Rotatorenmanschettenruptur (Sehnenruptur der Schulter, Rotator cuff tear)
Orthopädie – Schulter
1. Woher kommt der Name?
Die Rotatorenmanschette ist eine Gruppe aus vier Muskeln mit ihren Sehnen – Obergrätenmuskel, Untergrätenmuskel, kleiner Rundmuskel und Unterschulterblattmuskel –, die den Oberarmkopf wie eine Manschette umschließen und in der Gelenkpfanne zentrieren. „Rotatoren“ heißen sie, weil sie den Arm drehen. Ruptur bedeutet Riss.
2. Was ist das?
Ein vollständiger oder teilweiser Riss einer oder mehrerer Sehnen der Rotatorenmanschette. Am häufigsten ist die Sehne des Obergrätenmuskels betroffen. Eingeteilt wird nach der Größe des Risses (nach Bateman, Stufen I bis IV) oder nach dem Ausmaß, in dem der zugehörige Muskel bereits durch Fett ersetzt ist (nach Goutallier). Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Rissen durch einen plötzlichen Unfall und Rissen durch Verschleiß.
2.1 Wie häufig ist das?
Abhängig vom Alter: Einen durchgehenden Riss haben etwa 20 % der 60-Jährigen und bis zu 50 % der über 80-Jährigen. Häufig verursacht er keine Beschwerden. Männer sind etwas häufiger betroffen.
2.2 Ursache und Entstehung
Viele Faktoren wirken zusammen: Alterung, ein Engpass im Gelenk (unter dem Schulterdach oder im Gelenkinneren), Überlastung, Verschleiß der Sehnen, erbliche Veranlagung. Bei jüngeren Menschen entstehen Risse plötzlich durch einen Sturz oder eine heftige Krafteinwirkung.
3. Beschwerden
- Schulterschmerz an der Außenseite der Schulter bis in den Oberarm, oft nachts stärker
- Kraftverlust, besonders beim Anheben und beim Auswärtsdrehen des Arms
- Bei großem Riss der Obergrätenmuskel-Sehne: Der seitlich angehobene Arm kann nicht gehalten werden und sinkt ab
- „Schmerzhafter Bogen“: Schmerz beim seitlichen Anheben des Arms zwischen 60° und 120°
- Bestimmte Tätigkeiten fallen schwer: Arbeiten über Kopf, Anziehen, Haare kämmen
- Bei sehr großen Rissen: Der Arm kann aus eigener Kraft nicht mehr angehoben werden, als wäre er gelähmt
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Für jede Sehne gibt es eigene Untersuchungsgriffe:
- Obergrätenmuskel: Der nach vorn-seitlich gestreckte Arm wird mit gesenktem Daumen gegen Widerstand gehalten; außerdem seitliches Abspreizen des Arms gegen Widerstand aus der Ruhestellung
- Untergrätenmuskel und kleiner Rundmuskel: Der angehobene Arm kann nicht nach außen gedreht werden, die Hand fällt zum Mund hin wie beim Hornblasen; der vom Untersucher nach außen gedrehte Arm kann nicht in dieser Stellung gehalten werden
- Unterschulterblattmuskel: Die auf den Rücken gelegte Hand kann nicht vom Rücken abgehoben werden; die auf die gegenüberliegende Schulter gelegte Hand kann nicht gegen Widerstand gehalten werden; die Hand kann nicht kraftvoll gegen den Bauch gedrückt werden
Zur Gesamtbeurteilung gehören die Beweglichkeit aus eigener Kraft und beim Bewegen durch den Untersucher sowie der Vergleich beider Schultern.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Ultraschalluntersuchung: In erfahrener Hand das Verfahren der Wahl; sie erkennt über 90 % der Risse und erlaubt die Beurteilung in Bewegung.
Kernspin-Untersuchung (bei unklaren Befunden mit Kontrastmittel im Gelenk) zur Vorbereitung einer Operation: Lage und Größe des Risses, Fettumbau des Muskels (nach Goutallier, Stufen 0–4), Muskelschwund (Messung nach Thomazeau). Röntgenbild in 3 Ebenen (von vorn, durch den Raum unter dem Schulterdach, von oben): Form des Schulterdachs (nach Bigliani), Hochstand des Oberarmkopfs, Kalkablagerungen, Verschleiß des Schultereckgelenks.
4.2 Blutuntersuchungen
Unauffällig; die Blutwerte dienen dem Ausschluss einer entzündlichen Ursache.
5. Behandlung
Ohne Operation
- Entzündungshemmende Schmerzmittel, andere Schmerzmittel, Krankengymnastik mit dem Ziel, die Obergrätenmuskel-Sehne zu entlasten und das Schulterblatt auf dem Brustkorb zu stabilisieren
- Kortison-Spritze in den Raum unter dem Schulterdach (1- bis 2-mal im Jahr)
- Alltagstraining mit Therapeuten, Anpassung der Tätigkeiten
- Verschleißbedingte, lange bestehende Risse bei älteren Menschen mit geringen Ansprüchen an die Schulter lassen sich häufig ohne Operation behandeln
Operation
- Gründe für eine Operation: Risse durch einen Unfall bei jungen Menschen; verschleißbedingte Risse, wenn die Behandlung ohne Operation nicht hilft und die Schulter dauerhaft eingeschränkt bleibt
- Sehnennaht bei einer Gelenkspiegelung mit kleinen Ankern, die im Knochen verankert werden (in einer oder zwei Reihen)
- Verstärkung der Naht mit einem Gewebeflicken, wenn die Sehne von schlechter Qualität ist
- Verlagerung einer anderen Sehne (vom breiten Rückenmuskel oder vom unteren Teil des Trapezmuskels), wenn der Riss nicht mehr zu nähen ist
- Wiederaufbau des oberen Teils der Gelenkkapsel mit einem Gewebetransplantat
- Als letzte Möglichkeit: ein künstliches Schultergelenk in umgekehrter Bauweise (Kugel an der Pfanne, Pfanne am Oberarm), wenn durch den Riss ein Gelenkverschleiß entstanden ist
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchungen, die Behandlung ohne Operation und die Sehnennaht bei der Gelenkspiegelung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Auch Stützschienen nach der Operation, Krankengymnastik und Alltagstraining mit Therapeuten werden erstattet.
6. Wie geht es weiter?
Bei kleinen und mittleren Rissen reißt die Sehne nach der Naht in 10–30 % der Fälle erneut, bei großen Rissen häufiger. Gute Ergebnisse für Schmerz und Beweglichkeit in 70–90 %. Ein bereits eingetretener Muskelschwund oder Fettumbau des Muskels bildet sich nur begrenzt zurück. Entscheidend: eine frühzeitige Operation bei jüngeren Menschen und realistische Erwartungen bei Älteren.
7. Leitlinien
- AWMF 033-041 · Rotatorenmanschette
→ Im AWMF-Register nach 033-041 suchen
8. Literatur
- Moosmayer S, Lund G, Seljom US, et al. Tendon repair compared with physiotherapy in the treatment of rotator cuff tears: a randomized controlled study. J Bone Joint Surg Am. 2014;96(18):1504-1514.
- Ensor KL, Kwon YW, DiBeneditto MR, Zuckerman JD, Rokito AS. The rising incidence of rotator cuff repairs. J Shoulder Elbow Surg. 2013;22(12):1628-1632.
- DGOU S2e-Leitlinie Rotatorenmanschette (AWMF 033-041).
- Goutallier D, Postel JM, Bernageau J, Lavau L, Voisin MC. Fatty muscle degeneration in cuff ruptures. Clin Orthop Relat Res. 1994;(304):78-83.
- Yamamoto A, Takagishi K, Osawa T, et al. Prevalence and risk factors of a rotator cuff tear in the general population. J Shoulder Elbow Surg. 2010;19(1):116-120.
- Wikipedia, Artikel „Rotatorenmanschettenruptur“: Rotatorenmanschette (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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