Fibromyalgie-Syndrom (FMS, generalisiertes Weichteilrheuma)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Der Begriff „Fibromyalgie“ setzt sich zusammen aus lateinisch fibra („Faser“), griechisch myo- („Muskel“) und algos („Schmerz“). Wörtlich übersetzt bedeutet er „Muskelfaserschmerz“ – ein geschichtlich gewachsener Begriff, der dem heutigen Verständnis der Erkrankung nicht vollständig gerecht wird. Die Schmerzen entstehen nicht in erster Linie im Muskel, sondern durch eine veränderte Verarbeitung von Schmerzreizen in Rückenmark und Gehirn.
2. Was ist das?
Das Fibromyalgie-Syndrom ist eine langanhaltende, nicht entzündliche Schmerzerkrankung mit Schmerzen in vielen Bereichen von Muskeln und Skelett. Häufig kommen Erschöpfung, Schlafstörungen, Störungen von Konzentration und Gedächtnis („Nebel im Kopf“) und Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems hinzu. Das Fibromyalgie-Syndrom wird heute als Erkrankung der Schmerzverarbeitung in Rückenmark und Gehirn verstanden (die Schmerzleitung ist überempfindlich geworden), wobei erbliche, körperliche, seelische und soziale Einflüsse zusammenwirken. Die internationale Klassifikation der Krankheiten (11. Fassung) führt es im Kapitel „langanhaltende primäre Schmerzen“ unter den Schmerzsyndromen mit mehreren Schmerzorten.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
In Deutschland sind 2–4 % der Bevölkerung betroffen. Frauen erkranken etwa 5- bis 7-mal häufiger als Männer. Am häufigsten ist die Erkrankung zwischen 40 und 60 Jahren, aber auch jüngere Menschen und Kinder können erkranken. Häufige Begleiterkrankungen: Depressionen, Angststörungen, das chronische Erschöpfungssyndrom (auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt), Reizdarm und Spannungskopfschmerz.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Erkrankung hat viele Ursachen, die zusammenwirken:
- Überempfindliche Schmerzverarbeitung: In Rückenmark und Gehirn werden Schmerzreize weniger gehemmt und stärker verstärkt
- Ungleichgewicht der Botenstoffe im Nervensystem: zu viel Substanz P und Glutamat, zu wenig Wirkung von Serotonin und Noradrenalin
- Störung des unwillkürlichen Nervensystems: Der Herzschlag passt sich weniger flexibel an, beim Aufstehen kommt es zu Kreislaufbeschwerden
- Veränderungen der Stress-Hormon-Achse zwischen Gehirn und Nebennieren mit verändertem Tagesverlauf des Stresshormons Kortisol
- Erbliche Veranlagung: Die Erkrankung tritt in manchen Familien gehäuft auf
- Seelische und soziale Auslöser: belastende oder traumatische Erlebnisse, anhaltender Stress, einschneidende Lebensereignisse
3. Beschwerden
Nach den Einteilungskriterien der amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaft von 2016 (und der deutschen Behandlungsleitlinie):
- Langanhaltender, ausgedehnter Schmerz seit mindestens 3 Monaten in mindestens 7 von 19 Körperregionen
- Beschwerde-Schwere-Wert von mindestens 5: Mit einem Fragebogen werden Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen und Begleitbeschwerden erfasst
- Müdigkeit, Schlaf, der nicht erholt
- Störungen von Konzentration und Gedächtnis („Nebel im Kopf“)
- Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems: Reizdarm, Reizblase, vermehrtes Schwitzen, Schwindel, Kloßgefühl im Hals, Herzklopfen, Kopfschmerzen
- Seelische Begleitbeschwerden: gedrückte Stimmung, Angst, innere Unruhe
- Druckschmerz an typischen Punkten des Körpers (in der aktuellen Einteilung nicht mehr zwingend erforderlich)
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Das Fibromyalgie-Syndrom wird anhand der Beschwerden und der körperlichen Untersuchung festgestellt – es ist im engeren Sinn keine Diagnose mehr, die nur durch Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt wird. Nach den aktuellen Kriterien der amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaft (2016) und der deutschen Behandlungsleitlinie gehören dazu: ein gezieltes Gespräch über die Krankengeschichte, die Erfassung der Zahl der schmerzhaften Körperregionen und des Beschwerde-Schwere-Werts sowie der Ausschluss anderer Ursachen, die die Beschwerden erklären könnten, durch eine angemessene Grunduntersuchung.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Bilduntersuchungen sind beim Fibromyalgie-Syndrom selbst unauffällig. Sie dienen dazu, andere Erkrankungen auszuschließen, wenn es dafür einen Anlass gibt: ein Röntgenbild oder eine Kernspin-Untersuchung bei gezieltem Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung oder eine Schädigung von Knochen, Gelenken oder Weichteilen.
4.2 Blutuntersuchungen
Zum Ausschluss anderer Erkrankungen:
- Entzündungswerte im Blut, Blutbild
- Schilddrüsenwert im Blut (Schilddrüsenunterfunktion)
- Vitamin D, Kalzium, Phosphat
- Muskelenzym Kreatinkinase (bei Verdacht auf eine Muskelerkrankung)
- Leber- und Nierenwerte
- Eisenspeicherwert Ferritin (Blutarmut)
- Bei Verdacht: Rheuma-Antikörper im Blut und Autoantikörper gegen Zellkerne
Beim Fibromyalgie-Syndrom sind diese Blutwerte typischerweise normal. Einen Blutwert, der die Fibromyalgie nachweist, gibt es nicht.
5. Behandlung
Die deutsche Behandlungsleitlinie zum Fibromyalgie-Syndrom (Register-Nummer 145-004) empfiehlt eine kombinierte Behandlung, die Körper, Seele und Lebensumfeld einbezieht. Im Mittelpunkt steht die aktive Mitarbeit der Patientin oder des Patienten.
Aufklärung und Schulung
- Aufklärung über das Krankheitsbild; die Erkrankung ist nichts, wofür man sich schämen muss
- Verständnis dafür, dass es sich um eine wirkliche, aber nicht entzündliche und nicht zerstörende Erkrankung handelt
- Realistische Behandlungsziele: keine vollständige Heilung, aber eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität ist möglich
Aktive Bewegungsbehandlung (starke Empfehlung)
- Ausdauertraining: Schwimmen, zügiges Gehen, Radfahren – mit mittlerer Anstrengung, regelmäßig über mindestens 6 Monate
- Krafttraining: leicht bis mittelschwer, an die eigene Belastbarkeit angepasst
- Funktionsgymnastik, Yoga, Tai Chi, Qigong
- Gymnastik im warmen Wasser
Psychologische Behandlungsverfahren
- Kognitive Verhaltenstherapie (eine Psychotherapie, die ungünstige Gedanken- und Verhaltensmuster verändert)
- Achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung
- Entspannungsverfahren (fortschreitende Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training)
- Verfahren mit Hypnose
Behandlung mit Medikamenten (zeitlich begrenzt, gegen die Beschwerden)
- Amitriptylin (ein älteres Mittel gegen Depressionen, das in niedriger Dosis Schlaf und Schmerz verbessert) 10–25 mg abends – bei Schlafstörungen und Schmerz
- Duloxetin (ein Mittel gegen Depressionen, das die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin verstärkt) 30–60 mg am Tag – bei gleichzeitiger Depression oder Angst und Schmerz
- Pregabalin 150–450 mg am Tag (in Deutschland außerhalb der amtlichen Zulassung) – bei nächtlichen Schmerzen, Entscheidung im Einzelfall
- Nicht empfohlen: Übliche Schmerzmittel (entzündungshemmende Schmerzmittel, Paracetamol) und starke Schmerzmittel aus der Morphin-Gruppe (Opioide) sind beim Fibromyalgie-Syndrom meist wirkungslos; Opioide sollen sogar nicht eingesetzt werden
Kombinierte Schmerzbehandlung im Krankenhaus
Bei schweren Verläufen, die auf die Behandlung nicht ansprechen: 2–4 Wochen kombinierte Schmerzbehandlung durch mehrere Fachrichtungen in einem spezialisierten Zentrum (Schmerzmedizin, Psychotherapie, Krankengymnastik, Alltagstraining mit Therapeuten).
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Versorgung nach der Behandlungsleitlinie bezahlt die gesetzliche Krankenkasse:
- Krankengymnastik, Funktionstraining (im warmen Wasser und an Land)
- Psychotherapie (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch begründete Verfahren), wenn ein Grund dafür vorliegt
- Kombinierte Schmerzbehandlung ohne Krankenhausaufenthalt (im amtlichen Verzeichnis der Behandlungen unter der Nummer 8-918) oder eine Rehabilitationsbehandlung im Krankenhaus
- Medikamente wie Amitriptylin und Duloxetin; Pregabalin außerhalb der amtlichen Zulassung im Einzelfall
- Entspannungskurse im Rahmen der Vorsorgekurse (nach Paragraf 20 des Fünften Sozialgesetzbuchs) – die Kasse gibt Zuschüsse
Nicht erstattet werden: klassische homöopathische und energetische Behandlungen, besondere Diäten und reine Wohlfühl-Angebote.
6. Wie geht es weiter?
Das Fibromyalgie-Syndrom ist langanhaltend und nicht heilbar, aber mit einer kombinierten Behandlung sind deutliche Verbesserungen möglich. Die Lebenserwartung ist nicht eingeschränkt. Entscheidend sind: aktive eigene Mitarbeit, regelmäßige Bewegung, die Erkrankung annehmen und realistische Behandlungsziele setzen. Ein passives Vorgehen und die ausschließliche Hoffnung auf Medikamente wirken sich ungünstig auf den Verlauf aus.
7. Leitlinien
- AWMF 145-004 · Fibromyalgiesyndrom – Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie
→ Im AWMF-Register nach 145-004 suchen
8. Literatur
- Macfarlane GJ, Kronisch C, Dean LE, et al. EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. Ann Rheum Dis. 2017;76(2):318-328.
- Häuser W, Ablin J, Fitzcharles MA, et al. Fibromyalgia. Nat Rev Dis Primers. 2015;1:15022.
- Sommer C, Häuser W, Alten R, et al. Medikamentöse Therapie des Fibromyalgiesyndroms. Schmerz. 2017;31(3):274-284.
- DGSS S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom (AWMF 145-004).
- Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, et al. 2016 Revisions to the 2010/2011 fibromyalgia diagnostic criteria. Semin Arthritis Rheum. 2016;46(3):319-329.
- Clauw DJ. Fibromyalgia: a clinical review. JAMA. 2014;311(15):1547-1555.
- Wikipedia, Artikel „Fibromyalgie-Syndrom“: Fibromyalgie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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