Phantomschmerz (Schmerz in der amputierten Extremität)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Ein „Phantom“ ist ein Trugbild – etwas, das nicht wirklich da ist. Beim Phantomschmerz wird Schmerz in einem Körperteil empfunden, der nicht mehr vorhanden ist. Davon zu unterscheiden sind der Stumpfschmerz (Schmerz am Stumpf selbst) und Phantomempfindungen (Empfindungen in dem fehlenden Arm oder Bein, die nicht schmerzhaft sind).
2. Was ist das?
Eine Schmerzempfindung in einem Arm, einem Bein oder einem anderen Körperteil, der durch eine Operation oder einen Unfall abgetrennt wurde. Der Schmerz kann in einzelnen Schüben auftreten oder dauerhaft bestehen.
2.1 Wie häufig ist das?
Phantomschmerz tritt bei 50–80 % der Menschen auf, bei denen ein Körperteil abgetrennt wurde. Er ist häufiger, wenn schon vor der Abtrennung Schmerzen bestanden, wenn ein Arm betroffen ist, wenn beide Seiten betroffen sind und wenn die Abtrennung durch einen Unfall geschah.
2.2 Ursachen und Entstehung
Es wirken mehrere Ursachen zusammen:
- Am Stumpf: Die durchtrennten Nervenenden bilden einen Nervenknoten, der von sich aus Schmerzsignale aussendet
- Im Rückenmark: Die Nervenzellen werden überempfindlich; weil die gewohnten Signale aus dem fehlenden Körperteil ausbleiben, werden sie überaktiv
- Im Gehirn: Der Bereich der Hirnrinde, der früher den fehlenden Körperteil versorgte, wird von benachbarten Bereichen „übernommen“
3. Beschwerden
- Brennende, stechende oder krampfartige Schmerzen
- Wechselnde Stärke, oft anfallsartig
- Begleitende Phantomempfindungen (das fehlende Glied wird gespürt, manchmal in unangenehm verzerrter Form)
- Auslöser: Stress, Wetterwechsel, Berührungsreize am Stumpf
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Gespräch über die Krankengeschichte und körperliche Untersuchung. Behebbare Ursachen werden ausgeschlossen (Probleme am Stumpf, Infektion, Nervenknoten).
4.1 Untersuchung mit Bildern
In der Regel nicht nötig. Bei Verdacht auf einen Nervenknoten eine Ultraschalluntersuchung oder eine Kernspin-Untersuchung des Stumpfes.
4.2 Blutuntersuchungen
Unauffällig.
5. Behandlung
Vorbeugung (vor und während der Operation)
- Örtliche Betäubung der Nerven oder eine Betäubung über einen Katheter nahe dem Rückenmark vor und während der Operation („vorbeugende Schmerzausschaltung“)
- Kombinierte Schmerzbehandlung rund um die Operation
- Frühzeitige Aufklärung und Schulung
Medikamente
- Gabapentin, Pregabalin (Medikamente gegen Nervenschmerzen; für Phantomschmerz außerhalb der amtlichen Zulassung)
- Amitriptylin (ein stimmungsaufhellendes Medikament, das auch Schmerzen dämpft)
- Starke Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide (bei schweren Schmerzen)
- Calcitonin (ein Hormon) als Infusion beim frischen Phantomschmerz kurz nach der Abtrennung – der Nutzen ist nur begrenzt belegt, das Mittel wurde früher häufiger eingesetzt
Behandlung ohne Medikamente
- Spiegeltherapie: Die gesunde Seite wird vor einem Spiegel bewegt, so dass das Gehirn den fehlenden Körperteil in Bewegung „sieht“ – der Nutzen ist gut belegt, Standardverfahren
- Abgestuftes Bewegungs-Vorstellungstraining (erst Erkennen von rechts und links auf Bildern, dann Bewegungen in der Vorstellung, dann Spiegeltherapie)
- Reizstrombehandlung
- Akupunktur
- Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose-Behandlung)
Eingriffe an den Nerven (wenn der Schmerz auf die Behandlung nicht anspricht)
- Betäubung des unwillkürlichen Nervensystems durch gezielte Spritzen
- Rückenmarkstimulation
- Gezielte Verlagerung der durchtrennten Nerven in Muskeln des Stumpfes – ein Verfahren, das schon bei der Operation angewendet wird
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die üblichen Behandlungen mit und ohne Medikamente, Prothesen und die Rehabilitation bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Der Phantomschmerz bleibt oft lange bestehen, doch mit einer kombinierten Schmerzbehandlung erreichen viele Betroffene eine erhebliche Besserung. Vorbeugende Maßnahmen vor und während der Abtrennung können den Phantomschmerz verringern.
7. Leitlinien
- AWMF 030-114 · Diagnostik und Therapie neuropathischer Schmerzen
→ Im AWMF-Register nach 030-114 suchen
8. Literatur
- Richardson C, Kulkarni J. A review of the management of phantom limb pain: challenges and solutions. J Pain Res. 2017;10:1861-1870.
- Chan BL, Witt R, Charrow AP, et al. Mirror therapy for phantom limb pain. N Engl J Med. 2007;357(21):2206-2207.
- Moseley GL. Graded motor imagery is effective for long-standing complex regional pain syndrome: a randomised controlled trial. Pain. 2004;108(1-2):192-198.
- Alviar MJ, Hale T, Dungca M. Pharmacologic interventions for treating phantom limb pain. Cochrane Database Syst Rev. 2016;10(10):CD006380.
- Wikipedia, Artikel „Phantomschmerz“: Phantomschmerz (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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