Osteonekrose (Aseptische Knochennekrose, avaskuläre Nekrose (AVN), Knocheninfarkt)
Orthopädie – Knochen
1. Woher kommt der Name?
„Nekrose“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Absterben“; „Osteo“ steht für Knochen. Der Zusatz „aseptisch“ (keimfrei) grenzt die Erkrankung von einem Absterben durch eine Infektion mit Eiterbildung ab.
2. Was ist das?
Bei der Osteonekrose (Knocheninfarkt) stirbt Knochengewebe ab, weil die Durchblutung gestört ist. Typische Stellen sind der Hüftkopf (am häufigsten), die innere Gelenkrolle des Oberschenkelknochens am Knie (Morbus Ahlbäck), das Sprungbein, das Kahnbein der Hand, der Oberarmkopf und weitere Handwurzelknochen.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Am Hüftkopf gibt es in Deutschland etwa 20.000 neue Fälle pro Jahr. Am häufigsten tritt die Erkrankung im Alter von 30 bis 50 Jahren auf. Männer sind 3–5-mal häufiger betroffen als Frauen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Blutzufuhr zum Knochen wird unterbrochen durch:
- Verletzungen (Schenkelhalsbruch, Ausrenkung des Hüftgelenks): die Blutgefäße werden direkt geschädigt
- Ohne Verletzung: langfristige Einnahme von Kortison, Alkohol (je mehr, desto höher das Risiko!), Sichelzellkrankheit (eine erbliche Blutkrankheit), Gerinnungsstörungen, Taucherkrankheit, Chemotherapie, Strahlenbehandlung, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Erkrankungen durch eine fehlgeleitete Abwehr (zum Beispiel systemischer Lupus erythematodes), Nierentransplantation
3. Beschwerden
- In frühen Stadien oft keine Beschwerden
- Leistenschmerz bei Belastung (Hüfte) oder Knieschmerz bei Belastung (Knie)
- Später Schmerzen in Ruhe und nachts
- Eingeschränkte Beweglichkeit
- Im Endstadium: Einbruch des Hüftkopfes, Entwicklung eines Gelenkverschleißes
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Körperliche Untersuchung; bei Menschen mit Risikofaktoren werden frühzeitig Bilder gemacht.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Kernspin-Untersuchung ist das Verfahren der Wahl, weil sie die Erkrankung sehr früh erkennt: Sie zeigt einen typischen doppelten Randsaum um den abgestorbenen Bereich und eine Flüssigkeitseinlagerung im Knochen. Die Knochennekrose am Hüftkopf wird nach einer internationalen Einteilung (der Forschungsgesellschaft für Knochendurchblutung) in die Stadien 1 bis 4 eingeteilt:
- Stadium 1: Röntgenbild normal, Kernspin-Untersuchung auffällig
- Stadium 2: verdichteter Knochenbereich
- Stadium 3: sichelförmiger Spalt unter dem Gelenkknorpel, noch kein Einbruch
- Stadium 4: Einbruch des Knochens, Gelenkverschleiß
Das Röntgenbild ist anfangs unauffällig; später zeigt es eine Verdichtung des Knochens, den sichelförmigen Spalt und den Einbruch.
4.2 Blutuntersuchungen
Je nach vermuteter Grunderkrankung: Autoantikörper gegen Zellkerne (bei Verdacht auf systemischen Lupus erythematodes), Untersuchung des roten Blutfarbstoffs (bei Verdacht auf Sichelzellkrankheit), Untersuchung der Blutgerinnung.
5. Behandlung
Frühe Stadien (Stadium 1 und 2)
- Entlastung des betroffenen Beins oder Arms
- Knochenschützende Medikamente (Alendronat, Ibandronat) – die Wirkung ist durch Studien belegt
- Infusionen mit dem gefäßerweiternden Medikament Iloprost, 5 Tage im Krankenhaus
- Sauerstoffbehandlung in der Druckkammer: die Belege für die Wirkung sind begrenzt
- Anbohrung des Hüftkopfes zur Druckentlastung: Standardverfahren in Stadium 1 und 2, solange die Form des Hüftkopfes erhalten ist
- Spritze mit körpereigenen Stammzellen, Verpflanzung eines Stücks Wadenbein mitsamt seinen Blutgefäßen – in spezialisierten Zentren
Späte Stadien (Stadium 3 und 4)
- Verfahren, die das Gelenk erhalten sollen, haben nur begrenzte Aussicht auf Erfolg
- Künstliches Hüftgelenk bei Einbruch des Hüftkopfes
- In Einzelfällen eine Operation, bei der der Knochen durchtrennt und so gedreht wird, dass ein gesunder Bereich die Last trägt
Knie (Morbus Ahlbäck – Knocheninfarkt ohne erkennbare Ursache)
- Entlastung, entzündungshemmende Schmerzmittel, knochenschützende Medikamente
- Bei Gelenkverschleiß: Teil-Kunstgelenk für die betroffene Kniehälfte (Schlittenprothese) oder vollständiges künstliches Kniegelenk
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Untersuchung und übliche Behandlung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Die Infusionen mit Iloprost werden im Einzelfall übernommen (das Medikament ist für diese Erkrankung nicht zugelassen; es muss ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden). Die Sauerstoffbehandlung in der Druckkammer ist bei einem Knochenabsterben nach einer Strahlenbehandlung zugelassen, bei der üblichen Form wird sie nur im Einzelfall bezahlt.
6. Wie geht es weiter?
Ohne Behandlung schreitet die Erkrankung fort: Der Knochen bricht ein, und es entwickelt sich ein Gelenkverschleiß. Wird früh behandelt, lässt sich der Einbruch in 50–70 % der frühen Fälle verhindern. Nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks sind die Ergebnisse sehr gut.
7. Leitlinien
- AWMF 033-050 · Atraumatische Femurkopfnekrose des Erwachsenen
→ Im AWMF-Register nach 033-050 suchen
8. Literatur
- Mont MA, Jones LC, Hungerford DS. Nontraumatic osteonecrosis of the femoral head: ten years later. J Bone Joint Surg Am. 2006;88(5):1117-1132.
- Jäger M, Tillmann FP, Thornhill TS, et al. Femoral head bone loss in avascular necrosis of the femoral head. J Bone Joint Surg Am. 2018.
- Rajpura A, Wright AC, Board TN. Medical management of osteonecrosis of the hip: a review. Hip Int. 2011;21(4):385-392.
- DGOU S3-Leitlinie Atraumatische Femurkopfnekrose (AWMF 033-050).
- Kang JS, Park S, Song JH, Jung YY, Cho MR, Rhyu KH. Prevalence of osteonecrosis of the femoral head: a nationwide epidemiologic analysis in Korea. J Arthroplasty. 2009.
- Wikipedia, Artikel „Osteonekrose“: Knochennekrose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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