Skoliose (Seitliche Wirbelsäulenverkrümmung)
Orthopädie – Wirbelsäule
1. Woher kommt der Name?
Aus dem Griechischen skolios („krumm, gewunden“). Die Skoliose ist eine Verformung der Wirbelsäule in allen drei Raumrichtungen: Die Wirbelsäule weicht nicht nur zur Seite ab, die Wirbelkörper sind auch in sich verdreht.
2. Was ist das?
Eine Verformung der Wirbelsäule in drei Raumrichtungen mit seitlicher Abweichung (der auf dem Röntgenbild gemessene Krümmungswinkel nach Cobb beträgt mehr als 10°) und Verdrehung der Wirbelkörper. Formen:
- Ohne erkennbare Ursache (idiopathisch, 80 %): je nach Beginn im Kindesalter, im Jugendalter oder im Erwachsenenalter
- Angeboren: durch Fehlbildungen der Wirbel (Halbwirbel, miteinander verwachsene Wirbel)
- Durch Nerven- oder Muskelerkrankungen: zum Beispiel bei einer frühkindlichen Hirnschädigung mit Bewegungsstörung, bei Muskelschwund oder bei einem offenen Rücken
- Im Rahmen einer Erbkrankheit: zum Beispiel Marfan-Syndrom, Neurofibromatose, Ehlers-Danlos-Syndrom
- Durch Verschleiß (neu entstandene Skoliose im höheren Erwachsenenalter)
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Die Skoliose ohne erkennbare Ursache betrifft 1–3 % der Jugendlichen. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen; schwere Krümmungen kommen bei Mädchen 10-mal häufiger vor. Eine neu entstandene, verschleißbedingte Skoliose findet sich bei bis zu 30 % der über 60-Jährigen.
2.2 Ursache und Entstehung
Die Ursache der Form ohne erkennbare Ursache ist unklar; viele Faktoren wirken zusammen (erbliche Anlagen, das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, mechanische Kräfte). Bei der Form durch Nerven- oder Muskelerkrankungen und bei der Form im Rahmen einer Erbkrankheit ist die Grunderkrankung die Ursache.
3. Beschwerden
- Sichtbare Ungleichheiten: unterschiedlich hohe Schultern, ungleiche Taillendreiecke (die Räume zwischen Armen und Taille), schief stehendes Becken
- Rippenbuckel beim Vorbeugetest: Beugt sich die Patientin oder der Patient mit gestreckten Knien nach vorn, wölbt sich eine Seite des Rückens höher als die andere
- Im Jugendalter meist schmerzlos, bei Erwachsenen zunehmend schmerzhaft
- Schwere Formen über 70°: Herz und Lunge werden eingeschränkt, weil sich der Brustkorb nicht mehr ausreichend ausdehnen kann
- Bei der Form durch Nerven- oder Muskelerkrankungen: unsicheres Sitzen
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Betrachten des Rückens, Vorbeugetest, Messung mit dem Neigungsmesser (bei mehr als 5° wird ein Röntgenbild gemacht), Untersuchung der Nerven, Messung der Beinlängen. Bei ungewöhnlichen Befunden (einer Krümmung nach links, Auffälligkeiten der Nerven, bei jüngeren Kindern) ist eine Kernspin-Untersuchung angezeigt.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenaufnahme der gesamten Wirbelsäule im Stehen (mit niedriger Strahlendosis; in spezialisierten Zentren mit einem besonders strahlenarmen Aufnahmesystem) zur Bestimmung des Krümmungswinkels nach Cobb. Das Krümmungsmuster wird nach Lenke (bei der jugendlichen Form) oder nach King eingeteilt. Am Beckenkamm wird abgelesen, wie weit das Knochenwachstum fortgeschritten ist (sogenanntes Risser-Zeichen), um den Zustand der Wachstumsfugen zu beurteilen. Eine Kernspin-Untersuchung bei ungewöhnlichen Befunden schließt Fehlbildungen des Rückenmarks (einen flüssigkeitsgefüllten Hohlraum im Rückenmark) oder am Übergang zwischen Gehirn und Rückenmark aus.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig.
5. Behandlung
Ohne Operation
- Unter 20°: Beobachtung, eigens für Skoliose entwickelte Krankengymnastik (Übungen nach Schroth)
- 20–45° im Wachstumsalter: Behandlung mit einem Korsett (zum Beispiel nach Chêneau oder Boston), Tragezeit 18 bis 23 Stunden am Tag; Studien belegen, dass das Korsett die Zunahme der Verkrümmung bremst
- Erwachsene: Krankengymnastik, Schmerzbehandlung, bei Bedarf ein Korsett
Operation
- Gründe für eine Operation: ein Krümmungswinkel über 45–50° im Wachstumsalter, über 50° bei Erwachsenen mit Schmerzen oder zunehmender Verkrümmung
- Aufrichtung der Wirbelsäule und Versteifungsoperation von der Rückseite her mit Schrauben und Stäben
- In Sonderfällen Verfahren von der Vorderseite her oder kombinierte Verfahren
- Bei jungen Kindern: mitwachsende Stäbe, die von außen mit einem Magneten verlängert werden können, um das Wachstum zu lenken
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Krankengymnastik nach Schroth, die Versorgung mit einem Korsett und die Operation bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein Grund dafür besteht.
6. Wie geht es weiter?
Bei der jugendlichen Skoliose ohne erkennbare Ursache mit einem Krümmungswinkel unter 30° nach Abschluss des Wachstums ist der voraussichtliche Verlauf langfristig sehr gut. Krümmungen über 45° können im Erwachsenenalter langsam weiter zunehmen. Nach einer Operation sind die Ergebnisse für Beweglichkeit, Alltag und Aussehen gut; eine erneute Operation wird nur selten nötig (etwa 5 %). Bei der verschleißbedingten Skoliose des Erwachsenen bestimmen Schmerz und der Verlust an Beweglichkeit den weiteren Verlauf.
7. Leitlinien
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
8. Literatur
- Weinstein SL, Dolan LA, Wright JG, Dobbs MB. Effects of bracing in adolescents with idiopathic scoliosis. N Engl J Med. 2013;369(16):1512-1521.
- Negrini S, Donzelli S, Aulisa AG, et al. 2016 SOSORT guidelines: orthopaedic and rehabilitation treatment of idiopathic scoliosis during growth. Scoliosis Spinal Disord. 2018;13:3.
- Cheng JC, Castelein RM, Chu WC, et al. Adolescent idiopathic scoliosis. Nat Rev Dis Primers. 2015;1:15030.
- Silva FE, Lenke LG. Adult degenerative scoliosis: evaluation and management. Neurosurg Focus. 2010;28(3):E1.
- Lenke LG, Betz RR, Harms J, et al. Adolescent idiopathic scoliosis: a new classification to determine extent of spinal arthrodesis. J Bone Joint Surg Am. 2001;83(8):1169-1181.
- Wikipedia, Artikel „Skoliose“: Skoliose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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