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Polymyalgia rheumatica (PMR)

Rheumatologie

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

Der Name kommt aus dem Griechischen: poly- („viel“), mys („Muskel“) und algos („Schmerz“) – also „Schmerz in vielen Muskeln“. Der Zusatz „rheumatica“ weist darauf hin, dass es sich um eine entzündlich-rheumatische Erkrankung handelt.

2. Was ist das?

Die Polymyalgia rheumatica ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die überwiegend Menschen über 50 Jahre betrifft. Typisch sind beidseitige Schmerzen und Morgensteifigkeit im Bereich der Schultern und des Beckens. Die Erkrankung ist eng mit der Riesenzellarteriitis (Morbus Horton) verbunden – einer Gefäßentzündung, die vor allem die Schläfenarterien und andere große Schlagadern betrifft. 20–30 % der Menschen mit Polymyalgia rheumatica entwickeln eine Riesenzellarteriitis, und umgekehrt haben 40–50 % der Menschen mit Riesenzellarteriitis eine Polymyalgia rheumatica.

2.1 Wie häufig ist die Polymyalgia rheumatica?

Jedes Jahr erkranken 50–100 von 100.000 Menschen über 50 Jahre neu. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr auf. In Nordeuropa (und bei Nachkommen von Nordeuropäern) kommt sie häufiger vor.

2.2 Ursachen und Entstehung

Mehrere Faktoren wirken zusammen: eine erbliche Veranlagung (ein bestimmtes vererbtes Gewebemerkmal), Veränderungen des Abwehrsystems im Alter und möglicherweise Auslöser wie Infektionen. Es entzünden sich die Strukturen rund um die rumpfnahen Gelenke, also Schleimbeutel und Sehnenscheiden an Schultern und Hüften.

3. Beschwerden

  • Plötzlich oder innerhalb weniger Tage bis Wochen beginnende beidseitige Schmerzen im Schulterbereich und/oder im Beckenbereich
  • Ausgeprägte Morgensteifigkeit, oft länger als eine Stunde – „Aufstehen aus dem Bett wie ein alter Mensch“
  • Schmerzen in Ruhe und nachts, Schlafstörungen
  • Abgeschlagenheit, leicht erhöhte Körpertemperatur, Gewichtsverlust, gedrückte Stimmung
  • Oft Einschränkungen im Alltag: Die Arme lassen sich schwer über den Kopf heben, das Aufstehen vom Stuhl fällt schwer
  • Achtung – Warnzeichen für eine Riesenzellarteriitis: neu aufgetretener Kopfschmerz, vor allem an den Schläfen, Sehstörungen, Schmerzen in den Kaumuskeln beim Kauen. Das ist ein Notfall!

3.1 Bilder

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4. Untersuchung

Die Diagnose wird nach den Einteilungskriterien der europäischen und amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaften von 2012 gestellt: Alter 50 Jahre oder mehr, erhöhte Entzündungswerte im Blut, beidseitige Schulterschmerzen sowie weitere Merkmale (neu aufgetretene Hüftschmerzen oder eingeschränkte Hüftbeweglichkeit, Morgensteifigkeit länger als 45 Minuten, keine Rheuma-Antikörper im Blut, keine Entzündung der Gelenke an Händen und Füßen).

4.1 Untersuchung mit Bildern

Ultraschalluntersuchung: Schleimbeutelentzündung unter dem Schulterdach, Entzündung der Sehnenscheide der langen Bizepssehne, Ergüsse in den Hüftgelenken – typische Befunde, die aber auch bei anderen Erkrankungen vorkommen.

Stoffwechsel-Bildgebung (kombiniert mit einer Computer-Röntgenschichtaufnahme): zeigt entzündete Wände großer Blutgefäße und dient der Abklärung einer Riesenzellarteriitis der großen Gefäße.

Kernspin-Untersuchung: nur in Sonderfällen; sie kann Schleimbeutelentzündungen darstellen.

4.2 Blutuntersuchungen

  • Entzündungswerte im Blut deutlich erhöht (die Blutsenkung oft über 50 mm in der ersten Stunde)
  • Blutbild: Blutarmut, wie sie bei langanhaltenden Erkrankungen vorkommt
  • Muskel-Enzym Kreatinkinase normal (zur Abgrenzung von einer Muskelentzündung)
  • Keine Autoantikörper nachweisbar (Rheuma-Antikörper im Blut, Autoantikörper gegen Zellkerne)
  • Schilddrüsenwert im Blut zur Abgrenzung einer Schilddrüsenüberfunktion

4.3 Welche anderen Erkrankungen ähnliche Beschwerden machen

  • Rheumatoide Arthritis (entzündliches Gelenkrheuma) im höheren Alter (Rheuma-Antikörper nachweisbar, Gelenkschäden im Röntgenbild)
  • Entzündliche Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen aus der Gruppe der Spondyloarthritis (zum Beispiel Morbus Bechterew)
  • Polymyositis, eine entzündliche Muskelerkrankung (Muskel-Enzym erhöht, Muskelschwäche)
  • Fibromyalgie, ein Schmerzsyndrom mit Druckschmerzen am ganzen Körper (Blutwerte normal)
  • Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion
  • Krebserkrankung (Beschwerden als Begleiterscheinung eines Tumors)
  • Infektionen (Entzündung der Herzinnenhaut, Virusinfekte)
  • Muskelbeschwerden durch cholesterinsenkende Medikamente (Statine)

5. Behandlung

Kortison (erste Wahl)

Kortison in Form von Prednison 15–25 mg am Tag (bei reiner Polymyalgia rheumatica reichen die niedrigeren Dosen). Bei richtiger Diagnose bessern sich die Beschwerden rasch innerhalb von 1–2 Tagen – bleibt diese Besserung aus, sollte die Diagnose überdacht werden. Danach wird das Kortison über 1–2 Jahre nach einem festen Plan langsam verringert:

  • Anfangsdosis über 2–4 Wochen
  • Verringerung um 2,5 mg alle 2–4 Wochen bis auf 10 mg am Tag
  • Danach Verringerung um 1 mg alle 4–8 Wochen

Beim Verringern der Dosis kommt es häufig zu Rückfällen – dann wird die Dosis bei Bedarf vorübergehend wieder erhöht.

Medikamente, die Kortison einsparen

  • Methotrexat, ein Basismedikament gegen Rheuma: bei wiederholten Rückfällen, Nebenwirkungen des Kortisons oder Begleiterkrankungen (außerhalb der offiziellen Zulassung)
  • Tocilizumab, ein biotechnologisch hergestelltes Rheumamedikament: seit 2022 in der Europäischen Union für die Polymyalgia rheumatica zugelassen, wenn die Erkrankung auf die übliche Behandlung nicht anspricht und/oder das Kortison erhebliche Nebenwirkungen verursacht

Begleitende Behandlung

  • Vorbeugung gegen Knochenschwund (Kalzium und Vitamin D; bei langer Kortison-Einnahme knochenschützende Medikamente)
  • Kontrollen von Blutdruck, Blutzucker und Augen
  • Krankengymnastik, Bewegung

Bei Sehstörungen oder Kopfschmerzen bei Menschen über 50: sofortige Abklärung auf eine Riesenzellarteriitis! (hochdosiertes Kortison, bis die Diagnose bestätigt oder ausgeschlossen ist).

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Prednison, Methotrexat und alle begleitenden Behandlungen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Tocilizumab wird erstattet, wenn die Erkrankung auf die übliche Behandlung nicht anspricht. Zur Verlaufskontrolle gehören regelmäßige Untersuchungen von Entzündungswerten, Blutzucker, Blutbild und Blutdruck.

6. Wie geht es weiter?

Unter Kortison sind die Aussichten gut – die meisten Betroffenen kommen innerhalb von 1–3 Jahren ohne Kortison aus. Rückfälle kommen bei 40–50 % vor. Die Lebenserwartung ist nicht eingeschränkt. Wichtig ist die engmaschige Kontrolle auf Anzeichen einer Riesenzellarteriitis (Kopfschmerz, Sehstörungen), weil diese zur Erblindung führen kann.

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.

8. Literatur

  1. Dejaco C, Singh YP, Perel P, et al. 2015 Recommendations for the management of polymyalgia rheumatica: a European League Against Rheumatism/American College of Rheumatology collaborative initiative. Ann Rheum Dis. 2015;74(10):1799-1807.
  2. Dasgupta B, Cimmino MA, Maradit-Kremers H, et al. 2012 provisional classification criteria for polymyalgia rheumatica. Ann Rheum Dis. 2012;71(4):484-492.
  3. Buttgereit F, Matteson EL, Dejaco C. Polymyalgia Rheumatica and Giant Cell Arteritis. JAMA. 2016;315(22):2442-2458.
  4. Bonelli M, Radner H, Kerschbaumer A, et al. Tocilizumab in patients with new onset polymyalgia rheumatica (PMR-SPARE): a phase 2/3 randomised controlled trial. Ann Rheum Dis. 2022.
  5. González-Gay MA, Matteson EL, Castañeda S. Polymyalgia rheumatica. Lancet. 2017;390(10103):1700-1712.
  6. Wikipedia, Artikel „Polymyalgia rheumatica“: Polymyalgia rheumatica (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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