Hüftdysplasie (Entwicklungsdysplasie der Hüfte (DDH), Dysplasia coxae)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Aus dem Griechischen: dys- bedeutet „fehl-“, plasia bedeutet „Formung“ – Dysplasie ist also eine Fehlbildung. Coxae ist lateinisch und bedeutet „Hüfte“. Die Hüftdysplasie ist eine Fehlbildung der Hüftgelenkspfanne.
2. Was ist das?
Eine Reifungsstörung der Hüftgelenkspfanne: Die Pfanne überdacht den Hüftkopf nicht ausreichend. Die Ausprägung reicht von einer leichten Fehlbildung bis zur vollständigen Ausrenkung des Hüftkopfes. Die Einteilung erfolgt mit der Ultraschalluntersuchung nach Graf in die Typen 1a und 1b, 2a-plus, 2a-minus, 2c, D, 3 und 4.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Die Hüftdysplasie ist die häufigste angeborene Hüfterkrankung. In Deutschland kommen bedeutsame Fehlbildungen bei etwa 2–4 % der Neugeborenen vor, Ausrenkungen bei 0,1–0,5 %. Mädchen sind viermal häufiger betroffen. Das Risiko ist erhöht bei Hüftdysplasie in der Familie, bei Steißlage im Mutterleib, bei zu wenig Fruchtwasser, bei Erstgeborenen und bei großen, schweren Kindern.
2.2 Ursachen und Entstehung
Mehrere Ursachen wirken zusammen: eine erbliche Veranlagung (auch Hormone spielen eine Rolle), die Lage des Kindes im Mutterleib und Einflüsse nach der Geburt. Enges Wickeln mit gestreckten Beinen, wie es in manchen Traditionen üblich ist, begünstigt die Fehlbildung.
3. Beschwerden
Neugeborenes
- Beim Spreizen der Beinchen springt der Hüftkopf spürbar in die Pfanne zurück (Einrenk-Zeichen)
- Beim Zusammenführen der Beinchen lässt sich der Hüftkopf aus der Pfanne drücken (Ausrenk-Zeichen)
- Die Beinchen lassen sich nicht vollständig spreizen
- Ungleiche Hautfalten an den Oberschenkeln (kein sicheres Zeichen)
- Unterschiedliche Beinlänge: Bei angewinkelten Beinen steht ein Knie tiefer als das andere
Kleinkind
- Hinken
- Watschelgang, wenn beide Hüften ausgerenkt sind
- Beim Stehen auf einem Bein sinkt das Becken zur anderen Seite ab, weil die Hüftmuskeln nicht genug Halt haben
Erwachsener
- Leistenschmerz, verminderte Belastbarkeit
- Frühzeitiger Gelenkverschleiß der Hüfte, meist im Alter zwischen 20 und 50 Jahren
3.1 Bilder
→ Weitere Bilder bei Wikimedia Commons
4. Untersuchung
In Deutschland gehört die Ultraschalluntersuchung der Hüfte nach Graf zur dritten Vorsorgeuntersuchung für Säuglinge (U3) in der 4. bis 6. Lebenswoche. Fällt bei der körperlichen Untersuchung etwas auf, wird sofort eine Ultraschalluntersuchung gemacht. Die Hüften werden bei jeder Vorsorgeuntersuchung körperlich untersucht.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Ultraschalluntersuchung der Hüfte nach Graf:
- Typ 1a und 1b: ausgereift
- Typ 2a-plus: noch unreif, aber altersgemäß (Alter unter 3 Monate)
- Typ 2a-minus: noch unreif, ab einem Alter von 6 Wochen behandlungsbedürftig
- Typ 2c und D: fehlgebildet, sofortige Behandlung
- Typ 3 und 4: Hüftkopf aus der Mitte verschoben oder ausgerenkt
Röntgenbild des Beckens von vorn ab dem 12. Lebensmonat: Gemessen werden der Neigungswinkel des Pfannendachs (normal unter 25°) und der Winkel, der die Überdachung des Hüftkopfes beschreibt; außerdem werden die Verknöcherungskerne beurteilt. Bei größeren Kindern wird das Röntgenbild zunehmend wichtig.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig. Ist die Hüftdysplasie Teil einer übergeordneten Erkrankung, wird diese entsprechend untersucht.
5. Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach dem Alter des Kindes und nach dem Typ in der Ultraschalluntersuchung.
Säuglingsalter
- Typ 2a-minus und 2c (stabil): breites Wickeln, Spreizhose (zum Beispiel nach Hoffmann-Daimler)
- Typ 2c (instabil), D und 3: Spreizschiene (Pavlik-Bandage, Tübinger Schiene oder ein Gips in Sitz-Hock-Stellung nach Fettweis)
- Typ 4 (Ausrenkung): Einrenken des Hüftkopfes ohne oder mit Operation, danach Halten der Stellung im Sitz-Hock-Gips für 6–12 Wochen, anschließend eine Stützschiene, bis die Hüfte ausgereift ist
Kleinkind und Kindergartenalter
- Gelingt das Einrenken nicht: Einrenken in einer Operation mit Straffung der Gelenkkapsel
- Bleibt die Fehlbildung bestehen: Umstellungsoperation am Becken (nach Salter oder Pemberton), damit die Pfanne den Hüftkopf besser überdacht
Jugendliche und junge Erwachsene
- Umstellungsoperation der Hüftpfanne nach Ganz: Die Pfanne wird aus dem Becken gelöst und so gedreht, dass sie den Hüftkopf besser überdacht. Dies ist das bewährteste Verfahren; das eigene Gelenk bleibt erhalten
- Bei zusätzlichem Knorpelschaden: Gelenkspiegelung der Hüfte
Erwachsene mit Gelenkverschleiß
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Ultraschalluntersuchung bei der Vorsorge und alle weiteren Untersuchungen und Behandlungen (breites Wickeln, Spreizhose, Schienen, Gipse, Operationen, Nachbehandlung) bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Wird die Hüftdysplasie rechtzeitig erkannt und behandelt (vor dem 3. Lebensmonat), ist der Verlauf sehr gut: Die Hüfte entwickelt sich normal. Eine verspätete oder unzureichende Behandlung führt im Erwachsenenalter zu frühzeitigem Gelenkverschleiß der Hüfte. Nach der Umstellungsoperation der Hüftpfanne nach Ganz bleibt das eigene Gelenk oft 15–30 Jahre länger erhalten.
7. Leitlinien
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
8. Literatur
- Thaler M, Biedermann R, Lair J, Krismer M, Landauer F. Cost-effectiveness of universal ultrasound screening compared with clinical examination alone in the diagnosis of developmental dysplasia of the hip in Austria. J Bone Joint Surg Br. 2011;93(8):1126-1130.
- Graf R. Fundamentals of sonographic diagnosis of infant hip dysplasia. J Pediatr Orthop. 1984;4(6):735-740.
- Loder RT, Skopelja EN. The epidemiology and demographics of hip dysplasia. ISRN Orthop. 2011;2011:238607.
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
- Ganz R, Klaue K, Vinh TS, Mast JW. A new periacetabular osteotomy for the treatment of hip dysplasias. Clin Orthop Relat Res. 1988;(232):26-36.
- Wikipedia, Artikel „Hüftdysplasie“: Hüftdysplasie (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
Fragen zu Hüftdysplasie?
Vereinbaren Sie einen Termin in unserer Praxis – wir beraten Sie persönlich.
