Schwangerschafts- und stillzeitassoziierte Osteoporose (PLO, pregnancy and lactation-associated osteoporosis)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Gemeint ist ein Knochenschwund (Osteoporose), der im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft auftritt. Schwangerschaft und Stillzeit sind die Lebensphasen einer Frau mit dem höchsten Kalziumbedarf: Das Kind baut sein Skelett aus dem Kalzium der Mutter auf, und die Muttermilch enthält täglich 200–300 mg davon. Bei den meisten Frauen gleicht der Körper das aus. Selten kommt es zu einem echten Knochenschwund mit Knochenbrüchen – ein Krankheitsbild, das oft monatelang übersehen wird, weil Rückenschmerzen in der Schwangerschaft als „harmlos“ gelten.
2. Was ist das?
Ein Knochenschwund mit Knochenbrüchen ohne passenden Unfall (meist mehrere Wirbelkörper, seltener die Hüfte), der im letzten Schwangerschaftsdrittel oder in den ersten Monaten nach der Geburt auftritt, ohne dass eine andere Ursache vorliegt. Davon abzugrenzen ist der vorübergehende Knochenschwund der Hüfte in der Schwangerschaft (eine Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark, siehe eigenes Krankheitsbild).
2.1 Wie häufig ist der Knochenschwund in der Schwangerschaft?
Sehr selten; geschätzt 4–8 Fälle auf 100.000 Schwangerschaften, wobei viele Fälle unerkannt bleiben. Meist sind Frauen bei ihrer ersten Geburt betroffen. In der Hälfte der Fälle finden sich Risikofaktoren wie eine niedrige Knochenmasse schon vor der Schwangerschaft, Untergewicht, eine Behandlung mit dem blutverdünnenden Mittel Heparin oder mit Kortison, Vitamin-D-Mangel oder Knochenschwund in der Familie. In Einzelfällen sind Veränderungen bestimmter Gene die Ursache.
2.2 Ursachen und Entstehung
Während der Stillzeit sinkt der Spiegel des weiblichen Hormons Östrogen. Zugleich setzt ein Botenstoff aus der Brustdrüse, der dem Nebenschilddrüsenhormon ähnelt, vermehrt Kalzium aus dem Knochen frei. Ganz natürlich verliert eine stillende Mutter in sechs Monaten 3–7 % ihrer Knochenmasse an der Wirbelsäule; nach dem Abstillen erholt sich der Knochen normalerweise vollständig. Ist die Knochenmasse aber schon vorher niedrig oder kommen weitere Störfaktoren hinzu, wird der Verlust so groß, dass Knochen brechen.
3. Beschwerden
- Starker, neu aufgetretener Rückenschmerz im letzten Schwangerschaftsdrittel oder in den ersten Wochen bis Monaten nach der Geburt, oft beim Hochheben des Kindes
- Abnahme der Körpergröße, Rundrücken, mehrere Wirbelkörperbrüche (typisch 2–5)
- Seltener ein Bruch der Hüfte oder des Kreuzbeins
- Die Schmerzen werden oft als „normale“ Schwangerschaftsbeschwerden fehlgedeutet
4. Untersuchung
Bei anhaltenden, starken Rückenschmerzen in der Schwangerschaft oder Stillzeit sollte frühzeitig an Knochenbrüche gedacht werden. In der Schwangerschaft ist die Kernspin-Untersuchung die Untersuchung der Wahl (keine Strahlung); nach der Geburt kommen Röntgenbild und Knochendichtemessung hinzu. Andere Ursachen müssen ausgeschlossen werden: Knochenerweichung, Überfunktion der Nebenschilddrüsen, Kortison-Überschuss im Körper (Cushing-Syndrom), Knochenmarkkrebs, Glasknochenkrankheit.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Kernspin-Untersuchung der Wirbelsäule (Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark, Brüche); nach der Geburt Röntgenbild der Brust- und Lendenwirbelsäule und Knochendichtemessung an Lendenwirbelsäule und Hüfte (dabei wird die Knochendichte mit gleichaltrigen Frauen verglichen, nicht mit jungen Erwachsenen). Kontrolle der Knochendichtemessung nach 12 Monaten.
4.2 Blutuntersuchungen
Kalzium, Phosphat, alkalische Phosphatase (ein Enzym des Knochenstoffwechsels; in der Schwangerschaft ist der Wert ganz natürlich erhöht, weil auch der Mutterkuchen dieses Enzym bildet), der Vitamin-D-Wert im Blut, Nebenschilddrüsenhormon, Kreatinin (Nierenwert), Schilddrüsenwert, Blutbild, Auftrennung der Bluteiweiße; bei Hinweisen eine Untersuchung auf erbliche Ursachen.
5. Behandlung
- Schmerzbehandlung und Bewegung, keine tagelange Bettruhe; eine Rückenstützschiene kann kurzfristig helfen
- Abstillen wird in der Regel empfohlen, um den weiteren Knochenverlust zu stoppen – das ist eine persönliche Entscheidung
- Kalzium 1000–1200 mg und Vitamin D 800–1000 internationale Einheiten täglich
- Keine schweren Lasten tragen (auch das Kind nicht ruckartig anheben); Krankengymnastik zur Kräftigung des Rumpfes
- Medikamente: Knochenschützende Medikamente (Bisphosphonate) dürfen in Schwangerschaft und Stillzeit nicht eingenommen werden; nach dem Abstillen werden sie bei schweren Verläufen eingesetzt (Zoledronat, Alendronat). Für das knochenaufbauende Medikament Teriparatid wurde in kleineren Fallsammlungen eine gute Erholung der Knochendichte beschrieben. Oft reicht Abwarten: Die Knochendichte erholt sich nach dem Abstillen von selbst deutlich.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Kernspin-Untersuchung, Knochendichtemessung und Blutuntersuchungen bezahlt bei dieser Fragestellung die gesetzliche Krankenkasse; eine gezielte Behandlung nach eingetretenen Knochenbrüchen ebenfalls.
6. Wie geht es weiter?
Nach dem Abstillen steigt die Knochendichte innerhalb von 12–18 Monaten meist um 10–20 % an, und die Schmerzen klingen ab. Bei einer erneuten Schwangerschaft liegt das Rückfallrisiko bei etwa 20–30 %. Eine erneute Schwangerschaft ist nicht ausgeschlossen, sollte aber von einer Knochenspezialistin oder einem Knochenspezialisten begleitet werden (Vitamin-D-Versorgung, Kalzium, bei Bedarf Verzicht auf langes Stillen). Langfristig bleibt das Risiko für Knochenbrüche gegenüber Gleichaltrigen erhöht – Knochendichtemessungen in den Wechseljahren sind sinnvoll.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen
8. Literatur
- Kovacs CS, Ralston SH. Presentation and management of osteoporosis presenting in association with pregnancy or lactation. Osteoporos Int. 2015;26(9):2223-2241.
- Kovacs CS. Maternal mineral and bone metabolism during pregnancy, lactation, and post-weaning recovery. Physiol Rev. 2016;96(2):449-547.
- Laroche M, Talibart M, Cormier C, et al. Pregnancy-related fractures: a retrospective study of a French cohort of 52 patients and review of the literature. Osteoporos Int. 2017;28(11):3135-3142.
- Hadji P, Boekhoff J, Hahn M, et al. Pregnancy-associated osteoporosis: a case-control study. Osteoporos Int. 2017;28(4):1393-1399.
- Wikipedia, Artikel „Osteoporose“: Osteoporose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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