Spondylolisthese (Wirbelgleiten)
Orthopädie – Wirbelsäule
1. Woher kommt der Name?
Der Name kommt aus dem Griechischen: spondylos („Wirbel“) und olisthesis („Abgleiten“) – wörtlich also das Abgleiten eines Wirbels. Die deutsche Bezeichnung Wirbelgleiten bedeutet dasselbe.
2. Was ist das?
Beim Wirbelgleiten verschiebt sich ein Wirbelkörper gegenüber dem Wirbel, der unter ihm liegt. Ärztinnen und Ärzte teilen die Ursachen nach Wiltse in sechs Typen ein (in Arztbriefen oft mit römischen Zahlen geschrieben):
- Typ 1: angeborene Fehlbildung am Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein
- Typ 2: Spaltbildung im Wirbelbogen – in dem schmalen Knochenabschnitt zwischen den kleinen Wirbelgelenken (Ärztinnen und Ärzte nennen das Spondylolyse). Das ist die häufigste Form bei Jugendlichen
- Typ 3: verschleißbedingt – typisch zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel im höheren Alter
- Typ 4: durch eine Verletzung
- Typ 5: durch eine Erkrankung des Knochens (Tumor, Infektion)
- Typ 6: als Folge einer Operation
Das Ausmaß des Gleitens wird nach Meyerding in fünf Schweregrade eingeteilt, je nachdem, wie weit der Wirbel verschoben ist: Grad 1 bis 25 %, Grad 2 25–50 %, Grad 3 50–75 %, Grad 4 75–100 %, Grad 5 über 100 % – dann ist der Wirbel vollständig vom darunterliegenden Wirbel abgerutscht.
2.1 Wie häufig ist das Wirbelgleiten?
Die Form mit Spaltbildung im Wirbelbogen kommt bei 4–6 % der Bevölkerung vor und tritt in manchen Familien gehäuft auf. Die verschleißbedingte Form findet sich bei 20–25 % der Menschen über 60 Jahre. Die Form mit Spaltbildung betrifft Männer und Frauen gleich häufig; die verschleißbedingte Form ist bei Frauen fünfmal häufiger als bei Männern.
2.2 Ursachen und Entstehung
Form mit Spaltbildung: Der schmale Knochenabschnitt des Wirbelbogens bricht durch wiederholte Überlastung (Ermüdungsbruch) – meist im Kindes- und Jugendalter bei Turnerinnen und Turnern oder Ballsportlern. Verschleißbedingte Form: Der Gelenkverschleiß der kleinen Wirbelgelenke und die Höhenabnahme der Bandscheibe machen das Wirbelsegment unsicher; der Wirbel gleitet nach vorn.
3. Beschwerden
- Häufig keine Beschwerden (Zufallsbefund)
- Kreuzschmerzen, besonders bei Belastung
- Gelegentlich Beinschmerzen, weil die Austrittsöffnung der Nervenwurzel eingeengt wird
- Beim Abtasten des Rückens ist eine „Stufe“ zwischen den Dornfortsätzen zu spüren
- Das Rückwärtsbeugen der Lendenwirbelsäule ist eingeschränkt
- Nimmt das Gleiten zu, sind Nervenstörungen (Gefühlsstörungen, Lähmungen) möglich
- Bei der verschleißbedingten Form besteht häufig zusätzlich eine Verengung des Wirbelkanals
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Körperliche Untersuchung und Prüfung der Nervenfunktion (Gefühl, Kraft, Reflexe).
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild von der Seite im Stehen. Auf Schrägaufnahmen sieht der Wirbelbogen aus wie ein kleiner Hund; eine Unterbrechung am „Hals des Hundes“ zeigt die Spaltbildung. Aufnahmen beim Vorbeugen und Rückwärtsbeugen zeigen, ob der Wirbel sich bei Bewegung verschiebt. Computer-Röntgenschichtaufnahme mit räumlicher Darstellung, um die Spaltbildung und die Beteiligung des Knochens genau zu zeigen. Kernspin-Untersuchung, um Bandscheiben, Nerven und die Gelenkkapseln zu beurteilen.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig.
5. Behandlung
Behandlung ohne Operation
- Krankengymnastik mit Kräftigung der tiefen Rumpfmuskulatur, die die Wirbelsäule stabilisiert
- Sportarten vermeiden, bei denen der Rücken stark nach hinten gebogen wird (Turnen, Speerwurf)
- Entzündungshemmende Schmerzmittel, andere Schmerzmittel, Spritzen an die schmerzhaften Stellen
- Vorübergehend eine Stützschiene für den Rumpf (Miederkorsett) bei schmerzhafter Instabilität
- Bei Jugendlichen mit frischer Spaltbildung: 3–6 Monate Sportpause und bei Bedarf ein Korsett – die Spaltbildung kann dann ausheilen
Operation
- Gründe für eine Operation: Schmerzen, die sich ohne Operation nicht bessern lassen, ein zunehmendes Gleiten des Wirbels, Nervenstörungen
- Versteifungsoperation der Wirbelsäule: Die beiden Wirbel werden mit Schrauben, die durch die Wirbelbögen eingebracht werden, und einem Platzhalter im Bandscheibenraum fest miteinander verbunden
- Bei Jugendlichen mit Spaltbildung, aber ohne Gleiten des Wirbels: Die Spaltbildung kann direkt verschraubt werden, ohne die Wirbel zu versteifen
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlung ohne Operation und die Operation bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein entsprechender Grund vorliegt.
6. Wie geht es weiter?
Das verschleißbedingte Wirbelgleiten bleibt meist stabil und nimmt nur langsam zu. Vielen Betroffenen hilft die Behandlung ohne Operation ausreichend. Nach einer Versteifungsoperation bessern sich die Schmerzen bei 75–85 % gut bis sehr gut; die Rückkehr zu den gewohnten Tätigkeiten gelingt innerhalb von 3–6 Monaten.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Spondylolisthese
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Kalichman L, Hunter DJ. Diagnosis and conservative management of degenerative lumbar spondylolisthesis. Eur Spine J. 2008;17(3):327-335.
- Weinstein JN, Lurie JD, Tosteson TD, et al. Surgical compared with nonoperative treatment for lumbar degenerative spondylolisthesis. J Bone Joint Surg Am. 2009;91(6):1295-1304.
- Bydon M, Alvi MA, Goyal A. Degenerative Lumbar Spondylolisthesis: Definition, Natural History, Conservative Management, and Surgical Treatment. Neurosurg Clin N Am. 2019;30(3):299-304.
- Kreiner DS, Baisden J, Mazanec DJ, et al. Guideline summary review: an evidence-based clinical guideline for the diagnosis and treatment of adult isthmic spondylolisthesis. Spine J. 2016;16(12):1478-1485.
- Wikipedia, Artikel „Spondylolisthese“: Spondylolisthese (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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