Karpaltunnelsyndrom (KTS, Medianus-Kompressionssyndrom am Handgelenk)
Orthopädie – Hand
1. Woher kommt der Name?
Der Karpaltunnel ist eine knöcherne Rinne an der Innenseite des Handgelenks (lateinisch carpus = Handwurzel). Ein straffes Band, das Karpalband, spannt sich über diese Rinne und schließt sie zu einem Tunnel. Durch den Tunnel laufen der Mittelnerv und neun Beugesehnen der Finger. „Syndrom“ bezeichnet die typische Gruppe von Beschwerden, die entsteht, wenn dieser Tunnel zu eng wird.
2. Was ist das?
Das Karpaltunnelsyndrom ist die häufigste Erkrankung, bei der ein Nerv an einer Engstelle eingeklemmt wird. Durch erhöhten Druck im Karpaltunnel wird der Mittelnerv dauerhaft geschädigt. Anfangs ist die Durchblutung des Nervs gestört, und die Isolierschicht der Nervenfasern wird angegriffen – das ist noch rückbildungsfähig. Später gehen die Nervenfasern selbst zugrunde; dann ist der Schaden nicht mehr umkehrbar.
2.1 Wie häufig ist das Karpaltunnelsyndrom?
3–5 % aller Erwachsenen erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Frauen sind dreimal so häufig betroffen wie Männer, meist im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Risikofaktoren: weibliches Geschlecht, eine von Natur aus enge Anlage des Tunnels, eintönige oder belastende Handarbeit (Schreiben, Montage, Werkzeugarbeit), hormonelle Einflüsse (Schwangerschaft, Wechseljahre), Zuckerkrankheit (Diabetes), Schilddrüsenunterfunktion, rheumatische Sehnenscheidenentzündung, frühere Handgelenksbrüche, Übergewicht, Blutwäsche bei Nierenversagen (Dialyse) sowie die Amyloidose (eine Erkrankung, bei der sich fehlgefaltete Eiweiße im Gewebe ablagern).
2.2 Ursachen und Entstehung
Steigt der Druck im Karpaltunnel, staut sich zunächst das Blut in den kleinen Venen des Nervs, und die feine Durchblutung nimmt ab. Dann schwillt das Gewebe im Nerv an, und die Isolierschicht einzelner Nervenfasern wird stellenweise abgebaut. Die Folge ist eine Leitungsstörung, die sich noch zurückbilden kann. Hält der Druck an, werden die Nervenfasern selbst geschädigt, und die Nervenzellen, die die Daumenmuskeln steuern, gehen zugrunde. Das zeigt sich als Schwund des Daumenballens und als bleibendes Kribbeln und Taubheitsgefühl.
3. Beschwerden
- Nächtliches Kribbeln und Einschlafen der Hand im Versorgungsgebiet des Mittelnervs (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und die daumenseitige Hälfte des Ringfingers). Die Beschwerden wecken häufig aus dem Schlaf (Ärztinnen und Ärzte nennen das Brachialgia paraesthetica nocturna)
- Ausschütteln der Hand: Betroffene schütteln die Hand, weil das die Beschwerden bessert
- Zunehmend auch Beschwerden am Tag: Kribbeln, Taubheit und Schmerz bei bestimmten Tätigkeiten (Telefonieren, Fahrradfahren, ein Buch halten)
- Die Beschwerden können bis in den Unterarm ausstrahlen
- Gefühl von „Schwäche“ und „Ungeschicklichkeit“ der Hand, Gegenstände fallen aus der Hand
- Späte Anzeichen: Schwund des Daumenballens und weniger Kraft, wenn der Daumen den anderen Fingern gegenübergestellt oder von der Handfläche abgespreizt wird
- In späten Stadien messbare Gefühlsstörungen
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird durch die körperliche Untersuchung und durch eine Messung der Nervenleitung gestellt. Untersuchungen in der Praxis:
- Phalen-Test: Beide Handgelenke werden 60 Sekunden lang so weit wie möglich gebeugt; dabei tritt das typische Kribbeln auf
- Hoffmann-Tinel-Zeichen: Beklopfen des Mittelnervs über dem Karpaltunnel löst ein elektrisierendes Kribbeln aus
- Durkan-Test: Druck mit dem Daumen auf den Mittelnerv über 30 Sekunden löst die Beschwerden aus
- Prüfung der Daumenballen-Muskeln (Abspreizen und Gegenüberstellen des Daumens)
- Prüfung des Tastgefühls: Können zwei nahe beieinanderliegende Berührungspunkte noch unterschieden werden? Wird ein feiner Kunststofffaden auf der Haut gespürt?
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Ultraschalluntersuchung mit einem hochauflösenden Gerät (mehr als 12 Megahertz) gewinnt an Bedeutung. Dabei wird die Querschnittsfläche des Mittelnervs am Eingang des Karpaltunnels gemessen (normal unter 10 mm², krankhaft über 14 mm²). Außerdem lassen sich eine Abflachung des Nervs im Tunnel, raumfordernde Veränderungen und Sehnenscheidenentzündungen erkennen.
Ein Röntgenbild des Handgelenks ist sinnvoll, wenn eine frühere Verletzung die Ursache sein könnte oder eine knöcherne Enge ausgeschlossen werden soll.
Die Kernspin-Untersuchung wird nur in Sonderfällen eingesetzt (unklare Befunde, Suche nach einer anderen Grunderkrankung).
4.2 Blutuntersuchungen
Blutwerte dienen dazu, andere Grunderkrankungen als Ursache zu erkennen:
- Schilddrüsenwert im Blut (Schilddrüsenunterfunktion)
- Blutzucker-Langzeitwert und Blutzucker (Zuckerkrankheit)
- Rheuma-Antikörper im Blut (rheumatoide Arthritis, Sjögren-Syndrom – eine rheumatische Erkrankung mit trockenen Augen und trockenem Mund)
- Untersuchung der Bluteiweiße (Amyloidose), bei Bedarf weitere Abklärung
Die Messung der Nervenleitung bestätigt die Diagnose und zeigt, wie stark der Nerv geschädigt ist. Dabei wird gemessen, wie schnell der Nerv elektrische Signale zu den Muskeln und von der Haut weiterleitet und wie stark diese Signale noch sind. Die Ergebnisse sind wichtig für die Entscheidung über eine Operation und für die Einschätzung des weiteren Verlaufs.
5. Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach der Behandlungsleitlinie Karpaltunnelsyndrom der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (Register-Nummer 005-003, aktuelle Fassung).
Behandlung ohne Operation (bei leichter bis mittelschwerer Ausprägung)
- Nächtliche Handgelenksschiene in gerader Stellung des Handgelenks – die Wirksamkeit ist gut belegt
- Anpassung des Arbeitsplatzes: Tastatur, Maus, Arbeitsweise
- Kortison-Spritze in den Karpaltunnel (bei erfahrenen Behandlern unter Ultraschall-Kontrolle) – wirkt kurzfristig gut
- Alltagstraining mit Therapeuten mit Übungen, bei denen der Nerv in seiner Hülle gleitet
- Entzündungshemmende Schmerzmittel für begrenzte Zeit
Operation
Gründe für eine Operation: Die Behandlung ohne Operation hat nicht geholfen, es gibt Zeichen einer Schädigung der Nervenfasern (Schwund des Daumenballens, stark verminderte Signale in der Messung der Nervenleitung) oder die Beschwerden sind schwer.
- Offene Spaltung des Karpalbands in örtlicher Betäubung (ambulant): das Standardverfahren – kurze Operationszeit, wenig Komplikationen
- Spaltung des Karpalbands mit einer kleinen Kamera über einen oder zwei kleine Schnitte (Verfahren nach Chow oder nach Agee): schnellere Erholung nach der Operation, aber das Verfahren erfordert mehr Übung der Operateurin oder des Operateurs
Nach der Operation: Das Handgelenk darf früh bewegt werden, es gibt kein Belastungsverbot, die Hand kann sofort zur Faust geschlossen werden. Das Gefühl bessert sich innerhalb von Tagen; die Kraft erholt sich bei vorbestehendem Muskelschwund über Monate.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle genannten Maßnahmen (Schiene, Krankengymnastik und Alltagstraining mit Therapeuten, Kortison-Spritze, Messung der Nervenleitung, offene Operation und Operation mit Kamera) bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn ein entsprechender Grund vorliegt. Die Operation erfolgt ambulant in örtlicher Betäubung. Die Arbeitsunfähigkeit dauert meist 1–3 Wochen, je nach Beruf.
6. Wie geht es weiter?
Bei rechtzeitiger Behandlung sind die Aussichten ausgezeichnet. Nach der Operation ist das nächtliche Kribbeln meist innerhalb weniger Tage verschwunden. Ein bereits bestehender Schwund des Daumenballens bildet sich dagegen nur teilweise oder gar nicht zurück – deshalb sollte die Operation nicht zu lange hinausgezögert werden. Rückfälle sind selten (unter 5 %). Schmerzen im Bereich der Narbe und der Handballen sind in den ersten 2–3 Monaten nach der Operation möglich und klingen in der Regel ab.
7. Leitlinien
- AWMF 005-003 · Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms
→ Im AWMF-Register nach 005-003 suchen
8. Literatur
- Padua L, Coraci D, Erra C, et al. Carpal tunnel syndrome: clinical features, diagnosis, and management. Lancet Neurol. 2016;15(12):1273-1284.
- Graham B, Peljovich AE, Afra R, et al. The American Academy of Orthopaedic Surgeons Evidence-Based Clinical Practice Guideline on Management of Carpal Tunnel Syndrome. J Bone Joint Surg Am. 2016;98(20):1750-1754.
- DGN S3-Leitlinie Karpaltunnelsyndrom (AWMF 005-003).
- Shi Q, MacDermid JC. Is surgical intervention more effective than non-surgical treatment for carpal tunnel syndrome? A systematic review. J Orthop Surg Res. 2011;6:17.
- Huisstede BM, Hoogvliet P, Randsdorp MS, et al. Carpal tunnel syndrome. Part I: effectiveness of nonsurgical treatments. Arch Phys Med Rehabil. 2010;91(7):981-1004.
- Atroshi I, Gummesson C, Johnsson R, et al. Prevalence of carpal tunnel syndrome in a general population. JAMA. 1999;282(2):153-158.
- Wikipedia, Artikel „Karpaltunnelsyndrom“: Karpaltunnelsyndrom (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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