Facharzt für Orthopädie · Osteologe (DVO) · Hamburg-Langenhorn

Osteoidosteom (Osteoid-Osteom)

Osteologie

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

Der Name setzt sich zusammen aus „Osteoid“ (der noch nicht verkalkten Grundsubstanz des Knochens) und „Osteom“ (gutartige Knochengeschwulst). Ein Jugendlicher mit nächtlichen Schmerzen im Oberschenkel, die nach einer Tablette Ibuprofen innerhalb einer halben Stunde verschwinden – diese Geschichte ist so typisch, dass sie fast schon die Diagnose stellt. Das Osteoidosteom ist winzig (der Kern ist kleiner als 1,5 cm), gutartig und harmlos, aber außerordentlich schmerzhaft, weil es schmerzauslösende Gewebshormone (Prostaglandine) bildet. Seit die Verödung mit Hochfrequenzstrom unter Bildkontrolle die Operation abgelöst hat, ist die Behandlung ein kleiner Eingriff.

2. Was ist das?

Ein gutartiger, knochenbildender Tumor. Sein Kern – der sogenannte Nidus (lateinisch „Nest“), kleiner als 1,5–2 cm – besteht aus Knochengrundsubstanz und unreifem Knochen und ist stark durchblutet. Um den Kern herum verdichtet sich der Knochen als Reaktion. Nach der Lage unterscheidet man: in der harten Außenschicht des Knochens (am häufigsten), im Knocheninneren, unter der Knochenhaut oder innerhalb eines Gelenks. Abzugrenzen ist der verwandte Tumor Osteoblastom (Kern größer als 2 cm, weniger Knochenverdichtung, häufiger an der Wirbelsäule, aggressiver).

2.1 Wie häufig ist das?

Etwa 10–12 % aller gutartigen Knochentumoren. Alter 5–25 Jahre (am häufigsten 10–20 Jahre), Jungen und Männer sind 2- bis 3-mal häufiger betroffen. Lage: Oberschenkelknochen (vor allem Schenkelhals) und Schienbein zusammen über 50 %, außerdem Wirbelsäule (hintere Wirbelanteile, 10 %), Hand- und Fußknochen, Oberarmknochen.

2.2 Ursache und Entstehung

Es handelt sich um eine echte Geschwulst, die aus einer einzelnen veränderten Zelle hervorgeht (Umlagerung eines bestimmten Gens). Im Kern werden große Mengen der Gewebshormone Prostaglandin E₂ und Prostacyclin gebildet. Diese reizen die zahlreichen Nervenfasern des Tumors und lösen den typischen Schmerz aus – deshalb wirken Medikamente, die die Bildung dieser Gewebshormone hemmen, so prompt. Die Gewebshormone verursachen außerdem die Knochenverdichtung um den Kern, Gelenkergüsse und bei Kindern Wachstumsstörungen.

3. Beschwerden

  • Dumpfer, bohrender Schmerz, nachts am stärksten, nicht von der Belastung abhängig, über Monate zunehmend
  • Prompte Besserung durch Acetylsalicylsäure oder entzündungshemmende Schmerzmittel (bei 75–90 %) – ein wichtiges Merkmal für die Diagnose
  • Druckschmerz an der betroffenen Stelle, Schwellung des Weichgewebes; bei Lage im Gelenk Gelenkerguss und Steifigkeit, oft fälschlich als Gelenkentzündung gedeutet
  • Bei Kindern: Hinken, Muskelschwund, das betroffene Bein wird länger (weil die Wachstumsfuge stärker durchblutet wird)
  • Wirbelsäule: schmerzhafte seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose; die Wirbelsäule krümmt sich zur Seite des Tumors hin), Nachtschmerz

4. Untersuchung

Krankengeschichte (Nachtschmerz, Ansprechen auf entzündungshemmende Schmerzmittel) und Bilduntersuchungen; der Nachweis des Tumorkerns ist der Schlüssel. Bei Jugendlichen mit schmerzhafter Wirbelsäulenverkrümmung oder unklarem Gelenkerguss sollte man an diesen Tumor denken. Eine Gewebeprobe ist bei typischem Befund nicht nötig; vor der Verödung mit Hochfrequenzstrom kann eine Probe entnommen werden.

4.1 Untersuchung mit Bildern

Röntgenbild: spindelförmige Verdichtung der äußeren Knochenschicht mit einer kleinen hellen Stelle in der Mitte (dem Tumorkern); bei Lage im Knocheninneren oder nahe am Gelenk oft unauffällig. Computer-Röntgenschichtaufnahme in dünnen Schichten ist das Verfahren der Wahl: Sie zeigt den Kern (oft mit Verkalkung in der Mitte) genau und dient der Planung der Verödung. Kernspin-Untersuchung: zeigt eine ausgedehnte Flüssigkeitseinlagerung in Knochenmark und Weichgewebe, die den kleinen Kern überdeckt und zu Fehldiagnosen führt (Knochenentzündung durch Bakterien, Ermüdungsbruch, bösartiger Tumor) – deshalb sollte eine Computer-Röntgenschichtaufnahme ergänzt werden. Knochenszintigraphie: starke, eng umschriebene Anreicherung mit einem noch stärker anreichernden Punkt in der Mitte (Zeichen der „doppelten Dichte“).

4.2 Blutuntersuchungen

Unauffällig; die Entzündungswerte sind normal (Abgrenzung von einer Knochenentzündung durch Bakterien).

5. Behandlung

  • Verödung des Tumorkerns mit Hochfrequenzstrom unter Kontrolle der Computer-Röntgenschichtaufnahme in Narkose: Standardbehandlung mit einer Erfolgsrate von 85–95 % beim ersten Eingriff; nur ein winziger Zugang, sofortige Belastbarkeit, wenige Komplikationen (Hautverbrennung, Schäden an Nerven oder Knorpel bei ungünstiger Lage). Andere Möglichkeiten: Verödung mit Laser oder Kälte, gebündelter Ultraschall unter Kontrolle der Kernspin-Untersuchung
  • Medikamente: entzündungshemmende Schmerzmittel (Ibuprofen, Naproxen) über Monate bis Jahre – das Osteoidosteom kann von selbst ausheilen (im Mittel nach 3–6 Jahren); eine Möglichkeit, wenn der Eingriff abgelehnt wird; auf die Verträglichkeit für Magen und Nieren achten
  • Operation: Entfernung des Kerns im Ganzen oder Ausschabung, wenn die Lage für eine Verödung ungünstig ist (Nähe zu Rückenmark, Nerven oder Haut) oder die Verödung nicht erfolgreich war; der Tumor kommt zurück, wenn der Kern nicht vollständig entfernt wird

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Die Bilduntersuchungen und die Verödung mit Hochfrequenzstrom bezahlt die gesetzliche Krankenkasse (im Krankenhaus, meist mit einer Übernachtung).

6. Wie geht es weiter?

Ausgezeichnet: Der Tumor wird nicht bösartig; nach vollständiger Verödung sind die Betroffenen dauerhaft schmerzfrei. In 5–10 % der Fälle kommt der Tumor zurück (meist im ersten Jahr; eine erneute Verödung ist möglich). Eine begleitende Wirbelsäulenverkrümmung und Gelenkbeschwerden bilden sich nach Beseitigung des Tumors zurück, wenn die Behandlung nicht zu spät erfolgt.

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.
  • Osteoidosteom – Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie (DeGIR) und der Sektion Knochentumoren der DGOOC (Expertenkonsens)

8. Literatur

  1. Rosenthal DI, Hornicek FJ, Wolfe MW, Jennings LC, Gebhardt MC, Mankin HJ. Percutaneous radiofrequency coagulation of osteoid osteoma compared with operative treatment. J Bone Joint Surg Am. 1998;80(6):815-821.
  2. Jaffe HL. Osteoid-osteoma: a benign osteoblastic tumor composed of osteoid and atypical bone. Arch Surg. 1935;31:709-728.
  3. Lindner NJ, Ozaki T, Roedl R, Gosheger G, Winkelmann W, Wörtler K. Percutaneous radiofrequency ablation in osteoid osteoma. J Bone Joint Surg Br. 2001;83(3):391-396.
  4. Tepelenis K, Skandalakis GP, Papathanakos G, et al. Osteoid osteoma: an updated review of epidemiology, pathogenesis, clinical presentation, radiological features, and treatment option. In Vivo. 2021;35(4):1929-1938.
  5. Wikipedia, Artikel „Osteoidosteom“: Osteoidosteom (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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