Wachstumsfugenverletzung (Salter-Harris-Fraktur, Epiphysenverletzung)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Die Wachstumsfuge (Ärztinnen und Ärzte sagen auch Epiphysenfuge) ist die Zone aus Knorpel nahe den Enden der langen Knochen, aus der der Knochen bei Kindern und Jugendlichen in die Länge wächst. Eine Verletzung dieser Zone heißt Wachstumsfugenverletzung. Die Ärzte Salter und Harris haben 1963 eine Einteilung dieser Verletzungen entwickelt, die bis heute der Standard ist.
2. Was ist das?
Ein Knochenbruch, der durch die Wachstumsfuge verläuft. Die Einteilung nach Salter und Harris unterscheidet fünf Typen:
- Typ I: Die Fuge löst sich, der Knochen selbst ist nicht beteiligt
- Typ II: Fuge plus ein Knochenkeil aus dem Knochenabschnitt nahe der Wachstumsfuge (häufigste Form, 75 %)
- Typ III: Fuge plus das Gelenkende des Knochens (der Bruch reicht bis in das Gelenk)
- Typ IV: Fuge plus Knochenabschnitt nahe der Fuge plus Gelenkende (der Bruch reicht bis in das Gelenk)
- Typ V: Die Fuge wird gestaucht (selten, oft nicht sichtbar, hohe Gefahr einer Wachstumsstörung)
2.1 Wie häufig ist das?
15–30 % aller Knochenbrüche im Kindesalter betreffen die Wachstumsfuge. Häufig betroffen sind die Speiche nahe dem Handgelenk, das Schienbein und das Wadenbein nahe dem Sprunggelenk sowie der Oberarmknochen nahe dem Ellenbogen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Wachstumsfuge ist die mechanisch schwächste Zone des wachsenden Knochens. Belastungen durch Verbiegen, Verdrehen oder Verschieben führen deshalb bevorzugt hier zu Brüchen.
3. Beschwerden
- Schmerz, Schwellung und eingeschränkte Beweglichkeit über dem Gelenk
- Manchmal eine sichtbare Fehlstellung
- Achtung: Bei typischen Beschwerden und unauffälligem Röntgenbild an einen Typ I oder Typ V denken!
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Gespräch über den Unfallhergang, körperliche Untersuchung, Prüfung von Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl unterhalb der Verletzung.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild in zwei Ebenen, bei Bedarf eine Vergleichsaufnahme der gesunden Seite. Kernspin-Untersuchung bei Verdacht auf einen Typ V oder bei unauffälligem Röntgenbild mit starken Beschwerden. Computer-Röntgenschichtaufnahme bei komplizierten Brüchen, die bis in das Gelenk reichen.
4.2 Blutuntersuchungen
Unauffällig.
5. Behandlung
Typ I und II
- Meist ohne Operation: Einrichten des Bruchs und Ruhigstellung im Gips
- Heilung innerhalb von 3–4 Wochen
Typ III und IV (Bruch reicht bis in das Gelenk)
- Die Bruchstücke müssen genau in ihre ursprüngliche Lage gebracht werden – oft durch eine Operation
- Operative Stabilisierung mit Schrauben, die das Gelenkende und den Knochenabschnitt nahe der Fuge getrennt fassen und nicht durch die Fuge hindurchgehen
Typ V
- Ohne Operation, aber mit hoher Gefahr einer Wachstumsstörung
- Engmaschige Nachkontrollen über Jahre
Wenn sich ein Teil der Fuge vorzeitig verschließt
- Operative Entfernung der Knochenbrücke und Auffüllen der Lücke mit Fett- oder Fremdgewebe, damit das Wachstum wieder aufgenommen wird
- Wenn der Verschluss bereits fest ist: Durchtrennung des Knochens zur Begradigung oder gezielte Stilllegung der gesunden Fugenhälfte, damit beide Seiten wieder gleich wachsen
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle Behandlungen und Kontrollen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Typ I und II heilen meist sehr gut. Typ III und IV erfordern eine genaue Wiederherstellung der Gelenkfläche – sonst drohen Stufen in der Gelenkfläche und später ein Gelenkverschleiß. Typ V hat das höchste Risiko für Wachstumsstörungen und Achsfehlstellungen. Bei allen Wachstumsfugenverletzungen werden Kontrollen über längere Zeit empfohlen.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Wachstumsfugen-/Epiphysenverletzungen
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Salter RB, Harris WR. Injuries involving the epiphyseal plate. J Bone Joint Surg Am. 1963;45:587-622.
- Peterson HA, et al. Physeal fractures: Part 1. Epidemiology. J Pediatr Orthop. 1994;14(4):423-430.
- Mizuta T, Benson WM, Foster BK, Paterson DC, Morris LL. Statistical analysis of the incidence of physeal injuries. J Pediatr Orthop. 1987;7(5):518-523.
- Peterson HA, Madhok R, Benson JT, Ilstrup DM, Melton LJ 3rd. Physeal fractures: Part 1. Epidemiology in Olmsted County, Minnesota. J Pediatr Orthop. 1994;14(4):423-430.
- Canale ST, Kelly FB. Fractures of the physis. Instr Course Lect. 2003.
- Wikipedia, Artikel „Wachstumsfugenverletzung“: Epiphysenverletzung (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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