Osteoporose beim Mann (männliche Osteoporose)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Osteoporose (Knochenschwund) gilt als „Frauenkrankheit“ – zu Unrecht. Ein Drittel aller Hüftbrüche betrifft Männer, und sie sterben im Jahr danach fast doppelt so häufig wie Frauen. Trotzdem werden Männer seltener untersucht und nach einem Knochenbruch noch seltener behandelt.
2. Was ist das?
Knochenschwund bei Männern wird wie bei Frauen über das Risiko für Knochenbrüche oder über den T-Wert der Knochendichtemessung von −2,5 oder darunter festgelegt. Nach den Empfehlungen der internationalen Fachgesellschaft für Knochendichtemessung wird dabei auch für Männer die Vergleichsgruppe junger gesunder Frauen verwendet. Bei Männern unter 50 Jahren wird der Z-Wert herangezogen, der die Knochendichte mit Gleichaltrigen vergleicht (ein Wert von −2 oder darunter gilt als „unterhalb des Altersbereichs“).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
In Deutschland sind etwa 1 Million Männer betroffen. Die Erkrankung tritt bei Männern im Mittel 10 Jahre später auf als bei Frauen, weil die Knochen größer sind und die Hormone nicht plötzlich abfallen. In 40–60 % der Fälle liegt eine andere Erkrankung als Ursache zugrunde: Testosteronmangel, Alkohol, Kortison, Überfunktion der Nebenschilddrüsen, gestörte Nährstoffaufnahme im Darm, langanhaltende Lungenerkrankung mit verengten Atemwegen (Raucherlunge) oder eine Hormonentzugsbehandlung bei Prostatakrebs.
2.2 Ursachen und Entstehung
Der allmähliche Abfall des männlichen Hormons Testosteron und – wichtiger noch – des daraus gebildeten weiblichen Hormons Östradiol schwächt die Bremse für die knochenabbauenden Zellen. Dazu kommen Vitamin-D-Mangel, Bewegungsmangel, Rauchen und Alkohol. Bei Prostatakrebs führt der Hormonentzug (mit Medikamenten, die die Testosteronbildung unterdrücken) zu einem Knochenverlust von 2–5 % pro Jahr. Männer verlieren das schwammartige Knochengerüst im Inneren der Knochen eher durch Ausdünnung der einzelnen Knochenbälkchen, Frauen durch den Verlust ganzer Bälkchen – ein Grund für den späteren Beginn der Erkrankung beim Mann.
3. Beschwerden
- Knochenbruch nach einem geringfügigen Unfall (Wirbelkörper, Hüfte, Rippen, Unterarm)
- Rückenschmerz, Abnahme der Körpergröße, Rundrücken
- Zeichen eines Testosteronmangels: Verlust des sexuellen Verlangens, Muskelabbau, Vergrößerung der Brustdrüsen, Schrumpfung der Hoden
- Oft ein Zufallsbefund im Röntgenbild (verformter Wirbelkörper) oder in der Computer-Röntgenschichtaufnahme
4. Untersuchung
Eine Knochendichtemessung ist bei Männern ab 70 Jahren grundsätzlich angezeigt, früher bei Risikofaktoren (Knochenbruch, Kortison, Testosteronmangel, Hormonentzug bei Prostatakrebs, Alkohol, Untergewicht, Raucherlunge). Die Suche nach einer zugrunde liegenden Erkrankung ist beim Mann noch wichtiger als bei der Frau.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Knochendichtemessung an Lendenwirbelsäule und Hüfte; Röntgenbild der Brust- und Lendenwirbelsäule oder eine seitliche Aufnahme der Wirbelsäule mit dem Knochendichte-Gerät, um Wirbelkörperbrüche zu finden. Bei Verdacht auf eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen eine Ultraschalluntersuchung des Halses.
4.2 Blutuntersuchungen
Die grundlegenden Blutwerte nach den Empfehlungen des Dachverbands Osteologie plus Gesamt-Testosteron (morgens abgenommen); bei erniedrigtem Wert die Steuerhormone der Hirnanhangsdrüse für die Hoden und das Hormon Prolaktin. Außerdem der Vitamin-D-Wert im Blut, Kalzium, Nebenschilddrüsenhormon bei erhöhtem Kalzium, Auftrennung der Bluteiweiße (Ausschluss von Knochenmarkkrebs) und Antikörper, die auf eine Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) hinweisen, wenn es Anhaltspunkte dafür gibt.
5. Behandlung
Grundlage
Kalzium 1000 mg am Tag, Vitamin D 800–1000 internationale Einheiten am Tag, Krafttraining, weniger Alkohol, Rauchstopp, Vorbeugung von Stürzen; Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung.
Gezielte Medikamente
- Knochenschützende Medikamente: Alendronat und Risedronat (als Tablette), Zoledronat (einmal jährlich als Infusion in die Vene) – für Männer zugelassen und in Studien mit weniger Knochenbrüchen belegt
- Antikörper gegen Knochenabbau (Denosumab): zugelassen für Männer mit erhöhtem Bruchrisiko und unter Hormonentzugsbehandlung
- Knochenaufbauendes Medikament (Teriparatid): bei schwerem Knochenschwund oder Wirbelbrüchen
- Testosteron: nur bei nachgewiesenem Testosteronmangel mit Beschwerden; verbessert die Knochendichte, ein Schutz vor Knochenbrüchen ist aber nicht belegt – keine Behandlung des Knochenschwunds im eigentlichen Sinn
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Knochendichtemessung und Behandlung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein Grund dafür vorliegt. Die Bestimmung des Testosterons im Rahmen der Abklärung eines Knochenschwunds ist ebenfalls eine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Nach einem Hüftbruch sterben 30–37 % der Männer innerhalb eines Jahres (Frauen etwa 20 %). Unter Zoledronat sinkt das Risiko neuer Wirbelbrüche um etwa zwei Drittel, vergleichbar mit Frauen. Die Behandlung lohnt sich also – sie muss nur begonnen werden: Nur etwa jeder fünfte Mann erhält nach einem Knochenbruch durch Knochenschwund eine Behandlung.
7. Leitlinien
- AWMF 183-001 · Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern
→ Im AWMF-Register nach 183-001 suchen
8. Literatur
- Boonen S, Reginster JY, Kaufman JM, et al. Fracture risk and zoledronic acid therapy in men with osteoporosis. N Engl J Med. 2012;367(18):1714-1723.
- Orwoll E, Ettinger M, Weiss S, et al. Alendronate for the treatment of osteoporosis in men. N Engl J Med. 2000;343(9):604-610.
- Watts NB, Adler RA, Bilezikian JP, et al. Osteoporosis in men: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2012;97(6):1802-1822.
- Haentjens P, Magaziner J, Colón-Emeric CS, et al. Meta-analysis: excess mortality after hip fracture among older women and men. Ann Intern Med. 2010;152(6):380-390.
- Wikipedia, Artikel „Osteoporose“: Osteoporose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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