Kindlicher Knick-Senk-Fuß (Pes planovalgus, flexibler Plattfuß)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Der Begriff beschreibt eine Fußfehlstellung aus zwei Teilen: Die Ferse knickt nach innen ab („Knickfuß“), und die Fußwölbung an der Innenseite des Fußes ist abgesenkt („Senkfuß“). Der bewegliche Knick-Senk-Fuß des Kindes ist in den meisten Fällen eine normale Entwicklungsstufe, die keine besondere Behandlung braucht. Diese Erkenntnis ist in der aktuellen Behandlungsleitlinie der Fachgesellschaften wissenschaftlich begründet festgehalten.
2. Was ist das?
Beim Knick-Senk-Fuß ist die Ferse nach innen geknickt und die innere Längswölbung des Fußes abgesenkt. Im Kindesalter ist der bewegliche Knick-Senk-Fuß normal: Im 2. Lebensjahr haben ihn fast alle Kinder, mit zunehmendem Alter wird er seltener (im 10. Lebensjahr haben ihn noch etwa 10–15 %). Zu unterscheiden sind der bewegliche Knick-Senk-Fuß (ohne Beschwerden, von Hand vollständig in die normale Stellung zu bringen) und der steife Knick-Senk-Fuß (krankhafte Form mit fest eingestellter Fehlstellung, meist im Rahmen angeborener Erkrankungen).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Der bewegliche Knick-Senk-Fuß ist bei Kleinkindern äußerst häufig. Eine Studie zeigte einen ausgeprägten Plattfuß im 3. Lebensjahr bei 54 % der Kinder, im 6. Lebensjahr bei 24 % und im 10. Lebensjahr nur noch bei etwa 4 %. Jungen sind etwas häufiger betroffen. Übergewicht erhöht das Risiko.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die normale Entwicklung des Fußes ist ein Reifungsvorgang: Das Fettpolster, das anfangs die innere Fußwölbung ausfüllt, verschwindet, die kleinen Muskeln im Fuß werden kräftiger, und die Bänder werden fester. Entscheidend ist das Gleichgewicht zwischen dem hinteren Schienbeinmuskel, der die Fußwölbung anhebt, und den Wadenbeinmuskeln, die den Fuß nach außen drehen. Steife Formen entstehen bei einer knöchernen Verwachsung zweier Fußwurzelknochen, bei Nervenerkrankungen (Bewegungsstörung durch eine frühkindliche Hirnschädigung, offener Rücken) und bei angeborenen Erkrankungen (Marfan-Syndrom und Ehlers-Danlos-Syndrom – beides angeborene Bindegewebsschwächen – sowie Trisomie 21, dem Down-Syndrom).
3. Beschwerden
Beim beweglichen Knick-Senk-Fuß:
- Im Stehen sind die Knickstellung der Ferse nach außen und die Abflachung der inneren Fußwölbung sichtbar
- Im Zehenspitzenstand ist die Fehlstellung vollständig ausgeglichen: Die Ferse dreht sich normal nach innen, und die Fußwölbung bildet sich
- Meist bestehen keine Beschwerden
- Wenn Beschwerden auftreten: rasche Ermüdung, Schmerzen am Innenknöchel oder in der Wadenmuskulatur nach Belastung
- Manchmal ist die Achillessehne verkürzt (Neigung zum Spitzfuß)
Bei steifen Formen: fest eingestellte Fehlstellung, oft schmerzhaft, nicht von Hand auszugleichen.
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die körperliche Untersuchung ist das Wichtigste:
- Betrachtung im Stehen: Stellung beider Füße, Seitengleichheit
- Ansicht von hinten: Bei einem schweren Knickfuß sind an der Außenseite mehr Zehen sichtbar als normal
- Zehenspitzenstand: Bei der beweglichen Form gleicht sich die Fehlstellung aus, bei der steifen Form nicht
- Hebt die Ärztin oder der Arzt die Großzehe an, bildet sich beim beweglichen Fuß die innere Fußwölbung (Jack-Test)
- Prüfung, ob die Achillessehne verkürzt ist: Der Fuß wird bei gestrecktem und bei gebeugtem Knie nach oben bewegt (Silfverskiöld-Test)
- Beweglichkeit im unteren Sprunggelenk
Bei Auffälligkeiten des Nervensystems oder Hinweisen auf eine angeborene Erkrankung werden weitere Untersuchungen veranlasst.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Behandlungsleitlinie empfiehlt beim beweglichen Knick-Senk-Fuß ohne Beschwerden keine routinemäßigen Bildaufnahmen. Gründe für ein Röntgenbild sind:
- Schmerzen
- Steife Formen
- Verdacht auf eine knöcherne Verwachsung von Fußwurzelknochen
- Vor einer geplanten Operation
Röntgenbilder beider Füße im Stehen (von oben und von der Seite, unter Belastung): Dabei werden verschiedene Winkel zwischen den Fußknochen ausgemessen, zum Beispiel zwischen Sprungbein und Fersenbein sowie die Neigung des Fersenbeins. Die Computer-Röntgenschichtaufnahme wird bei Verdacht auf eine knöcherne Verwachsung von Fußwurzelknochen eingesetzt, die Kernspin-Untersuchung bei schwierigen Fragen zu Sehnen, Bändern und Weichteilen.
4.2 Blutuntersuchungen
Besondere Blutuntersuchungen sind nicht erforderlich. Bei Verdacht auf eine angeborene Erkrankung wird diese bei Bedarf entsprechend abgeklärt.
5. Behandlung
Die aktuelle Behandlungsleitlinie bringt ein Umdenken: Der bewegliche Knick-Senk-Fuß des Kindes ohne Beschwerden braucht keine besondere Behandlung. Einlagen verbessern die Fußform nachweislich nicht und sollten nicht routinemäßig verordnet werden.
Beweglicher Knick-Senk-Fuß ohne Beschwerden
- Aufklärung der Eltern: normale Entwicklung, eine Besserung von selbst ist wahrscheinlich
- Barfußgehen fördern (auf wechselndem Untergrund: Sand, Wiese, Teppich und anderes)
- Spielerische Fußgymnastik (Greifübungen mit den Zehen, Gleichgewichtsübungen)
- Sport mit viel Fußbelastung (Schwimmen, Klettern, Turnen)
- Keine Einlagen, keine unnötigen medizinischen Maßnahmen
Beweglicher Knick-Senk-Fuß mit Beschwerden
- Krankengymnastik mit Schwerpunkt auf der Kräftigung der kleinen Fußmuskeln und des hinteren Schienbeinmuskels
- Dehnung der Wadenmuskulatur bei verkürzter Achillessehne
- Einlagen nur bei einem Grund im Einzelfall und nur für begrenzte Zeit (keine Dauerversorgung)
- Gewichtsabnahme bei Übergewicht
Steifer oder schwerer Knick-Senk-Fuß, der auf die Behandlung nicht anspricht
- Operation, je nach Ursache:
- Einsetzen einer Schraube oder eines kleinen Implantats in das untere Sprunggelenk, das das Abknicken der Ferse bremst: vorübergehende Korrektur während des Wachstums
- Verlängerung des Fersenbeins durch Durchtrennung und Einsetzen eines Knochenkeils (Operation nach Evans)
- Durchtrennung des Fersenbeins und Verschiebung nach innen
- Entfernung der knöchernen Verwachsung zwischen Fußwurzelknochen
- Bei einer Schwäche der Sehne des hinteren Schienbeinmuskels: Wiederherstellung der Sehne oder Ersatz durch eine Nachbarsehne
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Behandlungsleitlinie spricht sich ausdrücklich gegen die routinemäßige Verordnung von Einlagen bei Kindern ohne Beschwerden aus. Das wirkt sich auch darauf aus, was verordnet werden darf:
- Einlagen bezahlt die Krankenkasse nur bei einem medizinischen Grund (Schmerz, Funktionsstörung). Bei Kindern ohne Beschwerden gibt es diesen Grund nicht, entsprechend keine Erstattung (oder eine Prüfung im Einzelfall)
- Krankengymnastik bezahlt die Krankenkasse auf Rezept, wenn ein entsprechender Grund vorliegt
- Operationen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse bei einem klaren Grund
Wünschen die Eltern „vorsorgliche“ Einlagen, müssen sie diese selbst bezahlen. Wir raten grundsätzlich von unnötigen Einlagen ab.
6. Wie geht es weiter?
Der voraussichtliche Verlauf des beweglichen Knick-Senk-Fußes beim Kind ist ausgezeichnet – in den allermeisten Fällen normalisiert sich der Fuß während des Wachstums von selbst. Bleibt ein beweglicher Knick-Senk-Fuß bis ins Erwachsenenalter bestehen, verursacht er meist keine Beschwerden. Studien zeigen keinen langfristigen Nachteil gegenüber „normalen“ Füßen. Entscheidend ist, in der Kindheit keine Behandlung zu beginnen, die aus einem gesunden Fuß einen kranken macht.
7. Leitlinien
- AWMF 033-020 · Kindlicher Knick-Senk-Fuß
→ Im AWMF-Register nach 033-020 suchen
8. Literatur
- Wirth T, Stratmann L, Hinrichs F. Evaluation of the progress of the idiopathic clubfoot, with special consideration of the Ponseti method. Z Orthop Ihre Grenzgeb. 2001.
- Evans AM. The paediatric flat foot and general anthropometry in 140 Australian school children aged 7-10 years. J Foot Ankle Res. 2011;4:12.
- Harris EJ, Vanore JV, Thomas JL, et al. Diagnosis and treatment of pediatric flatfoot. J Foot Ankle Surg. 2004;43(6):341-373.
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
- Mosca VS. Flexible flatfoot in children and adolescents. J Child Orthop. 2010;4(2):107-121.
- Rose GK, Welton EA, Marshall T. The diagnosis of flat foot in the child. J Bone Joint Surg Br. 1985;67(1):71-78.
- Wikipedia, Artikel „Kindlicher Knick-Senk-Fuß“: Senkfuß (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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