Fibröse Dysplasie (Jaffé-Lichtenstein-Syndrom, McCune-Albright-Syndrom)
Osteologie
1. Woher kommt der Name?
„Fibrös“ bedeutet faserig, „Dysplasie“ bedeutet Fehlbildung – die fibröse Dysplasie ist also eine Fehlbildung des Knochens, bei der sich faseriges Gewebe statt festen Knochens bildet. Sie ist weder ein Tumor noch eine Stoffwechselkrankheit, sondern ein Mosaik: In manchen Zellen des Körpers ist ein Gen seit der Zeit im Mutterleib dauerhaft „eingeschaltet“. Wo diese Zellen im Skelett sitzen, entsteht statt Knochen ein weiches, faseriges Gewebe. Meist ist das harmlos und wird nur zufällig im Röntgenbild entdeckt. Sind zusätzlich Hormondrüsen und Haut beteiligt, spricht man vom McCune-Albright-Syndrom.
2. Was ist das?
Eine angeborene, aber nicht vererbbare Erkrankung des Skeletts. Ursache ist eine Veränderung in einem Signal-Gen der Zellen, die erst nach der Befruchtung in einzelnen Zellen entstanden ist und dieses Gen dauerhaft aktiv schaltet. Die Vorläuferzellen des Knochens bilden dann ein faseriges, nur schwach mit Mineralien gefülltes Gewebe anstelle von reifem Knochen. Man unterscheidet: Befall eines einzelnen Knochens (70–80 % der Fälle), Befall mehrerer Knochen (oft auf einer Körperseite), das McCune-Albright-Syndrom (Befall mehrerer Knochen, dazu hellbraune „Milchkaffee-Flecken“ der Haut mit unregelmäßigem Rand und Hormonstörungen wie vorzeitige Pubertät, Schilddrüsenüberfunktion, Überschuss an Wachstumshormon oder Überschuss an körpereigenem Kortison) und das Mazabraud-Syndrom (fibröse Dysplasie zusammen mit gutartigen, gallertigen Geschwülsten in den Muskeln).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Etwa 5–7 % aller gutartigen Knochenveränderungen. Die Erkrankung zeigt sich meist im Kindes- und Jugendalter: Der Befall mehrerer Knochen fällt früh auf, der Befall eines einzelnen Knochens ist oft ein Zufallsbefund im Alter zwischen etwa 10 und 30 Jahren. Das McCune-Albright-Syndrom ist sehr selten (etwa 1 von 100.000 bis 1 von 1.000.000 Menschen). Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Genveränderung führt dazu, dass in den Vorläuferzellen des Knochens dauerhaft zu viel von einem Botenstoff gebildet wird, der die Zelle antreibt. Die Zellen vermehren sich, reifen aber nicht aus und bilden faseriges Gewebe mit unreifem Knochen. Über weitere Botenstoffe werden auch die knochenabbauenden Zellen angeregt – es entstehen Herde, in denen Knochen aufgelöst wird, und Schmerzen. Die Herde bilden außerdem das Phosphat-Hormon FGF23. Bei großer Krankheitslast geht dadurch Phosphat über die Niere verloren, und der Knochen wird ähnlich wie bei einer Knochenerweichung zu wenig mit Mineralien gefüllt. In Hormondrüsen (Eierstock, Schilddrüse, Hirnanhangsdrüse, Nebenniere) bewirkt dieselbe Genveränderung, dass die Drüse unkontrolliert Hormone bildet.
3. Beschwerden
- Oft keine Beschwerden (Zufallsbefund); sonst Knochenschmerzen, Schwellung, Verformung
- Knochenbrüche ohne entsprechenden Unfall, besonders am hüftnahen Oberschenkelknochen (dort entsteht eine typische „Hirtenstab“-Verformung mit zu steil stehendem Schenkelhals), unterschiedliche Beinlängen, Hinken
- Befall von Schädel und Gesicht: ungleiche Gesichtshälften, hervortretender Augapfel, Seh- oder Hörminderung durch Einengung der Nervenkanäle, behinderte Nasenatmung, Kopfschmerz
- Verkrümmung der Wirbelsäule bei Befall der Wirbel
- McCune-Albright-Syndrom: Milchkaffee-Flecken der Haut mit zackigem Rand (wie die „Küste von Maine“), vorzeitige Pubertät bei Mädchen (Blutungen aus der Scheide schon im Kleinkindalter), Schilddrüsenüberfunktion, Überschuss an Wachstumshormon, Kortison-Überschuss schon beim Säugling
- Selten (unter 1 %) bösartige Entartung zu einem Knochenkrebs (Osteosarkom), häufiger nach einer Bestrahlung
4. Untersuchung
Das Röntgenbild erlaubt oft schon die Diagnose; bei typischem Bild ist keine Gewebeprobe nötig. Die Ausdehnung im Skelett wird mit einer Knochenszintigraphie oder einer Kernspin-Untersuchung beziehungsweise Stoffwechsel-Bildgebung des ganzen Körpers erfasst. Sind mehrere Knochen befallen, wird immer nach Hormonstörungen gesucht (Entwicklung der Pubertät, Schilddrüsenwert, Wachstumshormon-Wirkstoff, Kortisol im Blut) und der Phosphatstoffwechsel geprüft (Phosphat-Hormon). Bei Unklarheit – vor allem, wenn ein bösartiger Tumor ausgeschlossen werden muss – wird eine Gewebeprobe entnommen und darin die Genveränderung nachgewiesen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild: gut abgegrenzter, „milchglasartig“ aufgehellter Bereich mit verdichtetem Rand; der Knochen ist aufgetrieben, seine äußere Schicht ausgedünnt, die Knochenhaut zeigt keine Reaktion; am Oberschenkelknochen die Hirtenstab-Verformung. Computer-Röntgenschichtaufnahme: zeigt die milchglasartige Dichte und eignet sich besonders für Herde an Schädel und Gesicht. Kernspin-Untersuchung: unterschiedliches Bild, dient der Beurteilung von Komplikationen. Knochenszintigraphie oder Stoffwechsel-Bildgebung: alle Herde reichern an – damit wird die gesamte Krankheitslast erfasst. Bei Kindern werden die Herde jährlich kontrolliert.
4.2 Blutuntersuchungen
Der Knochenstoffwechsel-Wert im Blut zeigt die Aktivität der Erkrankung an und ist beim Befall mehrerer Knochen erhöht. Außerdem werden Phosphat im Blut und die Phosphatausscheidung über die Niere bestimmt (zu wenig Phosphat durch das Phosphat-Hormon bei hoher Krankheitslast), dazu der Vitamin-D-Wert, Kalzium und das Nebenschilddrüsenhormon. Beim McCune-Albright-Syndrom kommen die Hormonwerte hinzu: Schilddrüsenwert und Schilddrüsenhormon, Geschlechtshormone und ihre Steuerhormone aus der Hirnanhangsdrüse, Wachstumshormon und sein Wirkstoff, Kortisol und das Milchbildungshormon Prolaktin. Die Knochenumbau-Werte im Blut dienen der Verlaufskontrolle.
5. Behandlung
- Beobachtung bei Herden, die keine Beschwerden machen und stabil sind – nach der Pubertät wachsen die Herde meist nicht mehr
- Schmerzbehandlung: entzündungshemmende Schmerzmittel; knochenschützende Medikamente (Pamidronat oder Zoledronat als Infusion) lindern bei vielen Betroffenen die Knochenschmerzen und senken die Knochenumbau-Werte, verkleinern die Herde aber nicht; der Antikörper gegen Knochenabbau ist in Studien wirksam (nach dem Absetzen droht ein Rückschlag)
- Phosphatstoffwechsel: einen Vitamin-D-Mangel ausgleichen; bei Phosphatmangel durch das Phosphat-Hormon Phosphat und aktives Vitamin D (Calcitriol), bei Bedarf der Antikörper Burosumab, der hier außerhalb seiner Zulassung eingesetzt wird
- Operation: Stabilisierung bei drohendem oder eingetretenem Knochenbruch (am Oberschenkel bevorzugt mit einem Nagel im Markraum oder mit Platten; kein Ausschaben des Herdes mit Auffüllen durch Knochenmaterial, weil dieses wieder abgebaut wird), Umstellungsoperationen bei Verformung, Ausgleich unterschiedlicher Beinlängen; an Schädel und Gesicht nur bei Beeinträchtigung der Funktion oder bei Entstellung, eine Entlastung des Sehnervs nur bei nachgewiesenem Sehverlust
- Hormone: Behandlung der Hormonstörungen (bei vorzeitiger Pubertät Medikamente wie Letrozol, die die Bildung von Östrogen bremsen; bei Schilddrüsenüberfunktion hemmende Medikamente oder eine Schilddrüsenoperation; Blockade des Wachstumshormons). Das ist auch für den Knochen wichtig, weil Wachstumshormon und Schilddrüsenüberfunktion die fibröse Dysplasie verschlechtern
- Keine Bestrahlung (Gefahr eines bösartigen Tumors); Krankengymnastik, Stützschienen, Vorbeugung von Stürzen; Betreuung in spezialisierten Zentren
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchung, Bildgebung und Operationen bezahlt die Krankenkasse. Knochenschützende Medikamente sind bei der fibrösen Dysplasie nicht ausdrücklich zugelassen, werden bei Schmerzen aber in der Regel erstattet.
6. Wie geht es weiter?
Beim Befall eines einzelnen Knochens ist der Verlauf ausgezeichnet: Die Herde bleiben nach Abschluss des Wachstums meist stabil. Beim Befall mehrerer Knochen hängt der Verlauf davon ab, wo die Herde liegen und wie ausgedehnt sie sind: In der Kindheit stehen Knochenbrüche und Verformungen im Vordergrund, im Erwachsenenalter Schmerzen und Gelenkverschleiß. Mit dem Ende der Pubertät ist die Krankheitslast weitgehend festgelegt – neue Herde kommen nicht mehr hinzu. Bösartige Tumoren sind selten; bei reinem Befall des Skeletts ist die Lebenserwartung normal.
7. Leitlinien
- Best practice management guidelines for fibrous dysplasia/McCune-Albright syndrome: a consensus statement from the FD/MAS international consortium
8. Literatur
- Javaid MK, Boyce A, Appelman-Dijkstra N, et al. Best practice management guidelines for fibrous dysplasia/McCune-Albright syndrome: a consensus statement from the FD/MAS international consortium. Orphanet J Rare Dis. 2019;14(1):139.
- Boyce AM, Collins MT. Fibrous dysplasia/McCune-Albright syndrome: a rare, mosaic disease of Gαs activation. Endocr Rev. 2020;41(2):345-370.
- Riminucci M, Collins MT, Fedarko NS, et al. FGF-23 in fibrous dysplasia of bone and its relationship to renal phosphate wasting. J Clin Invest. 2003;112(5):683-692.
- Stanton RP, Ippolito E, Springfield D, et al. The surgical management of fibrous dysplasia of bone. Orphanet J Rare Dis. 2012;7 Suppl 1:S1.
- Wikipedia, Artikel „Fibröse Dysplasie“: Fibröse Dysplasie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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