Facharzt für Orthopädie · Osteologe (DVO) · Hamburg-Langenhorn

Schulterluxation (Schulterausrenkung, Glenohumeralluxation)

Orthopädie – Schulter

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

„Luxation“ (lateinisch „luxatio“) bedeutet „Verrenkung“ oder Ausrenkung. Das Schultergelenk ist das Gelenk des Körpers, das am häufigsten ausgerenkt wird.

2. Was ist das?

Bei der Schulterluxation (der ausgekugelten Schulter) springt der Oberarmkopf vollständig aus der Gelenkpfanne des Schulterblatts. In mehr als 95 % der Fälle rutscht er nach vorn, unter den Rabenschnabelfortsatz des Schulterblatts. Mögliche Begleitverletzungen:

  • Abriss der Gelenklippe am vorderen unteren Pfannenrand (Ärztinnen und Ärzte nennen das Bankart-Verletzung); die Gelenklippe ist ein Ring aus Faserknorpel, der die Pfanne vertieft
  • Delle im Oberarmkopf: Der Knochen wird am hinteren äußeren Oberarmkopf eingedrückt (Hill-Sachs-Verletzung)
  • Riss der Sehnenhaube der Schulter, der sogenannten Rotatorenmanschette (besonders bei Menschen über 40 Jahren)
  • Knöcherner Bruch des Pfannenrands
  • Selten eine Verletzung des Achselnervs

2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?

Jedes Jahr erleiden 17 von 100.000 Menschen eine Schulterluxation. Männer sind deutlich häufiger betroffen (3:1), vor allem junge Sportler bei Sportarten mit Körperkontakt. Bei unter 20-Jährigen renkt sich die Schulter in 80–90 % der Fälle erneut aus, bei über 40-Jährigen in weniger als 20 %.

2.2 Ursachen und Entstehung

Ursache ist meist ein Unfall: ein Sturz auf den ausgestreckten, abgespreizten und nach außen gedrehten Arm, bei dem die Kraft über den Arm auf die Schulter wirkt. Erneute Ausrenkungen entstehen durch eine nicht verheilte abgerissene Gelenklippe, durch Knochenverluste am Pfannenrand oder am Oberarmkopf und durch eine zu lockere Gelenkkapsel.

3. Beschwerden

  • Frisch ausgerenkt: Die Schulter ist schmerzhaft in leicht abgespreizter und nach außen gedrehter Stellung blockiert
  • Die Gelenkpfanne ist leer, der Oberarmkopf ist deutlich sichtbar verschoben
  • Taubheitsgefühl auf der Haut über dem Schultermuskel (Hinweis auf eine Verletzung des Achselnervs!)
  • Bei wiederholten Ausrenkungen: Angstgefühl, dass die Schulter herausspringt, sobald der Arm abgespreizt und nach außen gedreht wird
  • Gefühl der Unsicherheit, die Schulter „knickt weg“

3.1 Bilder

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4. Untersuchung

Vor jedem Einrenken werden Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl des Arms geprüft und ein Röntgenbild angefertigt. Bei einer länger bestehenden Unsicherheit der Schulter gibt es mehrere Handgriffe zur Prüfung: Entsteht beim Abspreizen und Außendrehen des Arms ein Angstgefühl, und verschwindet es, wenn der Oberarmkopf von vorn in die Pfanne gedrückt wird? Bildet sich beim Zug am Arm nach unten eine Delle unter dem Schulterdach? Wie weit lässt sich der Oberarmkopf in der Pfanne verschieben?

4.1 Untersuchung mit Bildern

Röntgenbild: eine Aufnahme von vorn genau in der Ebene des Gelenks und eine Aufnahme von der Seite, auf der das Schulterblatt wie ein Y erscheint – vor und nach dem Einrenken. Die Computer-Röntgenschichtaufnahme bei Knochenverlusten (Pfannenrand, Delle im Oberarmkopf). Die Kernspin-Untersuchung, bei Bedarf mit Kontrastmittel im Gelenk, bei wiederholten Ausrenkungen, um Gelenklippe, Kapsel und Sehnen zu beurteilen.

4.2 Blutuntersuchungen

Die Blutwerte sind unauffällig.

5. Behandlung

Frisch ausgerenkte Schulter

  • Zügiges Einrenken unter Schmerz- und Beruhigungsmitteln (Dämmerschlaf). Es gibt verschiedene Einrenk-Techniken, benannt nach Hippokrates, Arlt, Matsen oder Stimson
  • Nach dem Einrenken: erneute Prüfung von Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl, Röntgenbild, Armtragverband (Gilchrist- oder Desault-Verband) für 2–3 Wochen
  • Im Verlauf eine Kernspin-Untersuchung, um Begleitverletzungen zu beurteilen

Langfristig

  • Junge Patientinnen und Patienten (unter 25 Jahren) nach der ersten unfallbedingten Ausrenkung: Eine frühzeitige Stabilisierung der Schulter durch eine Gelenkspiegelung wird empfohlen (ohne Operation renkt sich die Schulter in 80–90 % der Fälle erneut aus)
  • Ältere Patientinnen und Patienten: Behandlung ohne Operation mit Krankengymnastik; bei einem Riss der Sehnenhaube wird diese je nach Funktion des Arms operativ wiederhergestellt
  • Wiederholte Ausrenkungen:
    • Wiederbefestigung der abgerissenen Gelenklippe mit Fadenankern über eine Gelenkspiegelung
    • Auffüllen der Delle im Oberarmkopf mit Sehne und Kapsel (bei einer Hill-Sachs-Verletzung)
    • Versetzung des Rabenschnabelfortsatzes an den vorderen Pfannenrand (Operation nach Latarjet), wenn mehr als 20–25 % des knöchernen Pfannenrands verloren sind
    • Aufbau des Pfannenrands mit einem Knochenstück (Operation nach Eden-Hybinette) bei schwerem Knochenverlust

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Einrenken, Untersuchung, Behandlung ohne Operation und die operative Stabilisierung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.

6. Wie geht es weiter?

Nach einer Behandlung ohne Operation renkt sich die Schulter bei 80 % der jungen Patientinnen und Patienten innerhalb von 2 Jahren erneut aus. Nach der Wiederbefestigung der Gelenklippe über eine Gelenkspiegelung kommt es in 5–15 % der Fälle erneut dazu, nach der Operation nach Latarjet in 2–5 %. Nach der Operation ist eine Rückkehr zu Sportarten mit Körperkontakt nach 4–6 Monaten möglich.

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.

8. Literatur

  1. Owens BD, Agel J, Mountcastle SB, Cameron KL, Nelson BJ. Incidence of glenohumeral instability in collegiate athletics. Am J Sports Med. 2009;37(9):1750-1754.
  2. Kirkley A, Griffin S, Richards C, Miniaci A, Mohtadi N. Prospective randomized clinical trial comparing the effectiveness of immediate arthroscopic stabilization versus immobilization and rehabilitation in first traumatic anterior dislocations of the shoulder. Arthroscopy. 1999;15(5):507-514.
  3. Latarjet M. Treatment of recurrent dislocation of the shoulder. Lyon Chir. 1954;49(8):994-997.
  4. Longo UG, Loppini M, Rizzello G, et al. Management of primary acute anterior shoulder dislocation: systematic review and quantitative synthesis of the literature. Arthroscopy. 2014;30(4):506-522.
  5. Wikipedia, Artikel „Schulterluxation“: Schulterluxation (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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