Migräne (Hemikranie)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Das Wort kommt vom griechischen hemikrania („halber Kopf“) und gelangte über das französische migraine ins Deutsche. Es beschreibt seit jeher den typischerweise halbseitigen Kopfschmerz.
2. Was ist das?
Die Migräne ist eine eigenständige Kopfschmerzerkrankung, bei der die Anfälle immer wieder auftreten. Sie ist also keine Folge einer anderen Krankheit. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft teilt die Migräne in ihrer Einteilung der Kopfschmerzerkrankungen so ein:
- Migräne ohne Aura: typischer Anfall mit oder ohne Begleitbeschwerden
- Migräne mit Aura: Dem Kopfschmerz gehen vorübergehende Störungen des Sehens, des Gefühls, der Bewegung oder der Sprache voraus
- Langanhaltende (chronische) Migräne: mehr als 15 Kopfschmerztage im Monat, davon mehr als 8 mit migränetypischen Merkmalen, seit mehr als 3 Monaten
2.1 Wie häufig ist das?
In Deutschland leiden etwa 10 % der Bevölkerung an Migräne (Frauen 15–20 %, Männer 6–8 %). Am häufigsten ist sie zwischen 25 und 55 Jahren. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist die Migräne weltweit die zehnthäufigste Ursache für Behinderung.
2.2 Ursache und Entstehung
Eine erbliche Veranlagung trifft auf auslösende Reize. Im Nervensystem spielen sich dabei mehrere Vorgänge ab: Ein Nervengeflecht, das den Gesichtsnerv (Drillingsnerv) mit den Blutgefäßen der Hirnhäute verbindet, wird aktiviert. Dabei wird ein bestimmter Migräne-Botenstoff freigesetzt, und es entsteht eine von Nerven ausgelöste Entzündung an den Gefäßen. Bei der Aura breitet sich eine Welle gedrosselter Nervenaktivität langsam über die Hirnrinde aus. Außerdem ist das Gleichgewicht der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin gestört.
3. Beschwerden
Migräne-Anfall
- Dauer 4–72 Stunden (ohne Behandlung)
- Einseitiger (die Seite kann aber wechseln), pochender Kopfschmerz, mittelstark bis stark
- Verstärkung durch körperliche Bewegung
- Übelkeit, Erbrechen
- Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusche, manchmal auch gegen Gerüche
Aura (bei etwa 30 %)
- Sehstörungen (flimmernde Flecken im Gesichtsfeld, gezackte Linien) – die häufigste Form
- Gefühlsstörungen (Kribbeln)
- Sprachstörungen
- Selten Lähmungserscheinungen (Migräne mit halbseitiger Lähmung)
- Dauer 5–60 Minuten, meist vor oder während des Kopfschmerzes
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird anhand der Merkmale gestellt, die die Internationale Kopfschmerzgesellschaft festgelegt hat. Ein Kopfschmerztagebuch hilft, die Anfälle festzuhalten.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Bei einer typischen Migräne ohne Auffälligkeiten sind Bilduntersuchungen nicht nötig. Eine Kernspin-Untersuchung des Kopfes wird bei Warnzeichen durchgeführt:
- Kopfschmerzen, die erstmals nach dem 50. Lebensjahr auftreten
- Schlagartig einsetzender, heftigster Kopfschmerz („Donnerschlag-Kopfschmerz“)
- Zunehmende Beschwerden
- Ausfälle des Nervensystems
- Untypische Aura
- Geschwächte Abwehr, Krebserkrankung in der Vorgeschichte
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig.
5. Behandlung
Behandlung des Anfalls
- Leichter bis mittelschwerer Anfall: entzündungshemmende Schmerzmittel (Ibuprofen 400–800 mg, Acetylsalicylsäure 1000 mg), Paracetamol, Metamizol
- Triptane – eigens für Migräne entwickelte Medikamente: Sumatriptan, Rizatriptan, Almotriptan, Eletriptan, Zolmitriptan, Frovatriptan, Naratriptan. Sie sind die erste Wahl bei mittelschweren bis schweren Anfällen
- Medikamente gegen Übelkeit (Metoclopramid, Domperidon)
- Gepante – Tabletten, die den Migräne-Botenstoff blockieren: Rimegepant, Ubrogepant. Sie sind neu und wirken sowohl im Anfall als auch vorbeugend
- Lasmiditan – wirkt an einem bestimmten Andockpunkt für den Botenstoff Serotonin; eine Alternative, wenn Triptane wegen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nicht eingenommen werden dürfen
Vorbeugung (bei mehr als 3 Anfällen im Monat oder bei stark beeinträchtigenden Anfällen)
- Betablocker (Medikamente, die auch gegen hohen Blutdruck eingesetzt werden): Metoprolol, Propranolol
- Flunarizin (ein Medikament gegen Migräne und Schwindel)
- Topiramat (ein Medikament, das auch gegen Epilepsie eingesetzt wird)
- Amitriptylin (ein Medikament aus der Gruppe der Antidepressiva, das auch gegen Schmerzen wirkt)
- Valproinsäure (ein Epilepsie-Medikament; nicht bei Frauen im gebärfähigen Alter)
- Antikörper gegen den Migräne-Botenstoff: Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab, Eptinezumab – als Spritze monatlich oder alle drei Monate. Zugelassen, wenn zwei herkömmliche vorbeugende Medikamente nicht gewirkt haben
- Botulinumtoxin A (Botox): zugelassen für die langanhaltende Migräne
- Ohne Medikamente: Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Biofeedback (Übungsverfahren, bei dem Körpersignale wie Muskelspannung über ein Gerät zurückgemeldet werden), Verhaltenstherapie (eine Form der Psychotherapie), Akupunktur (bei langanhaltender Migräne Leistung der gesetzlichen Krankenkasse)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlung des Anfalls und die bewährten vorbeugenden Medikamente sind Kassenleistungen. Antikörper gegen den Migräne-Botenstoff werden bei langanhaltender Migräne oder bei Migräne mit einzelnen Anfällen erstattet, wenn die üblichen vorbeugenden Medikamente nicht gewirkt haben (strenge Voraussetzungen). Akupunktur bei langanhaltender Migräne ist Kassenleistung (bis zu 10 Sitzungen). Botox bei langanhaltender Migräne wird erstattet.
6. Wie geht es weiter?
Die Migräne ist eine dauerhafte Erkrankung, lässt sich mit den heutigen Behandlungen aber meist gut beherrschen. Bei Frauen klingt sie nach den Wechseljahren oft ab. Damit die Migräne nicht in eine langanhaltende Form übergeht, sind wichtig: eine konsequente Vorbeugung, ein begrenzter Einsatz von Triptanen (an weniger als 10 Tagen im Monat) und eine Anpassung der Lebensgewohnheiten.
7. Leitlinien
- AWMF 030-057 · Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne
→ Im AWMF-Register nach 030-057 suchen
8. Literatur
- Diener HC, Förderreuther S, Kropp P, et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. AWMF 030-057. 2022.
- Ashina M. Migraine. N Engl J Med. 2020;383(19):1866-1876.
- Goadsby PJ, Holland PR, Martins-Oliveira M, Hoffmann J, Schankin C, Akerman S. Pathophysiology of Migraine: A Disorder of Sensory Processing. Physiol Rev. 2017;97(2):553-622.
- Sacco S, Amin FM, Ashina M, et al. European Headache Federation guideline on the use of monoclonal antibodies targeting the calcitonin gene related peptide pathway for migraine prevention. J Headache Pain. 2022;23(1):67.
- Edvinsson L. The Trigeminovascular Pathway: Role of CGRP and CGRP Receptors in Migraine. Headache. 2017;57 Suppl 2:47-55.
- Wikipedia, Artikel „Migräne“: Migräne (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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