Systemischer Lupus erythematodes (SLE, Lupus erythematodes disseminatus)
Rheumatologie
1. Woher kommt der Name?
Der Name geht auf das lateinische Wort lupus („Wolf“) zurück, weil die typischen Hautveränderungen früher an einen Wolfsbiss erinnerten. Erythematosus („rötlich“) beschreibt die Farbe der Hautveränderungen. Der Zusatz „systemisch“ bedeutet, dass die Erkrankung mehrere Organsysteme des Körpers befällt – im Unterschied zum Haut-Lupus, der nur die Haut betrifft.
2. Was ist das?
Der systemische Lupus erythematodes ist eine langanhaltende entzündliche Erkrankung durch fehlgeleitete Abwehr: Das Immunsystem bildet Autoantikörper gegen Zellkerne und greift verschiedenste Organe an – Haut, Gelenke, Nieren, Gehirn und Nerven, die Häute um Lunge, Herz und Bauchorgane sowie das Blut. Die Erkrankung verläuft in Schüben mit Phasen unterschiedlicher Aktivität. Für die Einordnung gelten die Einteilungskriterien der europäischen und amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaften von 2019: Voraussetzung ist der Nachweis der Autoantikörper gegen Zellkerne; danach werden Beschwerden und Blutwerte aus verschiedenen Bereichen mit Punkten gewichtet. Ab 10 Punkten kann die Erkrankung als systemischer Lupus eingeordnet werden.
2.1 Wie häufig ist der Lupus?
In Deutschland sind etwa 35–50 von 100.000 Menschen betroffen; jedes Jahr erkranken 2–8 von 100.000 neu. Frauen erkranken 9-mal häufiger als Männer. Am häufigsten beginnt die Erkrankung zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Es gibt eine erbliche Veranlagung (bestimmte Erbmerkmale, angeborene Defekte des Komplementsystems – eines Teils der Abwehr) und Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen (häufiger und schwerer bei Menschen afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Herkunft). Auslöser aus der Umwelt: ultraviolettes Licht (Sonnenlicht), Infektionen (Epstein-Barr-Virus, der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers), Medikamente (Hydralazin, Procainamid – ein medikamentenbedingter Lupus) und hormonelle Einflüsse.
2.2 Ursachen und Entstehung
Viele Faktoren wirken zusammen: Der natürliche Zelltod und der Abbau abgestorbener Zellen sind gestört. Dadurch werden Bestandteile der Zellkerne dem Immunsystem gezeigt, das daraufhin Antikörper gegen körpereigene Strukturen bildet (gegen die Erbsubstanz und andere Zellkern-Eiweiße). Antikörper und Zellkernbestandteile verbinden sich zu Immunkomplexen, die sich in den Geweben ablagern, das Komplementsystem aktivieren und so Gewebeschäden verursachen. Bei Lupus-Patientinnen und -Patienten ist außerdem der Abwehr-Botenstoff Interferon vom Typ 1 stark erhöht – er ist der Angriffspunkt moderner Medikamente (Anifrolumab).
3. Beschwerden
Die Beschwerden sind äußerst vielfältig; nahezu jedes Organ kann betroffen sein:
- Haut: schmetterlingsförmige Rötung über Nase und Wangen (bei 40 %), Lichtempfindlichkeit, scheibenförmige Hautveränderungen, Geschwüre der Schleimhaut (vor allem am Gaumen)
- Gelenke: Entzündung mehrerer Gelenke auf beiden Körperseiten (kleine Gelenke; im Unterschied zur rheumatoiden Arthritis wird der Knochen nicht zerstört), Gelenkschmerzen, Morgensteifigkeit
- Entzündung der Organhäute: Rippenfellentzündung, Herzbeutelentzündung
- Niere (Lupus-Nierenentzündung): bei 30–50 % der Betroffenen, anfangs häufig ohne Beschwerden. Sie wird in sechs Klassen eingeteilt. Sie kann bis zum völligen Nierenversagen fortschreiten
- Gehirn und Rückenmark: Störungen des Denkens und Gedächtnisses, Kopfschmerzen, Krampfanfälle, Psychosen, Rückenmarksentzündung, Schlaganfälle
- Blut: Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen, Mangel an Blutplättchen, Mangel an weißen Blutkörperchen
- Gefäße: Weißwerden der Finger bei Kälte (Raynaud-Phänomen), Gefäßentzündung, Antiphospholipid-Syndrom (eine Gerinnungsstörung mit Neigung zu Blutgerinnseln)
- Allgemeinbeschwerden: Müdigkeit, Fieber, Gewichtsverlust, geschwollene Lymphknoten
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird aus Beschwerden und Blutwerten nach den Einteilungskriterien der europäischen und amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaften von 2019 gestellt. Bei Verdacht auf die Beteiligung eines Organs folgen gezielte Untersuchungen (Gewebeprobe aus der Niere, Messung der Hirnströme, Kernspin-Untersuchung des Kopfes, Ultraschalluntersuchung des Herzens). Die Betreuung erfolgt in spezialisierten Zentren, in denen mehrere Fachrichtungen zusammenarbeiten.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Je nach betroffenem Organ:
- Niere: Ultraschalluntersuchung; bei Lupus-Nierenentzündung ist die Gewebeprobe aus der Niere unverzichtbar (für die Einteilung in Klassen)
- Herz und Lunge: Ultraschalluntersuchung des Herzens (Herzbeutel, Herzinnenhaut, Lungenhochdruck), hochauflösende Computer-Röntgenschichtaufnahme des Brustkorbs (Rippenfellentzündung, Lungenentzündung durch Lupus, Lungengerüsterkrankung)
- Gelenke: Ultraschalluntersuchung (Entzündung der Gelenkinnenhaut), Kernspin-Untersuchung bei unklaren Befunden
- Gehirn: Kernspin-Untersuchung, Stoffwechsel-Bildgebung bei Beteiligung des Nervensystems
4.2 Blutuntersuchungen
- Autoantikörper gegen Zellkerne: fast immer nachweisbar (über 95 %), die Suchuntersuchung, die immer gemacht wird
- Antikörper gegen die doppelsträngige Erbsubstanz: sehr typisch für den Lupus; die Höhe des Werts geht mit der Krankheitsaktivität einher, besonders bei Nierenbeteiligung
- Smith-Antikörper: sehr typisch für den Lupus
- Ro- und La-Antikörper: weisen auf eine Überlappung mit dem Sjögren-Syndrom hin (eine Erkrankung mit trockenen Augen und trockenem Mund)
- Antikörper gegen ribosomales P-Eiweiß: Hinweis auf Beteiligung von Gehirn und Nerven
- Antiphospholipid-Antikörper: Lupus-Antikoagulans, Cardiolipin-Antikörper, Antikörper gegen Beta-2-Glykoprotein (beim Antiphospholipid-Syndrom)
- Komplement: Die Komplement-Eiweiße C3 und C4 sind bei aktiver Erkrankung erniedrigt (sie werden verbraucht)
- Entzündungswerte im Blut: Die Blutsenkung ist deutlich erhöht, das C-reaktive Protein meist nur gering (wichtig: Steigt das C-reaktive Protein deutlich an, ist eine Infektion wahrscheinlicher)
- Blutbild: Blutarmut, Mangel an weißen Blutkörperchen, Mangel an Blutplättchen
- Nieren: Kreatinin, Urinuntersuchung (Eiweiß im Urin, Blut im Urin, Zellzylinder!), Eiweiß im Sammelurin über 24 Stunden
- Coombs-Test: ein Bluttest, der bei Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen die Antikörper auf den roten Blutkörperchen nachweist
5. Behandlung
Nach den Empfehlungen der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft von 2019 zur Behandlung des systemischen Lupus.
Grundlage für alle
- Hydroxychloroquin (ein Rheuma- und Malariamittel), 200–400 mg am Tag: die Grundbehandlung für alle Lupus-Patientinnen und -Patienten (verringert Schübe, schützt die Organe, verlängert das Leben). Regelmäßige Kontrolle beim Augenarzt (bei langjähriger Einnahme kann die Netzhaut geschädigt werden)
- Schutz vor ultraviolettem Licht (Sonnencreme, Kleidung)
- Impfschutz überprüfen (Totimpfstoffe; Lebendimpfstoffe dürfen bei gedämpfter Abwehr nicht gegeben werden)
- Herz-Kreislauf-Risiken behandeln (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung)
- Vorbeugung von Knochenschwund bei Behandlung mit Kortison
Behandlung je nach betroffenem Organ
- Kortison: bei aktiven Schüben. Ziel: langfristig weniger als 7,5 mg am Tag (umgerechnet auf Prednison)
- Medikamente, die das Immunsystem dämpfen:
- Azathioprin (1–2 mg je kg Körpergewicht am Tag) – bei mittelschweren Verläufen
- Mycophenolat-Mofetil (2–3 g am Tag) – bei Lupus-Nierenentzündung, zu Beginn und zur Erhaltung
- Methotrexat – bei Befall von Haut und Gelenken
- Cyclophosphamid (nach einem festen Schema: 6 Infusionen in die Vene zu je 500 mg) – bei schweren Verläufen, die Organe bedrohen, vor allem bei der wuchernden Form der Lupus-Nierenentzündung
- Biotechnologisch hergestellte
Rheumamedikamente:
- Belimumab (blockiert einen Wachstumsfaktor bestimmter Abwehrzellen): für den Lupus zugelassen, verringert die Krankheitsaktivität
- Anifrolumab (blockiert die Andockstelle des Botenstoffs Interferon): zugelassen seit 2022, eine neue Möglichkeit
- Rituximab (außerhalb der amtlichen Zulassung): bei Verläufen, die auf andere Mittel nicht ansprechen, besonders bei Nierenbeteiligung
- Voclosporin (dämpft die Abwehrzellen): speziell für die Lupus-Nierenentzündung
- Blutwäsche (Austausch des Blutplasmas) und Antikörper-Konzentrate als Infusion: bei Verläufen, die auf keine Behandlung ansprechen oder lebensbedrohlich sind
- Blutverdünnung beim Antiphospholipid-Syndrom
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Hydroxychloroquin, Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Cyclophosphamid, Methotrexat, Kortison, Belimumab, Anifrolumab, Rituximab (außerhalb der amtlichen Zulassung, mit Antrag) und Voclosporin bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein Grund für die Behandlung vorliegt. Die regelmäßige Kontrolle beim Augenarzt unter Hydroxychloroquin wird erstattet. Sonnenschutz für Freizeit und Hobby wird nicht erstattet; bei medizinischem Grund (zum Beispiel einer durch Licht ausgelösten Erkrankung) ist eine Erstattung im Einzelfall möglich.
6. Wie geht es weiter?
Der voraussichtliche Verlauf hat sich durch die modernen Behandlungen erheblich verbessert. Heute leben nach 10 Jahren noch über 90 % der Betroffenen (in den 1950er Jahren waren es weniger als 50 %). Schäden an den Organen (vor allem an Nieren, Gehirn und Nerven) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Hauptursachen für Folgeerkrankungen und Todesfälle. Eine frühe Diagnose, die konsequente Einnahme von Hydroxychloroquin und eine engmaschige Betreuung sind entscheidend. Frauen im gebärfähigen Alter brauchen eine besondere Planung der Schwangerschaft: Mycophenolat-Mofetil und Cyclophosphamid können das ungeborene Kind schädigen, Hydroxychloroquin ist in der Schwangerschaft sicher.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Systemischer Lupus erythematodes
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Fanouriakis A, Kostopoulou M, Alunno A, et al. 2019 update of the EULAR recommendations for the management of systemic lupus erythematosus. Ann Rheum Dis. 2019;78(6):736-745.
- Aringer M, Costenbader K, Daikh D, et al. 2019 European League Against Rheumatism/American College of Rheumatology classification criteria for systemic lupus erythematosus. Ann Rheum Dis. 2019;78(9):1151-1159.
- Kaul A, Gordon C, Crow MK, et al. Systemic lupus erythematosus. Nat Rev Dis Primers. 2016;2:16039.
- Fanouriakis A, Kostopoulou M, Cheema K, et al. 2019 Update of the Joint European League Against Rheumatism and European Renal Association-European Dialysis and Transplant Association recommendations for the management of lupus nephritis. Ann Rheum Dis. 2020;79(6):713-723.
- Lisnevskaia L, Murphy G, Isenberg D. Systemic lupus erythematosus. Lancet. 2014;384(9957):1878-1888.
- Morand EF, Furie R, Tanaka Y, et al. Trial of Anifrolumab in Active Systemic Lupus Erythematosus. N Engl J Med. 2020;382(3):211-221.
- Wikipedia, Artikel „Systemischer Lupus erythematodes“: Systemischer Lupus erythematodes (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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