Genu varum / Genu valgum (O-Beine / X-Beine)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Die ärztlichen Bezeichnungen kommen aus dem Lateinischen: genu bedeutet „Knie“. Varum heißt „einwärts gebogen“ – die Knie weichen nach außen, es entsteht ein O-Bein. Valgum heißt „auswärts gebogen“ – die Knie weichen nach innen, es entsteht ein X-Bein.
2. Was ist das?
O-Bein und X-Bein sind Abweichungen der Beinachse, wenn man das Bein von vorn betrachtet. Im Laufe des Wachstums verändert sich die Beinachse ganz natürlich: Neugeborene haben O-Beine (die Achse weicht etwa 10–15° nach außen ab), mit 18–24 Monaten sind die Beine gerade, mit 3–4 Jahren entsteht ein leichtes X-Bein (höchstens 10–15°), und danach richtet sich die Achse weiter auf, bis das gerade Erwachsenenbein erreicht ist (mit einer leichten X-Stellung von etwa 5°). Krankhaft ist die Fehlstellung, wenn sie außerhalb dieses natürlichen Entwicklungsablaufs auftritt oder die Funktion des Beins beeinträchtigt.
2.1 Wie häufig ist das?
Als Teil der natürlichen Entwicklung kommen O- und X-Beine bei allen Kleinkindern vor. Krankhafte Formen sind selten. Man unterscheidet Fehlstellungen ohne erkennbare Ursache von Fehlstellungen als Folge einer anderen Erkrankung: Rachitis (Knochenerweichung im Kindesalter durch Vitamin-D-Mangel), Morbus Blount (eine Wachstumsstörung an der Innenseite des oberen Schienbeins, die zum O-Bein führt), Folgen von Knochenbrüchen, Stoffwechselerkrankungen und Verletzungen der Wachstumsfuge.
3. Beschwerden
- Sichtbare Fehlstellung: Beim O-Bein ist der Abstand zwischen den Knien vergrößert, beim X-Bein der Abstand zwischen den Innenknöcheln
- Im Kindesalter meist ohne Schmerzen
- Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird das Kniegelenk einseitig belastet – dadurch entsteht frühzeitig ein Gelenkverschleiß
- Bei Morbus Blount: nur eine Seite betroffen, die Fehlstellung nimmt rasch zu
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung wird im Stehen der Abstand zwischen den Knien oder zwischen den Innenknöcheln gemessen. Im Verlauf wird beobachtet, ob sich die Beinachse von selbst aufrichtet.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die wichtigste Aufnahme ist ein Röntgenbild beider Beine in voller Länge im Stehen (mit möglichst geringer Strahlendosis, mit einem besonders strahlenarmen Aufnahmegerät oder als herkömmliche Aufnahme). Darauf wird die Belastungsachse des Beins vermessen: Man bestimmt, wie weit die Achse vom Kniemittelpunkt abweicht, und misst die Winkel der Gelenkflächen am unteren Oberschenkelknochen und am oberen Schienbein sowie bei Verdacht auf Morbus Blount einen besonderen Winkel am Schienbeinkopf. Röntgenbilder der Kniegelenke zeigen, wo die Fehlstellung hauptsächlich sitzt.
4.2 Blutuntersuchungen
Bei Verdacht auf eine Rachitis oder Knochenerweichung werden der Vitamin-D-Wert im Blut, Kalzium, Phosphat und der Knochenstoffwechsel-Wert (alkalische Phosphatase) bestimmt.
5. Behandlung
Natürliche Entwicklung
- Beobachtung, Aufklärung der Eltern
- Keine besondere Behandlung, keine Einlagen erforderlich
Krankhafte Fehlstellung
- Wachstumslenkung mit einer kleinen Platte im Wachstumsalter: Über einen kleinen Schnitt wird eine achtförmige Platte an einer Seite der Wachstumsfuge angebracht, die das Wachstum dort vorübergehend bremst, während die andere Seite weiterwächst – so richtet sich die Achse allmählich auf. Das Verfahren ist schonend und bei leichten und mittleren Fehlstellungen wirksam
- Im Erwachsenenalter: Umstellungsoperation bei Fehlstellung mit Beschwerden. Dabei wird der Knochen nahe dem Kniegelenk durchtrennt, in die richtige Achse gestellt und wieder befestigt (am oberen Schienbein oder am unteren Oberschenkelknochen) – das Gelenk bleibt erhalten
Bei Morbus Blount
- In frühen Stadien Behandlung ohne Operation (Entlastung)
- Wachstumslenkung oder Umstellungsoperation, wenn die Fehlstellung zunimmt
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Wachstumslenkung und Umstellungsoperationen sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Einlagen werden nur bezahlt, wenn ein medizinischer Grund vorliegt (selten).
6. Wie geht es weiter?
Werden krankhafte Formen rechtzeitig berichtigt, ist der voraussichtliche Verlauf sehr gut. Bleibt eine Fehlstellung bestehen, begünstigt sie einen frühzeitigen Gelenkverschleiß am Knie oder an der Hüfte.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Achsfehlstellungen / Genu varum/valgum
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Saran N, Rathjen KE. Guided growth for the correction of pediatric lower limb angular deformity. J Am Acad Orthop Surg. 2010;18(9):528-536.
- Stevens PM. Guided growth for angular correction. J Pediatr Orthop. 2007;27(3):253-259.
- Sabharwal S, Zhao C. The hip-knee-ankle angle in children: reference values based on a full-length standing radiograph. J Bone Joint Surg Am. 2009;91(10):2461-2468.
- Scott AC. Treatment of infantile Blount disease with lateral tension band plating. J Pediatr Orthop. 2012.
- Wikipedia, Artikel „Genu varum / Genu valgum“: Genu varum (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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