Tumorinduzierte Osteomalazie (TIO, onkogene Osteomalazie)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Osteomalazie bedeutet Knochenerweichung; „tumorinduziert“ heißt „durch einen Tumor ausgelöst“. Ein typisches Beispiel: Ein Erwachsener wird über Monate immer schwächer, hat überall Knochenschmerzen, erleidet Knochenbrüche – und niemand findet etwas. Vom ersten Anzeichen bis zur Diagnose vergehen im Mittel über fünf Jahre. Dabei genügt ein einziger Blutwert, das Phosphat, um auf die richtige Spur zu kommen. Die Entfernung des meist erbsen- bis walnussgroßen Tumors heilt die Krankheit vollständig.
2. Was ist das?
Ein im Laufe des Lebens erworbener Phosphatmangel im Blut, der durch einen Tumor verursacht wird: Der Tumor bildet zu viel vom Phosphat-Hormon FGF23. Es handelt sich meist um eine gutartige Geschwulst aus Bindegewebe, die im Knochen oder in den Weichteilen irgendwo im Körper sitzen kann. Die Folge ist eine Knochenerweichung, weil die Niere zu viel Phosphat ausscheidet und Vitamin D nicht mehr ausreichend wirksam gemacht wird.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Sehr selten – weltweit sind wenige hundert bis tausend Fälle beschrieben; vermutlich wird die Erkrankung aber erheblich häufiger übersehen. Betroffen sind Erwachsene jeden Alters, am häufigsten zwischen 40 und 60 Jahren, Männer und Frauen gleich oft. Die Tumoren sitzen bevorzugt in den Beinen, im Becken, im Kopf-Hals-Bereich (vor allem in den Nasennebenhöhlen!) sowie an Händen und Füßen.
2.2 Ursache und Entstehung
Das Phosphat-Hormon aus dem Tumor wirkt genauso wie bei der erblichen Form des Phosphatmangels: Die Niere verliert Phosphat, weil die Rückgewinnung in den Nierenkanälchen gehemmt wird, und das Enzym, das Vitamin D wirksam macht, wird gebremst. Der Phosphatmangel führt dazu, dass der Knochen zu wenig Mineralien einlagert (Knochenerweichung) und die Muskeln schwach werden. Der Tumor selbst ist meist klein, wächst langsam und ist in über 95 % der Fälle gutartig; bösartige Formen sind beschrieben.
3. Beschwerden
- Schleichend über Monate bis Jahre: Knochenschmerzen am ganzen Körper, zunehmende Schwäche der rumpfnahen Muskeln (Aufstehen, Treppensteigen), Gangstörung
- Wiederholte Knochenbrüche und unvollständige Brüche (Rippen, Becken, Oberschenkel, Wirbelkörper), Verlust an Körpergröße
- Erschöpfung, Gewichtsverlust, Depression; häufig Verwechslung mit Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz), Knochenschwund, entzündlichem Wirbelsäulenrheuma oder einer seelisch bedingten Störung
- Der Tumor selbst ist meist nicht tastbar; gelegentlich fällt eine schmerzhafte Weichteilschwellung auf
4. Untersuchung
Erster Schritt: Phosphat im Blut – dieser Wert gehört nicht zu den üblichen Blutuntersuchungen! Er ist erniedrigt, während die Niere zu viel Phosphat ausscheidet (die Rückgewinnung von Phosphat in der Niere ist vermindert). Dann: das Phosphat-Hormon (erhöht), das wirksame Vitamin D (unangemessen niedrig), der Knochenstoffwechsel-Wert im Blut (erhöht), Kalzium und Nebenschilddrüsenhormon (normal bis leicht erhöht). Erbliche Formen des Phosphatmangels müssen ausgeschlossen werden (Erkrankungen in der Familie? Ein Beginn im Erwachsenenalter spricht für die tumorbedingte Form; bei Bedarf ein Gentest). Zweiter Schritt: die Suche nach dem Tumor – oft die eigentliche Herausforderung.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Zuerst Verfahren, die den Stoffwechsel sichtbar machen: eine Stoffwechsel-Bildgebung mit einer schwach radioaktiven Substanz, die an Andockstellen auf dem Tumor bindet (sie findet den Tumor in über 90 % der Fälle), oder mit radioaktiv markiertem Traubenzucker, oder eine Kernspin-Untersuchung des ganzen Körpers. Danach wird die genaue Lage mit Kernspin-Untersuchung oder Computer-Röntgenschichtaufnahme bestimmt. Wird der Tumor nicht gefunden, kann das Phosphat-Hormon gezielt aus dem Blut einzelner Venen bestimmt werden, um die Körperregion einzugrenzen. Am Skelett zeigen Röntgenbild oder Computer-Röntgenschichtaufnahme Umbauzonen, die wie Bruchlinien aussehen, sowie Knochenbrüche. Die Knochendichtemessung ergibt erniedrigte Werte – die Knochenerweichung täuscht einen Knochenschwund vor.
4.2 Blutuntersuchungen
Phosphat erniedrigt, Phosphat-Rückgewinnung in der Niere vermindert, Phosphat-Hormon erhöht, wirksames Vitamin D erniedrigt oder normal, Knochenstoffwechsel-Wert erhöht, Kalzium normal, Nebenschilddrüsenhormon normal oder erhöht, Vitamin-D-Speicherwert normal, Nierenwert normal. Während der Behandlung werden Phosphat, Kalzium, Nebenschilddrüsenhormon, Knochenstoffwechsel-Wert und das Kalzium im Urin kontrolliert.
5. Behandlung
- Vollständige operative Entfernung des Tumors mit Sicherheitsabstand – das heilt die Erkrankung: Das Phosphat normalisiert sich innerhalb von Tagen, Knochen und Muskeln erholen sich über Monate
- Wenn der Tumor nicht gefunden werden kann oder nicht operierbar ist: Burosumab, ein Antikörper gegen das Phosphat-Hormon (in der Europäischen Union für den durch dieses Hormon verursachten Phosphatmangel bei dieser Erkrankung zugelassen), oder die herkömmliche Behandlung mit Phosphat zum Einnehmen plus wirksamem Vitamin D (Calcitriol). In Einzelfällen: Verödung des Tumors mit Hitze, Bestrahlung oder der Hormon-Hemmstoff Octreotid
- Knochenbrüche und unvollständige Brüche werden orthopädisch versorgt; Krankengymnastik zum Muskelaufbau, sobald das Phosphat wieder normal ist
- Betreuung in einem Zentrum für Knochenerkrankungen; nach der Entfernung des Tumors jährliche Kontrolle von Phosphat und Phosphat-Hormon, weil die Erkrankung wiederkehren kann
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Untersuchung einschließlich der Stoffwechsel-Bildgebung (bei begründetem Verdacht), die Operation und Burosumab sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Nach vollständiger Entfernung des Tumors sind über 90 % geheilt; in etwa 5–10 % kommt die Erkrankung zurück, meist wenn der Tumor nicht vollständig entfernt wurde. Die Knochenerweichung heilt vollständig aus; Verformungen und Folgen von Knochenbrüchen können bleiben. Mit Medikamenten lassen sich die Beschwerden gut beherrschen. Die Lebensqualität vor der Diagnose ist oft über Jahre massiv eingeschränkt – das Wichtigste bei dieser Erkrankung ist, überhaupt an sie zu denken.
7. Leitlinien
- Tumour-induced osteomalacia – Nature Reviews Disease Primers (Konsensusübersicht)
8. Literatur
- Minisola S, Peacock M, Fukumoto S, et al. Tumour-induced osteomalacia. Nat Rev Dis Primers. 2017;3:17044.
- Jan de Beur SM, Minisola S, Xia WB, et al. Global guidance for the recognition, diagnosis, and management of tumor-induced osteomalacia. J Intern Med. 2023;293(3):309-328.
- Florenzano P, Hartley IR, Jimenez M, et al. Tumor-induced osteomalacia. Calcif Tissue Int. 2021;108(1):128-142.
- Jan de Beur SM, Miller PD, Weber TJ, et al. Burosumab for the treatment of tumor-induced osteomalacia. J Bone Miner Res. 2021;36(4):627-635.
- Wikipedia, Artikel „Osteomalazie“: Osteomalazie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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