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Systemische Sklerose (Sklerodermie, Progressive systemische Sklerose (PSS))

Rheumatologie

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

Der Name setzt sich aus den griechischen Wörtern „skleros“ („hart“) und „derma“ („Haut“) zusammen – „Hartwerden der Haut“ (Sklerodermie). „Systemisch“ bedeutet, dass mehrere Organe des Körpers betroffen sind. Das grenzt die Erkrankung von den rein örtlichen Formen ab, bei denen nur einzelne Hautstellen verhärten (umschriebene Sklerodermie, auch Morphea genannt).

2. Was ist das?

Die systemische Sklerose (Sklerodermie mit Organbeteiligung) ist eine seltene Erkrankung durch fehlgeleitete Abwehr. Drei Dinge kennzeichnen sie: (1) eine Erkrankung der kleinen Blutgefäße, (2) die Bildung von Antikörpern gegen den eigenen Körper und (3) eine zunehmende Vernarbung (Vermehrung von Bindegewebe) der Haut und innerer Organe. Es gibt zwei Hauptformen:

  • Begrenzte Hautform: Die Haut ist nur unterhalb von Knien und Ellenbogen sowie im Gesicht betroffen. Diese Form wurde früher als Fünf-Zeichen-Form bezeichnet, nach ihren fünf Hauptmerkmalen: Kalkablagerungen unter der Haut, Raynaud-Syndrom (anfallsweises Weißwerden der Finger durch Gefäßkrämpfe), Bewegungsstörung der Speiseröhre, Verhärtung der Fingerhaut und erweiterte kleine Hautgefäße. Sie schreitet langsam voran; es droht ein Lungenhochdruck (erhöhter Blutdruck in den Lungengefäßen)
  • Ausgedehnte Hautform: Die Haut ist auch oberhalb von Knien und Ellenbogen und am Rumpf betroffen. Diese Form schreitet rasch voran, die inneren Organe sind früh beteiligt (Vernarbung der Lunge, Nierenkrise, Herz)

2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?

10–50 von 100.000 Menschen sind betroffen; jedes Jahr erkranken 1–2 von 100.000 neu. Frauen erkranken viermal häufiger als Männer. Am häufigsten tritt die Erkrankung im Alter von 40 bis 60 Jahren auf. Sie ist selten, geht aber mit einer hohen Krankheitslast und Sterblichkeit einher. Bei Menschen afrikanischer Abstammung verläuft sie schwerer.

2.2 Ursachen und Entstehung

Im Mittelpunkt steht eine Störung der Gefäßinnenwand. Daraus entsteht eine Erkrankung der kleinen Blutgefäße. Die Bindegewebszellen werden aktiviert und bilden zu viel Kollagen und andere Bindegewebs-Eiweiße – das Gewebe vernarbt zunehmend. Das Immunsystem ist beteiligt: Es bildet Antikörper gegen den eigenen Körper, und bestimmte Botenstoffe des Immunsystems (unter anderem Interleukin-6 und Interleukin-17 sowie ein Wachstumsfaktor, der die Bindegewebsbildung anregt) sind aus dem Gleichgewicht geraten. Eine erbliche Veranlagung spielt eine Rolle; mehrere Erbmerkmale sind bekannt.

3. Beschwerden

  • Raynaud-Syndrom (anfallsweises Weißwerden der Finger durch Gefäßkrämpfe): meist das erste Anzeichen (bei über 95 %), oft schon Jahre vorher. Bei der Sklerodermie ist es meist schwer und führt zu offenen Wunden an den Fingerspitzen
  • Hautveränderungen:
    • Frühphase: teigige Schwellung der Hände („geschwollene Hände“)
    • Klassische Phase: zunehmende Verhärtung der Haut, Verhärtung und Verschmälerung der Fingerhaut
    • Gesicht: verkleinerte Mundöffnung, starre Gesichtszüge („Maskengesicht“), strahlenförmige Falten um den Mund („Tabakbeutelmund“)
    • Erweiterte kleine Hautgefäße, sichtbar als rote Fleckchen (Gesicht, Hände, Schleimhäute)
    • Kalkablagerungen unter der Haut
  • Offene Wunden an den Fingerspitzen: schmerzhaft, infektionsgefährdet, das Gewebe kann absterben
  • Lungenbeteiligung:
    • Vernarbung des Lungengewebes (Lungenfibrose) – der wichtigste Faktor für die Lebenserwartung
    • Lungenhochdruck – besonders bei der begrenzten Hautform
  • Magen und Darm: Bewegungsstörung der Speiseröhre (Sodbrennen, Schluckstörungen), verzögerte Magenentleerung, Überwucherung des Dünndarms mit Bakterien, unkontrollierter Stuhlabgang
  • Nierenkrise: plötzlicher starker Bluthochdruck mit Nierenversagen (selten, aber lebensbedrohlich – die Behandlung mit Blutdrucksenkern aus der Captopril-Gruppe rettet Leben)
  • Herz: Vernarbung des Herzmuskels, Herzbeutelentzündung, Herzrhythmusstörungen
  • Gelenke und Muskeln: Gelenkschmerzen, Versteifung der Gelenke in Fehlstellung, Muskelerkrankung

3.1 Bilder

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4. Untersuchung

Die Diagnose wird nach den gemeinsamen Kriterien der amerikanischen und der europäischen Rheuma-Fachgesellschaften von 2013 gestellt. Wichtige zusätzliche Untersuchungen:

  • Untersuchung der kleinsten Blutgefäße am Nagelbett unter dem Mikroskop: Dabei zeigen sich typische Muster (frühes, aktives und spätes Stadium). So lässt sich ein harmloses Raynaud-Syndrom von einem Raynaud-Syndrom im Rahmen der Erkrankung unterscheiden
  • Prüfung der Speichelbildung bei Mund- und Augentrockenheit
  • Untersuchung der inneren Organe bei der Erstdiagnose (Lunge, Herz, Speiseröhre, Niere)

4.1 Untersuchung mit Bildern

Hochauflösende Computer-Röntgenschichtaufnahme der Lunge: erkennt die Vernarbung des Lungengewebes und zeigt ihren Verlauf (die gleichmäßigere Form der Vernarbung ist häufiger als die grobe, wabenartige Form).

Ultraschalluntersuchung des Herzens: Suche nach Lungenhochdruck (Druck in der rechten Herzkammer, Pumpbewegung der rechten Herzkammer). Bei Verdacht wird der Lungenhochdruck durch eine Druckmessung mit einem Herzkatheter in der rechten Herzhälfte bestätigt.

Druckmessung in der Speiseröhre und nuklearmedizinische Untersuchung der Speiseröhrenbewegung: Bewegungsstörung. Magenspiegelung.

Kernspin-Untersuchung und Untersuchung der kleinsten Blutgefäße unter dem Mikroskop: bei besonderen Fragestellungen.

4.2 Blutuntersuchungen

  • Autoantikörper gegen Zellkerne: bei über 90 % nachweisbar (verschiedene Muster unter dem Mikroskop)
  • Antikörper gegen das Enzym Topoisomerase I (im Arztbrief oft „Scl-70“ genannt): sehr kennzeichnend für die ausgedehnte Hautform, verbunden mit Lungenvernarbung
  • Antikörper gegen Zentromere (Teile der Chromosomen): begrenzte Hautform
  • Antikörper gegen das Enzym Ribonukleinsäure-Polymerase 3: ausgedehnte Hautform, verbunden mit der Nierenkrise
  • Antikörper gegen bestimmte Zellkern-Eiweiße (U3-Ribonukleoprotein): bei gleichzeitiger Muskelentzündung
  • Nierenwerte (Kreatinin, Urin), regelmäßige Blutdruckkontrolle (um eine Nierenkrise früh zu erkennen!)
  • Lungenfunktionsprüfung (Messung des Lungenvolumens und der Fähigkeit der Lunge, Sauerstoff aufzunehmen) zur Verlaufskontrolle

5. Behandlung

Jedes betroffene Organ wird gezielt behandelt, nach den Empfehlungen der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft von 2017 (aktualisiert 2023). Eine heilende Behandlung gibt es bisher nicht, aber zunehmend wirksame Möglichkeiten für die einzelnen Organe.

Gefäßbeschwerden

  • Raynaud-Syndrom: gefäßerweiternde Blutdruckmittel aus der Gruppe der Kalziumkanalblocker (Nifedipin, Amlodipin), bei Bedarf weitere gefäßerweiternde Mittel (Sildenafil, Tadalafil), bei schwerem Raynaud-Syndrom oder offenen Wunden an den Fingern das gefäßerweiternde Medikament Iloprost als Infusion
  • Offene Wunden an den Fingerspitzen: das gefäßwirksame Medikament Bosentan (verringert das Neuauftreten), örtliche Wundversorgung, bei Bedarf eine Operation

Haut- und Gelenkbeschwerden

Lungenbeteiligung

  • Vernarbung des Lungengewebes:
    • Mycophenolat-Mofetil oder das Zellgift Cyclophosphamid (Behandlung zu Beginn)
    • Tocilizumab (zugelassen)
    • Nintedanib (hemmt die Vernarbung, zugelassen für die Lungenvernarbung bei systemischer Sklerose)
    • Der Antikörper Rituximab (nicht für diese Erkrankung zugelassen, in Studien aber wirksam)
  • Lungenhochdruck: besondere Medikamente gegen Lungenhochdruck (Mittel, die den gefäßverengenden Botenstoff Endothelin blockieren, gefäßerweiternde Mittel wie Sildenafil, Riociguat, Stoffe, die dem körpereigenen Prostazyklin ähneln) – Betreuung durch mehrere Fachrichtungen in einem Zentrum für Lungenhochdruck

Magen und Darm

  • Magensäureblocker (Protonenpumpenhemmer) lebenslang
  • Mittel, die die Bewegung von Magen und Darm anregen (Metoclopramid, Domperidon)
  • Antibiotika bei bakterieller Überwucherung des Dünndarms (Rifaximin, im Wechsel mit anderen Antibiotika)

Nierenkrise bei Sklerodermie

Blutdrucksenker aus der Captopril-Gruppe sofort bei Verdacht (Captopril wird schrittweise gesteigert) – dadurch ist die Sterblichkeit drastisch gesunken. Kein Kortison, weil es eine Nierenkrise auslösen kann!

Fälle, die auf die Behandlung nicht ansprechen

Übertragung eigener Blutstammzellen nach einer hochdosierten Chemotherapie bei jungen Patientinnen und Patienten mit rasch fortschreitender ausgedehnter Hautform – die Wirksamkeit ist durch zwei große Studien belegt.

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Untersuchung, Medikamente und die Betreuung durch mehrere Fachrichtungen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Nintedanib und Tocilizumab sind für die Lungenvernarbung bei systemischer Sklerose zugelassen und werden erstattet. Die Übertragung eigener Blutstammzellen wird in spezialisierten Zentren auf Antrag übernommen.

6. Wie geht es weiter?

Der Verlauf ist je nach Form und Organbefall sehr unterschiedlich. Begrenzte Hautform: langsames Fortschreiten, die Lebenserwartung ist mäßig verringert, der Lungenhochdruck ist die wichtigste späte Komplikation. Ausgedehnte Hautform: schwerer Verlauf, 65–70 % der Betroffenen leben nach 10 Jahren noch. Die häufigsten Todesursachen sind die Vernarbung der Lunge und der Lungenhochdruck. Eine frühe Diagnose, regelmäßige Untersuchungen der inneren Organe und eine konsequente, auf die einzelnen Organe abgestimmte Behandlung verbessern den voraussichtlichen Verlauf erheblich.

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.

8. Literatur

  1. Del Galdo F, Lescoat A, Conaghan PG, et al. EULAR recommendations for the treatment of systemic sclerosis: 2023 update. Ann Rheum Dis. 2024 (Online First).
  2. van den Hoogen F, Khanna D, Fransen J, et al. 2013 classification criteria for systemic sclerosis: an American College of Rheumatology/European League against Rheumatism collaborative initiative. Arthritis Rheum. 2013;65(11):2737-2747.
  3. Denton CP, Khanna D. Systemic sclerosis. Lancet. 2017;390(10103):1685-1699.
  4. Distler O, Highland KB, Gahlemann M, et al. Nintedanib for Systemic Sclerosis-Associated Interstitial Lung Disease. N Engl J Med. 2019;380(26):2518-2528.
  5. Khanna D, Denton CP, Jahreis A, et al. Safety and efficacy of subcutaneous tocilizumab in adults with systemic sclerosis (faSScinate). Lancet. 2016;387(10038):2630-2640.
  6. Sullivan KM, Goldmuntz EA, Keyes-Elstein L, et al. Myeloablative Autologous Stem-Cell Transplantation for Severe Scleroderma. N Engl J Med. 2018;378(1):35-47.
  7. Wikipedia, Artikel „Systemische Sklerose“: Systemische Sklerose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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