Osteopetrose (Marmorknochenkrankheit, Albers-Schönberg-Krankheit)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Aus dem Griechischen: petra bedeutet „Fels“ – Osteopetrose heißt also „Felsenknochen“ oder Marmorknochenkrankheit. Sie ist das Gegenteil der Osteoporose (Knochenschwund) und zeigt, dass mehr Knochen nicht besser ist: Weil die knochenabbauenden Zellen den Knochen nicht abbauen können, bleibt unreifer, schlecht aufgebauter Knochen stehen, der wie Kreide bricht. Für die Knochenheilkunde ist die Erkrankung ein Lehrbeispiel dafür, dass die Festigkeit des Knochens von seinem Umbau und seiner Struktur abhängt – nicht von der Dichte allein.
2. Was ist das?
Eine Gruppe verschiedener erblicher Erkrankungen, bei denen die knochenabbauenden Zellen nicht richtig arbeiten. Dadurch ist die Knochendichte im ganzen Skelett erhöht. Hauptformen: die kindliche („bösartige“) Form, bei der das veränderte Gen von beiden Eltern vererbt wird (betroffen sind mehrere Gene, die für die Arbeit der knochenabbauenden Zellen nötig sind); die Erwachsenenform Typ 2 (Albers-Schönberg-Krankheit), bei der ein verändertes Gen eines Elternteils genügt und die sich erst im Jugend- oder Erwachsenenalter zeigt; Zwischenformen; und der Mangel des Enzyms Carboanhydrase 2 (zusammen mit einer Übersäuerung des Blutes durch eine Nierenstörung und Verkalkungen im Gehirn).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Die kindliche Form betrifft etwa 1 von 250.000 Neugeborenen, die Erwachsenenform etwa 1 von 20.000 Menschen. Bei der Erwachsenenform bricht die Erkrankung nicht bei allen Trägern des veränderten Gens aus; viele sind beschwerdefrei und werden zufällig im Röntgenbild entdeckt.
2.2 Ursachen und Entstehung
Knochenabbauende Zellen sind vorhanden, aber sie können den Knochen nicht ansäuern (dafür fehlen eine Säurepumpe oder ein Chloridkanal in der Zelle) oder nicht auflösen. Der im Wachstum zuerst gebildete schwammartige Knochen wird deshalb nicht umgebaut. Die Folgen: Die Markräume verknöchern (das führt zu Blutarmut, Infekten und – beim Säugling – zur Blutbildung in Leber und Milz, die sich dadurch vergrößern). Die Nervenkanäle des Schädels verengen sich (das führt zu Blindheit, Taubheit und Lähmung der Gesichtsmuskeln). Die Knochen werden spröde, und Knochenentzündungen (vor allem am Unterkiefer) heilen schlecht.
3. Beschwerden
- Kindliche Form: im ersten Lebensjahr Gedeihstörung, Blutarmut, Mangel an Blutplättchen, Anfälligkeit für Infekte, vergrößerte Leber und Milz, Sehverlust (Einengung des Sehnervs), Wasserkopf, vergrößerter Kopf, gestörter Zahndurchbruch, Knochenbrüche
- Erwachsenenform Typ 2: wiederholte Knochenbrüche (Oberschenkel, Rippen, Wirbel), Knochenentzündung des Kiefers nach Zahneingriffen, Gelenkverschleiß an Hüfte und Knie, Verkrümmung der Wirbelsäule, Ausfälle von Hirnnerven (Hörverlust, Lähmung der Gesichtsmuskeln, Sehminderung), Kopfschmerzen; etwa die Hälfte der Betroffenen hat keine Beschwerden
4. Untersuchung
Die Diagnose ergibt sich aus dem kennzeichnenden Röntgenbild, den Beschwerden und der Krankengeschichte der Familie; bestätigt und genauer eingeordnet wird sie durch eine genetische Untersuchung. Bei Säuglingen: Blutbild, augenärztliche Untersuchung, Hörprüfung, Computer-Röntgenschichtaufnahme oder Kernspin-Untersuchung des Schädels. Bei Erwachsenen: Abgrenzung von anderen Erkrankungen mit verdichtetem Knochen (Fluorvergiftung, Verfaserung des Knochenmarks, knochenbildende Tochtergeschwülste von Krebserkrankungen und seltene erbliche Knochenerkrankungen wie Pyknodysostose und Melorheostose).
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild: alle Knochen verdichtet und ohne erkennbare innere Struktur, „Knochen im Knochen“, „Sandwich-Wirbel“ (verdichtete Deck- und Grundplatten der Wirbelkörper), kolbenförmig verbreiterte untere Enden der Oberschenkelknochen, verdickte Schädelbasis, quer verlaufende Brüche. Computer-Röntgenschichtaufnahme bei Einengung von Nerven. Die Knochendichtemessung zeigt extrem hohe Werte, die für die Behandlung aber keine Bedeutung haben. Kernspin-Untersuchung des Knochenmarks bei der kindlichen Form.
4.2 Blutuntersuchungen
Kalzium meist normal (bei der kindlichen Form oft zu niedrig, mit Zeichen einer Rachitis), Phosphat normal, Knochenstoffwechsel-Wert normal oder erhöht; Nebenschilddrüsenhormon und aktives Vitamin D können erhöht sein; zwei Enzyme der knochenabbauenden Zellen (die Hirn-Form der Kreatinkinase und die Tartrat-resistente saure Phosphatase) sind erhöht, obwohl die Zellen nicht funktionieren; Blutbild (Mangel an allen Blutzellen bei der kindlichen Form). Genetische Untersuchung mit einem Test, der alle bekannten Osteopetrose-Gene umfasst.
5. Behandlung
Kindliche Form
- Übertragung von Blutstammzellen eines Spenders so früh wie möglich – die Spenderzellen ersetzen die nicht funktionierenden knochenabbauenden Zellen. Das ist bei den meisten Gendefekten die einzige Möglichkeit der Heilung (nicht bei der Form, die zusätzlich das Nervensystem schädigt, und nicht bei der Form, bei der ein bestimmter Botenstoff für die Reifung der knochenabbauenden Zellen fehlt)
- Zur Überbrückung: Kalzium und Vitamin D nach Bedarf (bei zu niedrigem Kalzium), Bluttransfusionen, Schutz vor Infektionen, hochdosiertes aktives Vitamin D (Calcitriol) und der Botenstoff Interferon-gamma (begrenzte Wirkung), Entlastung des Sehnervs
Erwachsenenform
- Eine Behandlung der Ursache gibt es nicht. Behandelt werden die Folgen: sorgfältige Versorgung von Knochenbrüchen (die operative Stabilisierung ist im harten Knochen schwierig, mit hoher Komplikationsrate und langer Heilungszeit – Platten sind einem Nagel im Markraum oft vorzuziehen; Behandlung in Zentren mit Erfahrung), künstliches Gelenk bei Gelenkverschleiß
- Zahnärztliche Vorsorge und Antibiotika-Schutz bei Eingriffen (Gefahr einer Knochenentzündung); Behandlung in einer Überdruckkammer mit Sauerstoff bei Knochenentzündung des Kiefers
- Operative Entlastung von Nerven bei Ausfällen von Hirnnerven; Hörgeräte
- Keine Medikamente, die den Knochenabbau bremsen (knochenschützende Medikamente, Antikörper gegen Knochenabbau) – sie verschlechtern die Erkrankung; Vitamin D nur bei Mangel
- Genetische Beratung
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchung, genetische Untersuchung, Stammzellübertragung und Operationen bezahlt die Krankenkasse. Die Betreuung erfolgt in Zentren für seltene Knochenerkrankungen.
6. Wie geht es weiter?
Die kindliche Form führt unbehandelt meist in den ersten zehn Lebensjahren zum Tod (durch Infektionen oder Blutungen). Nach einer frühen Stammzellübertragung überleben 70–90 % der Kinder; bereits eingetretene Sehschäden bleiben jedoch bestehen. Die Erwachsenenform hat eine normale Lebenserwartung, aber erhebliche Beschwerden durch Knochenbrüche (im Mittel 2–3 pro Person), Knochenentzündungen und Gelenkverschleiß; etwa 40 % der Betroffenen benötigen orthopädische Operationen.
7. Leitlinien
- Osteopetrosis: consensus guidelines for diagnosis, therapy and follow-up (European Calcified Tissue Society)
8. Literatur
- Wu CC, Econs MJ, DiMeglio LA, et al. Diagnosis and management of osteopetrosis: consensus guidelines from the Osteopetrosis Working Group. J Clin Endocrinol Metab. 2017;102(9):3111-3123.
- Stark Z, Savarirayan R. Osteopetrosis. Orphanet J Rare Dis. 2009;4:5.
- Sobacchi C, Schulz A, Coxon FP, Villa A, Helfrich MH. Osteopetrosis: genetics, treatment and new insights into osteoclast function. Nat Rev Endocrinol. 2013;9(9):522-536.
- Bollerslev J, Henriksen K, Nielsen MF, Brixen K, Van Hul W. Autosomal dominant osteopetrosis revisited: lessons from recent studies. Eur J Endocrinol. 2013;169(2):R39-R57.
- Wikipedia, Artikel „Osteopetrose“: Osteopetrose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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