabbau einnimmt (besonders seit mehr als 3–5 Jahren) und neue Schmerzen im Oberschenkel oder in der Leiste bekommt, braucht ein Röntgenbild beider Oberschenkelknochen in ganzer Länge. Ist das Röntgenbild unauffällig und bleibt der Verdacht bestehen, folgt eine Kernspin-Untersuchung. Außerdem werden Dauer und Grund der Behandlung überprüft und eine Hypophosphatasie (ist der Knochenstoffwechsel-Wert im Blut erniedrigt?) sowie eine Knochenerweichung ausgeschlossen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild des gesamten Oberschenkelknochens auf beiden Seiten: eine örtliche Verdickung der Knochenrinde an der Außenseite, eine quer verlaufende helle Linie als Zeichen eines unvollständigen Bruchs, bei einem vollständigen Bruch der quere Verlauf mit einer Spitze an der Innenseite. Kernspin-Untersuchung: zeigt im Frühstadium eine Wasseransammlung im Knochenmark und die Bruchlinie in der Knochenrinde. Knochenszintigraphie bei unklarem Befund. Geräte zur Knochendichtemessung mit erweiterter Aufnahme des Oberschenkelknochens können Verdickungen der Knochenrinde schon bei der Vorsorge erfassen.
4.2 Blutuntersuchungen
Knochenstoffwechsel-Wert im Blut (alkalische Phosphatase, zum Ausschluss einer Hypophosphatasie), Kalzium, Phosphat, Vitamin-D-Wert im Blut, Nebenschilddrüsenhormon, Kreatinin (Nierenwert) sowie Knochenumbau-Werte im Blut (diese sind unter Bisphosphonaten stark gedrückt).
5. Behandlung
- Das Medikament gegen den Knochenabbau absetzen (Bisphosphonat oder Denosumab – nach dem Absetzen von Denosumab droht ein rascher Knochenverlust, deshalb ist eine fachärztliche Begleitung durch einen Knochenspezialisten nötig); ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D sicherstellen
- Unvollständiger Bruch ohne helle Linie im Röntgenbild, wenig Schmerz: Teilentlastung mit Gehstützen, weniger Belastung für 2–3 Monate, engmaschige Röntgenkontrollen. Keine Besserung nach 2–3 Monaten: vorbeugende operative Stabilisierung
- Unvollständiger Bruch mit heller Linie im Röntgenbild oder mit Schmerz: vorbeugende Stabilisierung mit einem Nagel im Markraum des Knochens (ein über die gesamte Länge des Oberschenkelknochens eingebrachter, mit Schrauben verriegelter Nagel) – das verhindert den vollständigen Bruch und verkürzt die Heilung deutlich
- Vollständiger Bruch: Stabilisierung mit einem verriegelten Nagel im Markraum. Platten sind nicht geeignet, weil sie zu oft versagen. Auf eine O-Bein-Stellung achten
- Knochenaufbauende Medikamente (Teriparatid) nach dem Bruch oder bei verzögerter Heilung: In Fallberichten hilfreich und die Behandlung der Wahl, wenn die Osteoporose weiter behandelt werden muss. Romosozumab ist eine Alternative
- Die Gegenseite untersuchen und beobachten
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Untersuchungen mit Bildern, die Operation und Teriparatid (wenn ein entsprechender Grund vorliegt) bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Nach der Stabilisierung mit einem Nagel im Markraum heilen vollständige Brüche meist, aber langsamer als gewöhnliche Brüche des Oberschenkelknochens (mehrere Monate; in bis zu 10–15 % bleibt ein Falschgelenk zurück). Vorbeugend stabilisierte unvollständige Brüche heilen sehr gut aus. Das Risiko für die Gegenseite bleibt erhöht. Nach dem Absetzen des Medikaments gegen den Knochenabbau sinkt das Risiko rasch. Die Osteoporose muss dennoch weiter behandelt werden – das Risiko für „gewöhnliche“ Brüche an Hüfte und Wirbelsäule ist um ein Vielfaches höher.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen - Atypical subtrochanteric and diaphyseal femoral fractures: second report of a task force of the ASBMR
8. Literatur
- Shane E, Burr D, Abrahamsen B, et al. Atypical subtrochanteric and diaphyseal femoral fractures: second report of a task force of the American Society for Bone and Mineral Research. J Bone Miner Res. 2014;29(1):1-23.
- Black DM, Geiger EJ, Eastell R, et al. Atypical femur fracture risk versus fragility fracture prevention with bisphosphonates. N Engl J Med. 2020;383(8):743-753.
- Dell RM, Adams AL, Greene DF, et al. Incidence of atypical nontraumatic diaphyseal fractures of the femur. J Bone Miner Res. 2012;27(12):2544-2550.
- Adler RA, El-Hajj Fuleihan G, Bauer DC, et al. Managing osteoporosis in patients on long-term bisphosphonate treatment: report of a task force of the ASBMR. J Bone Miner Res. 2016;31(1):16-35.
- Wikipedia, Artikel „Atypische Femurfraktur“: Atypische Femurfraktur (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
Fragen zu Atypische Femurfraktur?
Vereinbaren Sie einen Termin in unserer Praxis – wir beraten Sie persönlich.
