Osteochondrom (kartilaginäre Exostose, Osteokartilaginäre Exostose, multiple hereditäre Exostosen)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
Der Name setzt sich aus den griechischen Wörtern für Knochen (osteon) und Knorpel (chondros) zusammen; die Endung „-om“ steht für eine Geschwulst. Ein anderer Name ist „kartilaginäre Exostose“ – ein knorpelbedeckter Knochenauswuchs. Ein typisches Beispiel: ein harter, nicht verschieblicher Knubbel am Knie eines Jugendlichen, der nicht schmerzt. Es ist keine echte Geschwulst, sondern eine „verirrte“ Wachstumsfuge, die seitlich aus dem Knochen herauswächst und ihr Wachstum einstellt, wenn auch das Skelett ausgewachsen ist. Behandelt werden muss es nur, wenn es mechanisch stört – und selten, wenn sich der Knorpelüberzug im Erwachsenenalter bösartig verändert.
2. Was ist das?
Ein gutartiger, mit Knorpel bedeckter Knochenvorsprung an der Oberfläche eines Knochens, mit einem Stiel oder breit aufsitzend. Sein Inneres (Knochenrinde und Markraum) geht ohne Grenze in den Mutterknochen über. In 85 % der Fälle tritt ein einzelnes Osteochondrom auf. Daneben gibt es eine erbliche Form mit vielen Knochenauswüchsen (hereditäre multiple Exostosen). Sie wird von einem Elternteil an die Hälfte der Kinder weitergegeben und beruht auf einer Veränderung in einer von zwei bestimmten Erbanlagen. Betroffene haben Dutzende Auswüchse, sind kleinwüchsig und haben Fehlstellungen der Knochen.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Das Osteochondrom macht 20–50 % aller gutartigen Knochentumoren und 10 % aller Knochentumoren aus. Die wahre Häufigkeit ist höher, weil viele nie entdeckt werden (etwa 1–2 % der Bevölkerung). Entdeckt wird es meist zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr, bei Jungen etwas häufiger. Die erbliche Form mit vielen Auswüchsen betrifft etwa einen von 50.000 Menschen. Typische Stellen sind die Knochenabschnitte nahe den Wachstumsfugen am Knie (unteres Ende des Oberschenkelknochens, oberes Ende des Schienbeins), das obere Ende des Oberarmknochens, das Becken, das Schulterblatt und die Rippen.
2.2 Ursache und Entstehung
Knorpelzellen der Wachstumsfuge geraten an den Rand des Knochens, weil die Knorpelhaut dort eine Lücke hat. Dort wachsen sie als „versprengte Wachstumsfuge“ seitlich aus und verknöchern auf dieselbe Weise wie der normale Knochen. Bei der erblichen Form stört der Ausfall der beiden Erbanlagen die Bildung eines Zuckerstoffs an der Zelloberfläche und damit die Signale, die das Knochenwachstum steuern. Mit dem Schluss der Wachstumsfugen endet das Wachstum; die Knorpelkappe wird dünn (weniger als 1–2 cm). Wenn sich ein Osteochondrom bösartig verändert, entsteht aus der Knorpelkappe ein bösartiger Knorpeltumor (Chondrosarkom).
3. Beschwerden
- Meist schmerzlose, harte, nicht verschiebliche Vorwölbung; oft ein Zufallsbefund
- Mechanische Beschwerden: Druck auf Sehnen (Schnappen), auf Nerven (zum Beispiel eine Teillähmung des Wadenbeinnervs mit Schwäche beim Anheben des Fußes, wenn der Auswuchs am Wadenbeinköpfchen sitzt), auf Blutgefäße (Aussackung der Kniekehlenarterie), eingeschränkte Beweglichkeit, Schleimbeutelentzündung über dem Auswuchs, Bruch des Stiels nach einem Unfall
- Bei der erblichen Form: Fehlstellungen (verkürzter Unterarm mit gekrümmter Elle, Fehlstellung der Beinachse, Kleinwuchs), unterschiedlich lange Beine
- Warnzeichen für eine bösartige Veränderung: neu aufgetretener Schmerz oder Größenzunahme nach Abschluss des Wachstums, eine Knorpelkappe dicker als 2 cm, Lage am Becken, Schulterblatt oder an der Wirbelsäule
4. Untersuchung
Das Röntgenbild reicht meist für die Diagnose. Eine Kernspin-Untersuchung wird bei Schmerzen, bei Wachstum, bei rumpfnaher Lage oder zur Beurteilung der Knorpelkappe gemacht. Bei der erblichen Form werden eine genetische Beratung und ein Gentest angeboten. Bei der erblichen Form und bei rumpfnahen Auswüchsen im Erwachsenenalter ist eine jährliche ärztliche Kontrolle sinnvoll.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild: Knochenauswuchs, dessen Rinde und Inneres ohne Grenze in den Mutterknochen übergehen, von der Wachstumsfuge weg gerichtet, oft mit einer verkalkten Knorpelkappe. Kernspin-Untersuchung: zeigt die Dicke der Knorpelkappe (beim Erwachsenen sind mehr als 2 cm verdächtig), eine Schleimbeutelentzündung, einen Druck auf Nerven oder Gefäße und eine Weichteilgeschwulst (ein Hinweis auf Bösartigkeit). Computer-Röntgenschichtaufnahme bei Lage am Becken oder an der Wirbelsäule; Ultraschalluntersuchung zur Messung der Knorpelkappe bei oberflächlicher Lage.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig; es gibt keinen Blutwert, mit dem die Diagnose gestellt werden kann. Bei Verdacht auf die erbliche Form wird ein Gentest auf die beiden Erbanlagen gemacht.
5. Behandlung
- Beobachtung bei Auswüchsen ohne Beschwerden – die Mehrzahl braucht keine Behandlung
- Operative Abtragung an der Basis, einschließlich Knorpelkappe und Knorpelhaut – bei Schmerzen, mechanischer Störung, kosmetisch störender Größe, Druck auf Nerven oder Gefäße und bei Verdacht auf eine bösartige Veränderung. Bei Kindern möglichst erst nach Abschluss des Wachstums oder nur, wenn der Auswuchs weit genug von der Wachstumsfuge entfernt liegt, damit keine Wachstumsstörung entsteht. Nach vollständiger Entfernung kommt der Auswuchs in weniger als 5 % der Fälle wieder
- Erbliche Form: Korrektur von Fehlstellungen (Lenkung des Wachstums, Umstellungsoperationen am Knochen, Verlängerung der Elle), Ausgleich der Beinlängen, regelmäßige Kontrolle der rumpfnahen Auswüchse
- Bei einem bösartigen Knorpeltumor: Entfernung mit weitem Sicherheitsabstand in einem Tumorzentrum (meist wenig aggressiv, guter voraussichtlicher Verlauf bei vollständiger Entfernung)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Untersuchung und die Operation sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse, wenn ein Grund dafür besteht; ebenso die genetische Beratung bei der erblichen Form.
6. Wie geht es weiter?
Der voraussichtliche Verlauf ist sehr gut. Einzelne Osteochondrome werden in weniger als 1 % der Fälle bösartig, bei der erblichen Form in 2–5 % (bezogen auf das ganze Leben), meist zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Deshalb sollten Veränderungen im Erwachsenenalter abgeklärt werden. Nach vollständiger Abtragung kommt der Auswuchs selten wieder. Bei der erblichen Form bleiben die Fehlstellungen die größte Belastung.
7. Leitlinien
- Knochentumoren – Diagnostik und Therapie (Sektion Knochentumoren der DGOOC, Tumorzentren)
8. Literatur
- Bovée JV. Multiple osteochondromas. Orphanet J Rare Dis. 2008;3:3.
- Murphey MD, Choi JJ, Kransdorf MJ, Flemming DJ, Gannon FH. Imaging of osteochondroma: variants and complications with radiologic-pathologic correlation. Radiographics. 2000;20(5):1407-1434.
- Bernard SA, Murphey MD, Flemming DJ, Kransdorf MJ. Improved differentiation of benign osteochondromas from secondary chondrosarcomas with standardized measurement of cartilage cap at CT and MR imaging. Radiology. 2010;255(3):857-865.
- Schmale GA, Conrad EU 3rd, Raskind WH. The natural history of hereditary multiple exostoses. J Bone Joint Surg Am. 1994;76(7):986-992.
- Wikipedia, Artikel „Osteochondrom“: Osteochondrom (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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