Vitamin-D-Mangel (Hypovitaminose D, Calciferolmangel)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Vitamin D ist kein Vitamin im klassischen Sinn, sondern ein Hormon, das die Haut unter Sonnenlicht selbst bildet. Es steuert die Aufnahme von Kalzium im Darm und die Einlagerung von Mineralien in den Knochen. Zwischen Oktober und März reicht die Sonne in Hamburg dafür nicht aus – entsprechend häufig ist der Mangel, vor allem bei älteren Menschen, die sich wenig im Freien bewegen.
2. Was ist das?
Gemessen wird der Vitamin-D-Wert im Blut (die Speicherform des Vitamins, Calcidiol). Nach der Festlegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und des amerikanischen Instituts für Medizin gilt:
- unter 30 nmol/l (unter 12 ng/ml): Mangel – Gefahr einer Knochenerweichung bei Erwachsenen und einer Rachitis (Knochenerweichung mit Verformung) bei Kindern
- 30 bis 50 nmol/l (12 bis 20 ng/ml): unzureichende Versorgung
- 50 nmol/l oder mehr (20 ng/ml oder mehr): ausreichend; der Dachverband der deutschsprachigen Knochen-Fachgesellschaften empfiehlt für Menschen mit Knochenschwund mindestens 50 nmol/l, viele Knochenspezialisten streben 75 nmol/l (30 ng/ml) an
- über 250 nmol/l (über 100 ng/ml): möglicherweise giftig
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Nach der großen Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts haben rund 30 % der Erwachsenen in Deutschland Werte unter 30 nmol/l, über 60 % liegen unter 50 nmol/l – im Winter deutlich mehr. Besonders betroffen sind Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen (bis zu 90 %), Menschen mit dunkler Haut, Menschen mit verhüllender Kleidung, Menschen mit starkem Übergewicht, Menschen mit einer gestörten Nährstoffaufnahme im Darm und Menschen, die Medikamente gegen Krampfanfälle einnehmen.
2.2 Ursache und Entstehung
Ursachen sind: zu wenig ultraviolettes Sonnenlicht auf der Haut (Jahreszeit, geografische Breite, Alter, Sonnenschutz, Kleidung); zu geringe Zufuhr über die Nahrung (fetter Fisch, Eier und angereicherte Lebensmittel liefern nur 2 bis 4 µg täglich); eine gestörte Aufnahme im Darm (bei Zöliakie, also Unverträglichkeit des Klebereiweißes aus Getreide, bei der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn, nach Magenverkleinerungs-Operationen oder bei einer Schwäche der Bauchspeicheldrüse); ein beschleunigter Abbau (durch Medikamente gegen Krampfanfälle, das Tuberkulose-Medikament Rifampicin oder Kortison); Leber- oder Nierenerkrankungen (das Vitamin kann nicht in seine wirksame Form umgewandelt werden); starkes Übergewicht (das Vitamin wird im Fettgewebe gespeichert und steht nicht zur Verfügung). Die Folge: Der Darm nimmt weniger Kalzium auf, die Nebenschilddrüsen schütten daraufhin mehr Hormon aus, und dieses löst Kalzium aus dem Knochen – der Knochen wird abgebaut. Bei schwerem Mangel wird der Knochen nicht mehr richtig mit Mineralien eingelagert: Es kommt zur Knochenerweichung, bei Kindern zur Rachitis.
3. Beschwerden
- Leichter Mangel: keine Beschwerden
- Unbestimmte Knochenschmerzen (Beckenkamm, Rippen und Schienbein sind druckschmerzhaft), Muskelschwäche besonders der Oberschenkel (Aufstehen aus dem Sitzen, Treppensteigen fallen schwer), watschelnder Gang
- Erhöhte Neigung zu Stürzen bei älteren Menschen
- Bei schwerem Mangel: Knochenerweichung mit Umbauzonen im Knochen, die im Röntgenbild wie unvollständige Brüche aussehen; bei Kindern Rachitis
- Viele der verbreiteten Zuschreibungen (Wirkung gegen Depressionen, Schutz vor Krebs, Schutz vor Infekten) sind nicht belegt – große Studien zeigten dafür keinen Nutzen
4. Untersuchung
Der Vitamin-D-Wert im Blut wird bei begründetem Verdacht bestimmt: bei Knochenschwund, nach einem Knochenbruch, bei Knochenschmerzen, Muskelschwäche, gestörter Nährstoffaufnahme im Darm, Nierenschwäche, Überfunktion der Nebenschilddrüsen und vor Beginn einer Behandlung des Knochenschwunds. Eine Reihenuntersuchung der gesunden Bevölkerung wird nicht empfohlen. Die Messung der aktivierten Hormonform des Vitamin D ist zur Erkennung eines Mangels nicht geeignet.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Nicht erforderlich. Bei Verdacht auf Knochenerweichung werden ein Röntgenbild (Suche nach den typischen Umbauzonen im Knochen) und eine Knochendichtemessung gemacht. Ein Vitamin-D-Mangel täuscht in der Knochendichtemessung einen Knochenschwund vor, der sich unter der Vitamin-D-Gabe teilweise „zurückbildet“.
4.2 Blutuntersuchungen
Bestimmt wird der Vitamin-D-Wert im Blut. Bei schwerem Mangel zusätzlich: Kalzium (normal bis erniedrigt), Phosphat (erniedrigt), der Knochenstoffwechsel-Wert (erhöht), das Nebenschilddrüsenhormon (erhöht als Reaktion auf den Kalziummangel) und der Nierenwert Kreatinin. Der Vitamin-D-Wert wird frühestens nach 3 Monaten Einnahme erneut kontrolliert.
5. Behandlung
- Vorbeugung: 800 bis 1000 Internationale Einheiten (20 bis 25 µg) Vitamin D₃ täglich für ältere Menschen, Menschen mit Knochenschwund und alle, die wenig in die Sonne kommen; Säuglinge erhalten im ersten Lebensjahr 400 bis 500 Einheiten täglich
- Nachgewiesener Mangel: 1000 bis 2000 Einheiten täglich; bei Werten unter 30 nmol/l bei Bedarf für begrenzte Zeit eine höhere Auffüllmenge (zum Beispiel 20.000 Einheiten einmal wöchentlich für 8 bis 12 Wochen), danach die Erhaltungsmenge. Sehr hohe Einzelgaben (300.000 bis 500.000 Einheiten auf einmal) sind nicht empfehlenswert – sie erhöhten in Studien die Zahl der Stürze
- Gestörte Nährstoffaufnahme im Darm oder starkes Übergewicht: höhere Mengen nötig, Kontrolle des Blutwerts
- Nierenschwäche: bei Bedarf die bereits aktivierte Form des Vitamin D (Calcitriol oder Alfacalcidol) nach Rücksprache mit dem Nierenfacharzt
- Sonnenlicht: Im Sommer genügen 10 bis 20 Minuten mit unbedeckten Armen und unbedecktem Gesicht mehrmals pro Woche; keine Solarien
- Immer zusammen mit einer ausreichenden Kalziumzufuhr (1000 mg pro Tag)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Bestimmung des Vitamin-D-Werts im Blut bezahlt die gesetzliche Krankenkasse bei begründetem Verdacht (Knochenschwund, Knochenerweichung, gestörte Nährstoffaufnahme im Darm, Nierenschwäche und anderes), nicht aber als Vorsorge beim Gesunden – dann ist sie eine Selbstzahlerleistung (etwa 20 bis 30 €). Vitamin-D-Präparate sind rezeptfrei erhältlich und können bei Knochenschwund oder nachgewiesenem Mangel als Rezeptur auf Kassenrezept verordnet werden.
6. Wie geht es weiter?
Der Mangel ist einfach zu beheben. Muskelschwäche und Knochenschmerzen bessern sich innerhalb von Wochen bis Monaten, die Einlagerung von Mineralien in den Knochen normalisiert sich innerhalb eines Jahres. Bei älteren Menschen senkt Vitamin D zusammen mit Kalzium die Zahl der Hüftbrüche um etwa 15 bis 20 % – Vitamin D allein tut das nicht. Eine Überdosierung (zu viel Kalzium im Blut, Nierensteine, Nierenversagen) kommt praktisch nur durch die unkontrollierte Einnahme sehr hoher Mengen vor.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen - Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Vitamin D
8. Literatur
- Holick MF. Vitamin D deficiency. N Engl J Med. 2007;357(3):266-281.
- Rabenberg M, Scheidt-Nave C, Busch MA, et al. Vitamin D status among adults in Germany – results from the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1). BMC Public Health. 2015;15:641.
- Manson JE, Cook NR, Lee IM, et al. Vitamin D supplements and prevention of cancer and cardiovascular disease (VITAL). N Engl J Med. 2019;380(1):33-44.
- Sanders KM, Stuart AL, Williamson EJ, et al. Annual high-dose oral vitamin D and falls and fractures in older women: a randomized controlled trial. JAMA. 2010;303(18):1815-1822.
- Ross AC, Manson JE, Abrams SA, et al. The 2011 report on dietary reference intakes for calcium and vitamin D from the Institute of Medicine. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(1):53-58.
- Wikipedia, Artikel „Vitamin-D-Mangel“: Vitamin-D-Mangel (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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