Spinalkanalstenose (Lumbale Spinalkanalstenose (LSS), Claudicatio spinalis)
Orthopädie – Wirbelsäule
1. Woher kommt der Name?
Der Name setzt sich zusammen aus dem lateinischen canalis spinalis („Wirbelkanal“) und dem griechischen stenosis („Einengung“) – also „Einengung des Wirbelkanals“. Die Bezeichnung Claudicatio spinalis („Hinken, das von der Wirbelsäule ausgeht“) beschreibt das typische Beschwerdebild: Die Gehstrecke wird immer kürzer.
2. Was ist das?
Eine Einengung des Wirbelkanals oder der seitlichen Öffnungen zwischen den Wirbeln, durch die die Nerven austreten. Dabei werden das Rückenmark, das Nervenbündel am unteren Ende des Wirbelkanals oder einzelne Nervenwurzeln eingeklemmt. Am häufigsten ist die Lendenwirbelsäule betroffen, seltener die Halswirbelsäule. Die häufigste Ursache sind Verschleißveränderungen: Die kleinen Wirbelgelenke werden dicker, das gelbe Band, das die Wirbelbögen von innen verbindet, verdickt sich, und die Bandscheiben wölben sich vor. Je nach Ort der Enge unterscheidet man die Enge in der Mitte des Kanals, die Enge in der seitlichen Nische und die Enge in der Nervenaustrittsöffnung.
2.1 Wie häufig ist das?
Die Einengung des Wirbelkanals ist bei Menschen über 65 Jahren der häufigste Grund für eine Wirbelsäulenoperation. Bei den über 60-Jährigen findet sich eine Einengung in Bildaufnahmen bei etwa 10 %, Beschwerden haben 2–5 %. Am häufigsten tritt sie zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr auf.
2.2 Ursachen und Entstehung
Eine altersbedingte Kette von Verschleißvorgängen: Die Bandscheibe verschleißt und verliert an Höhe, dadurch werden die kleinen Wirbelgelenke stärker belastet und verdicken sich, das gelbe Band verdickt sich ebenfalls – und der Kanal wird eng. Angeborene Formen sind selten (zum Beispiel bei der Achondroplasie, einer erblichen Form des Kleinwuchses).
3. Beschwerden
- Gehstrecken-Einschränkung durch den engen Wirbelkanal: Beim Gehen treten Schmerzen, Kraftlosigkeit und Taubheit in beiden Beinen auf; im Sitzen oder beim Vornüberbeugen werden sie besser
- Abgrenzung zur Durchblutungsstörung der Beine (Schaufensterkrankheit): Radfahren (mit vorgebeugtem Oberkörper) ist oft besser möglich als Gehen
- Beinschmerzen in unterschiedlichen Hautgebieten, oft beidseitig, nicht immer in dem Gebiet, das ein einzelner Nerv versorgt
- Steifigkeit der Lendenwirbelsäule, langanhaltender Rückenschmerz
- In schweren Fällen: Taubheit im Gesäß und an den Innenseiten der Oberschenkel (wie eine Reithose), Störungen beim Wasserlassen oder Stuhlgang – Lähmung der untersten Nervenbündel, ein Notfall!
- Bei Enge an der Halswirbelsäule: Schädigung des Rückenmarks mit Störungen der Feinmotorik (zum Beispiel beim Knöpfen), unsicherem Gang und Teillähmung mit erhöhter Muskelspannung
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Krankengeschichte (Gehstrecke, Besserung durch Vorbeugen) ist beweisend. Dazu kommen die körperliche Untersuchung der Nervenfunktion, ein Gehtest sowie eine Ultraschall-Untersuchung der Beingefäße oder die Messung des Blutdrucks an Arm und Knöchel zur Abgrenzung von einer Durchblutungsstörung der Beine.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Kernspin-Untersuchung der Lendenwirbelsäule oder Halswirbelsäule ist das beste Verfahren: Sie zeigt, wo die Nervenflüssigkeit im Kanal unterbrochen ist, wo Nervenwurzeln gedrückt werden und ob die Nervenaustrittsöffnungen eng sind. Messwerte: Ein Durchmesser des Kanals von vorn nach hinten unter 10 mm oder eine Querschnittsfläche unter 75 mm² gelten als hochgradige Einengung.
Röntgenbilder mit Aufnahmen in Vorbeugung und Rückbeugung bei Verdacht auf eine Instabilität der Wirbelsäule.
Computer-Röntgenschichtaufnahme, wenn eine Kernspin-Untersuchung nicht möglich ist und zur Beurteilung der Knochen.
4.2 Blutuntersuchungen
Unauffällig. Wenn eine Infektion oder eine entzündliche Erkrankung in Frage kommt, werden die Entzündungswerte im Blut bestimmt.
4.3 Welche anderen Erkrankungen ähnlich aussehen können
- Durchblutungsstörung der Beine (Schaufensterkrankheit)
- Erkrankung vieler Nerven zugleich (Polyneuropathie)
- Bandscheibenvorfall
- Wirbelgleiten (ein Wirbel ist gegenüber dem darunterliegenden nach vorn verschoben)
- Einengung durch eine Entzündung oder einen Tumor
5. Behandlung
Behandlung ohne Operation
- Krankengymnastik mit Übungen in Vorbeugung und Kräftigung der Rumpfmuskulatur
- Gewicht abnehmen, Gehstöcke oder Rollator
- Entzündungshemmende Schmerzmittel und weitere Schmerzmittel nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation
- Kortison-Spritzen unter Bildkontrolle in den Raum um die Rückenmarkshaut oder als Spritze an die Nervenwurzel
Operation
- Gründe für eine Operation: zunehmende Ausfälle der Nerven, erhebliche Einschränkung der Gehstrecke, keine Besserung durch die Behandlung ohne Operation nach 3–6 Monaten
- Erweiterung des Kanals unter dem Operationsmikroskop (ein Teil des Wirbelbogens wird von einer Seite aus entfernt, die Erweiterung reicht bis zur Gegenseite): das Standardverfahren
- Entfernung des ganzen Wirbelbogens: bei ausgeprägter Enge in der Mitte des Kanals
- Versteifung der betroffenen Wirbel nur, wenn gleichzeitig eine Instabilität oder ein Wirbelgleiten besteht
- Platzhalter zwischen den Dornfortsätzen: Nutzen nur begrenzt belegt, zurückhaltender Einsatz
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlung ohne Operation, Spritzen unter Bildkontrolle und die operative Erweiterung des Kanals bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Platzhalter zwischen den Dornfortsätzen sind umstritten und werden nur im Einzelfall erstattet.
6. Wie geht es weiter?
Mit einer Behandlung ohne Operation bleiben die Beschwerden bei etwa der Hälfte der Betroffenen stabil. Die operative Erweiterung des Kanals führt bei 70–80 % zu einer deutlichen Besserung von Gehstrecke und Schmerzen. Entscheidend ist die sorgfältige Auswahl, wer von einer Operation voraussichtlich profitiert. Begleiterkrankungen (Zuckerkrankheit, Herzerkrankung) müssen dabei berücksichtigt werden.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Lumbale Spinalkanalstenose
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Lurie J, Tomkins-Lane C. Management of lumbar spinal stenosis. BMJ. 2016;352:h6234.
- Deyo RA. Treatment of lumbar spinal stenosis: a balancing act. Spine J. 2010;10(7):625-627.
- Weinstein JN, Tosteson TD, Lurie JD, et al. Surgical versus nonoperative treatment for lumbar spinal stenosis four-year results of the Spine Patient Outcomes Research Trial. Spine. 2010;35(14):1329-1338.
- Genevay S, Atlas SJ. Lumbar spinal stenosis. Best Pract Res Clin Rheumatol. 2010;24(2):253-265.
- Katz JN, Harris MB. Clinical practice. Lumbar spinal stenosis. N Engl J Med. 2008;358(8):818-825.
- Wikipedia, Artikel „Spinalkanalstenose“: Spinalkanalstenose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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