Trigeminusneuralgie (Tic douloureux, idiopathische/klassische Trigeminusneuralgie)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Die Erkrankung ist nach dem fünften Hirnnerv benannt, dem Trigeminus-Nerv („Drillingsnerv“, weil er sich in drei Äste teilt). „Neuralgie“ bedeutet Nervenschmerz. Die französische Bezeichnung „Tic douloureux“ („schmerzhaftes Zucken“) weist auf die heftigen Schmerzanfälle hin, die das Gesicht verziehen lassen.
2. Was ist das?
Die Trigeminusneuralgie (der Gesichtsnervenschmerz) besteht aus anfallsartigen, heftigsten, einschießenden Schmerzen in dem Gesichtsbereich, den ein oder mehrere Äste des Trigeminus-Nervs versorgen. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet drei Formen:
- Klassische Trigeminusneuralgie: Ein Blutgefäß drückt auf den Nerv (meist eine Schlagader des Kleinhirns an der Stelle, an der der Trigeminus-Nerv in den Hirnstamm eintritt)
- Trigeminusneuralgie als Folge einer anderen Erkrankung: bei Multipler Sklerose, bei Tumoren (zum Beispiel einem gutartigen Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnervs) oder bei anderen raumfordernden Veränderungen im Schädel
- Trigeminusneuralgie ohne erkennbare Ursache
2.1 Wie häufig ist die Trigeminusneuralgie?
Jedes Jahr erkranken 4–5 von 100.000 Menschen neu. Am häufigsten tritt die Erkrankung nach dem 50. Lebensjahr auf, Frauen etwas häufiger als Männer. Bei jungen Betroffenen (unter 40 Jahren) muss an eine Multiple Sklerose gedacht werden.
2.2 Ursachen und Entstehung
Eine Schlagader, die über den Nerv kreuzt, drückt auf die Nervenwurzel. Dadurch verliert der Nerv an dieser Stelle seine schützende Hülle. Der freiliegende Nerv bildet von selbst Schmerzimpulse, und Erregungen springen zwischen benachbarten Nervenfasern über. Bei Multipler Sklerose entstehen an mehreren Stellen im Hirnstamm Schäden an der Nervenhülle.
3. Beschwerden
- Blitzartig einschießender, wie elektrisch empfundener Schmerz, der Sekunden dauert
- Typisch im zweiten Ast (Oberkiefer, Wange) oder im dritten Ast (Unterkiefer), seltener im ersten Ast (Stirn und Auge)
- Auslöser: Kauen, Sprechen, Zähneputzen, Wind, Berührung
- Mehrere Anfälle am Tag bis hin zu mehreren Anfällen in der Stunde
- Zwischen den Anfällen oft beschwerdefrei
- Keine Ausfälle der Nerven wie Taubheit oder Lähmung (bei der klassischen Form)
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird anhand der Krankengeschichte gestellt. Bei Verdacht auf eine Form als Folge einer anderen Erkrankung (Alter unter 40 Jahren, Anfälle auf beiden Gesichtsseiten, Ausfälle der Nerven) sind weitere Untersuchungen nötig.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Kernspin-Untersuchung des Schädels mit besonderen Aufnahmefolgen. Sie zeigt, ob ein Blutgefäß auf den Nerv drückt, und schließt raumfordernde Veränderungen und Schäden an der Nervenhülle aus.
4.2 Blutuntersuchungen
Unauffällig.
5. Behandlung
Medikamente (erste Wahl)
- Carbamazepin (ein Medikament gegen Epilepsie, das auch Nervenschmerzen dämpft; 600–1200 mg am Tag, langsam steigernd) – wirkt bei über 90 % der Betroffenen, die Wirkung ist wissenschaftlich sehr gut belegt
- Oxcarbazepin (ein verwandter Wirkstoff, besser verträglich, 900–1800 mg am Tag)
- Weitere Möglichkeiten: Gabapentin, Pregabalin, Lamotrigin, Phenytoin (Medikamente gegen Nervenschmerzen und Epilepsie), Baclofen (ein muskelentspannendes Medikament)
- Achtung: Unter Carbamazepin und Oxcarbazepin muss der Natriumwert im Blut kontrolliert werden, weil er absinken kann
Operation (wenn Medikamente nicht helfen oder nicht vertragen werden)
- Operation nach Jannetta: Das drückende Blutgefäß wird vom Nerv abgehoben und mit einem kleinen Polster abgetrennt. Das ist das beste Verfahren mit langanhaltendem Erfolg bei 80–90 %. Es ist jedoch eine Operation an der Schädelbasis mit Risiken (Hörverlust, Lähmung des Gesichtsnervs)
- Eingriffe durch die Haut am Nervenknoten des Trigeminus-Nervs an der
Schädelbasis:
- Verödung mit Hitze
- Verödung mit Glyzerin
- Zusammendrücken mit einem kleinen Ballon
- Gezielte Bestrahlung (Gamma-Knife): ohne Operation, die Wirkung tritt verzögert nach Wochen ein
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Medikamente und Operationen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Die gezielte Bestrahlung (Gamma-Knife) in spezialisierten Zentren wird nach Prüfung im Einzelfall übernommen.
6. Wie geht es weiter?
Mit Medikamenten bessern sich die Beschwerden bei 70–80 % der Betroffenen dauerhaft. Nach der Operation nach Jannetta sind 80–90 % beschwerdefrei; bei 20 % kommen die Schmerzen innerhalb von 10 Jahren zurück. Nach den Eingriffen durch die Haut kommen die Schmerzen häufiger zurück.
7. Leitlinien
- AWMF 030-016 · Trigeminusneuralgie
→ Im AWMF-Register nach 030-016 suchen
8. Literatur
- Bendtsen L, Zakrzewska JM, Abbott J, et al. European Academy of Neurology guideline on trigeminal neuralgia. Eur J Neurol. 2019;26(6):831-849.
- Cruccu G, Di Stefano G, Truini A. Trigeminal Neuralgia. N Engl J Med. 2020;383(8):754-762.
- Jannetta PJ. Arterial compression of the trigeminal nerve at the pons in patients with trigeminal neuralgia. J Neurosurg. 1967;26(1):Suppl:159-162.
- Maarbjerg S, Di Stefano G, Bendtsen L, Cruccu G. Trigeminal neuralgia – diagnosis and treatment. Cephalalgia. 2017;37(7):648-657.
- Wikipedia, Artikel „Trigeminusneuralgie“: Trigeminusneuralgie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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