Somatoforme Schmerzstörung (Chronic Primary Pain (ICD-11), anhaltende somatoforme Schmerzstörung)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
„Somatoform“ setzt sich zusammen aus dem griechischen soma („Körper“) und „Form“: Der Schmerz sieht aus wie ein körperlicher Schmerz, entsteht aber aus vielen Ursachen zugleich – körperlichen, seelischen und sozialen. Die neue internationale Krankheitseinteilung der Weltgesundheitsorganisation (11. Fassung) spricht von „chronischem primärem Schmerz“ und betont damit, dass langanhaltender Schmerz selbst eine eigenständige Erkrankung ist.
2. Was ist das?
Ein anhaltender, schwerer, langanhaltender Schmerz (seit mindestens 3 Monaten), für den sich keine ausreichende körperliche Ursache finden lässt und bei dem es Hinweise gibt, dass seelische und soziale Belastungen an der Entstehung beteiligt sind. Es handelt sich nicht um „eingebildete“ Schmerzen – die Schmerzen sind echt, haben aber viele Ursachen zugleich. Die neue internationale Krankheitseinteilung fasst solche langanhaltenden Schmerzen ohne erkennbare Grunderkrankung in einer neuen Gruppe zusammen: Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz), langanhaltender Kopfschmerz und das komplexe regionale Schmerzsyndrom (Morbus Sudeck) ohne klare Ursache.
2.1 Wie häufig ist das?
Langanhaltende Schmerzen insgesamt betreffen 15–20 % der Bevölkerung. Eine somatoforme Schmerzstörung im engeren Sinne haben 1–5 %. Frauen sind häufiger betroffen, am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen 30 und 50 Jahren auf.
2.2 Ursache und Entstehung
Körper, Seele und Lebensumstände wirken zusammen:
- Körperlich: Das Schmerzsystem in Rückenmark und Gehirn wird überempfindlich, die Verarbeitung von Schmerzreizen ist verändert
- Seelisch: Die Neigung, Beschwerden als Katastrophe zu bewerten; Angst vor Schmerz und das Vermeiden von Bewegung; Depression; seelische Verletzungen, insbesondere belastende Kindheitserfahrungen
- Sozial: berufliche Belastung, Konflikte, Umstände, die den Schmerz aufrechterhalten (zum Beispiel ein laufendes Rentenverfahren oder andere Vorteile, die sich aus der Krankheit ergeben)
3. Beschwerden
- Langanhaltende, wechselnde Schmerzen, oft an mehreren Körperstellen zugleich
- Das Ausmaß des Leidens passt nicht zu dem, was sich bei der Untersuchung finden lässt
- Häufige Arztwechsel, lange Krankengeschichte
- Begleitbeschwerden: Störungen der Organfunktion ohne nachweisbare Organschädigung (Reizdarm, Reizblase), Schlafstörungen, Erschöpfung, gedrückte Stimmung, Angst
- Seelische und soziale Belastungen, oft seelische Verletzungen in der Vorgeschichte
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Körperliche Ursachen werden durch eine angemessene Grunduntersuchung ausgeschlossen. Dazu kommt eine Mitbeurteilung durch Fachleute für Psychiatrie oder psychosomatische Medizin. Das Gespräch über die Schmerzgeschichte folgt einem festen Aufbau und umfasst auch die Lebensgeschichte, mögliche seelische Verletzungen und das seelische Befinden.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Nur bei begründetem Verdacht auf eine körperliche Ursache. Wiederholte Bilduntersuchungen ohne Grund sollten vermieden werden, weil sie die Aufmerksamkeit noch stärker auf den Körper lenken.
4.2 Blutuntersuchungen
Eine Grunduntersuchung des Blutes zum Ausschluss anderer Erkrankungen. Danach sollte die Suche nach rein körperlichen Ursachen beendet werden.
5. Behandlung
Kombinierte Schmerzbehandlung als Standard
- Mehrere Fachrichtungen arbeiten zusammen: Schmerzmedizin, Psychotherapie, Krankengymnastik, Alltagstraining mit Therapeuten und Sozialarbeit
- Ambulant oder im Krankenhaus über 2–4 Wochen
Psychotherapie
- Verhaltenstherapie
- Tiefenpsychologisch begründete Therapie
- Akzeptanz- und Commitment-Therapie (eine Therapieform, die das Annehmen von Beschwerden und das Handeln nach den eigenen Werten einübt)
- Traumatherapie mit gelenkten Augenbewegungen bei seelischen Verletzungen
Medikamente
- Antidepressiva, die auch gegen Schmerzen wirken: Duloxetin, Amitriptylin (gegen Schmerz und begleitende Depression)
- Übliche Schmerzmittel und Opioide (stark wirksame Schmerzmittel) sind meist wirkungslos und sollten vermieden werden
- Bei eindeutig erkennbarer Depression oder Angsterkrankung: deren gezielte Behandlung
Bewegung und Aktivierung
- Bewegungstherapie, Ausdauertraining
- Achtsamkeitsverfahren (achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung)
- Entspannungsverfahren (fortschreitende Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training)
Grundhaltung in der Behandlung
- Das Leiden wird ernst genommen und anerkannt
- Eine erneute Festlegung auf rein körperliche Ursachen wird vermieden
- Realistische Behandlungsziele: besser im Alltag zurechtkommen, am Leben teilhaben
- Feste, regelmäßige Termine statt Termine nur bei Bedarf
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die kombinierte Schmerzbehandlung (ambulant oder im Krankenhaus), Psychotherapie nach den Richtlinien der Krankenkassen (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch begründete und analytische Psychotherapie), Antidepressiva und Krankengymnastik sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Die Erkrankung ist langanhaltend. Durch die kombinierte Schmerzbehandlung erreichen 30–60 % der Patientinnen und Patienten eine deutliche Verbesserung im Alltag und eine Schmerzlinderung. Wichtig sind: ein frühzeitiger Blick auf Körper, Seele und Lebensumstände zugleich und das Vermeiden von dauerhaften Schmerzen, von übermäßigen Untersuchungen und von einer Überbehandlung mit Opioiden.
7. Leitlinien
- AWMF 051-001 · Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden
→ Im AWMF-Register nach 051-001 suchen
8. Literatur
- Henningsen P, Zipfel S, Sattel H, Creed F. Management of Functional Somatic Syndromes and Bodily Distress. Psychother Psychosom. 2018;87(1):12-31.
- Treede RD, Rief W, Barke A, et al. A classification of chronic pain for ICD-11. Pain. 2015;156(6):1003-1007.
- Schaefert R, Hausteiner-Wiehle C, Häuser W, Ronel J, Herrmann M, Henningsen P. Non-specific, functional, and somatoform bodily complaints. Dtsch Arztebl Int. 2012;109(47):803-813.
- AWMF S3-Leitlinie Nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Körperbeschwerden.
- Kroenke K, Bair MJ, Damush TM, et al. Optimized antidepressant therapy and pain self-management in primary care patients with depression and musculoskeletal pain: a randomized controlled trial. JAMA. 2009;301(20):2099-2110.
- Wikipedia, Artikel „Somatoforme Schmerzstörung“: Somatoforme Schmerzstörung (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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