Granulomatose mit Polyangiitis (GPA) (Morbus Wegener, Wegener-Granulomatose)
Rheumatologie
1. Woher kommt der Name?
Die Erkrankung hieß früher „Morbus Wegener“ nach dem deutschen Arzt Friedrich Wegener. Wegen seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus wurde dieser Name 2011 weltweit durch „Granulomatose mit Polyangiitis“ (abgekürzt GPA) ersetzt. Der neue Name beschreibt die zwei wesentlichen Merkmale, die unter dem Mikroskop zu sehen sind: die Bildung von Granulomen (kleinen, knötchenförmigen Entzündungsherden) und die Entzündung vieler Blutgefäße (Polyangiitis).
2. Was ist das?
Eine Gefäßentzündung (Vaskulitis) der kleinen und mittelgroßen Blutgefäße, bei der Gewebe abstirbt und sich knötchenförmige Entzündungsherde bilden. Typisch ist die Beteiligung von drei Organbereichen:
- Obere Atemwege (Nase, Nebenhöhlen, Ohren): Nasennebenhöhlenentzündung, Nasenschleimhautentzündung, Mittelohrentzündung, Sattelnase (eingesunkener Nasenrücken)
- Untere Atemwege (Lunge): Entzündungsherde in der Lunge, Hohlraumbildung, Blutungen in die Lungenbläschen
- Niere: rasch fortschreitende Entzündung der Nierenkörperchen, der kleinen Filtereinheiten der Niere
Die Erkrankung gehört zur Gruppe der Gefäßentzündungen, bei denen im Blut bestimmte Gefäßentzündungs-Antikörper nachweisbar sind. Zu dieser Gruppe zählen außerdem die Mikroskopische Polyangiitis und die Eosinophile Granulomatose mit Polyangiitis (früher Churg-Strauss-Syndrom).
2.1 Wie häufig ist das?
Eine seltene Erkrankung: In Europa erkranken jedes Jahr 5–10 von einer Million Menschen neu. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen, am häufigsten im Alter von 40–60 Jahren.
2.2 Ursache und Entstehung
Die Gefäßentzündungs-Antikörper aktivieren eine bestimmte Art weißer Blutkörperchen. Diese setzen dann vor Ort zellschädigende Eiweißstoffe und aggressive Sauerstoffverbindungen frei, die die Gefäßwand schädigen. Als Auslöser gelten Infektionen (vor allem mit dem Bakterium Staphylococcus aureus im Nasen-Rachen-Raum), eine erbliche Veranlagung und Umwelteinflüsse (Quarzstaub-Lunge, Medikamente).
3. Beschwerden
Nase, Nebenhöhlen, Ohren und Kehlkopf (oft die ersten Anzeichen)
- Langanhaltende Nasennebenhöhlenentzündung, die auf die übliche Behandlung nicht anspricht; Nasenschleimhautentzündung mit blutigem, verkrustetem Sekret
- Sattelnase (eingesunkener Nasenrücken) durch Zerstörung des Nasenknorpels
- Mittelohrentzündung mit Schwerhörigkeit, weil der Schall nicht mehr richtig weitergeleitet wird
- Verengung der Luftröhre unterhalb der Stimmbänder (Heiserkeit, Atemnot, pfeifendes Atemgeräusch)
Lunge
- Husten, Abhusten von blutigem Auswurf
- Knotige Entzündungsherde in der Lunge, die Hohlräume bilden
- Blutung in die Lungenbläschen (lebensbedrohlich)
- Rippenfellentzündung
Niere
- Nicht sichtbares Blut im Urin, Eiweiß im Urin, Zellabdrücke aus den Nierenkanälchen im Urin
- Rasch fortschreitende Entzündung der Nierenkörperchen – ohne Behandlung versagen die Nieren innerhalb von Wochen
Weitere Beschwerden
- Allgemeinbeschwerden: Fieber, Gewichtsverlust, Nachtschweiß
- Haut: tastbare kleine Einblutungen, abgestorbene Hautstellen, Geschwüre, netzförmige blau-rote Hautzeichnung
- Gelenke: Gelenkschmerzen, Gelenkentzündungen
- Auge: Entzündung der Lederhaut des Auges (tief oder oberflächlich), entzündliche Gewebewucherung hinter dem Augapfel
- Nervensystem: Entzündung mehrerer einzelner Nerven mit Ausfällen, Gefäßentzündung im Gehirn
- Magen-Darm-Trakt: Geschwüre, Blutungen
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose stützt sich auf drei Säulen: die typischen Beschwerden, den Nachweis der Gefäßentzündungs-Antikörper im Blut und eine Gewebeprobe aus einem betroffenen Organ (Niere, Lunge, Nase oder Nebenhöhlen). Der Antikörper-Nachweis ist sehr aussagekräftig, aber nicht zu 100 % – fehlen die Antikörper, wird die Diagnose anhand der Gewebeprobe und der Beschwerden gestellt.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Computer-Röntgenschichtaufnahme der Nasennebenhöhlen und des Brustkorbs: Nebenhöhlenentzündung, angegriffener Knochen, Knoten in der Lunge (oft mit Hohlräumen), Blutungen in die Lungenbläschen, Entzündungsherde.
Ultraschalluntersuchung der Nieren, um ihre Größe zu beurteilen.
Kernspin-Untersuchung des Kopfes und der Augenhöhlen bei Beschwerden an Augen oder Nervensystem.
Gewebeprobe aus der Niere: Bei Verdacht auf eine Entzündung der Nierenkörperchen unverzichtbar für die Diagnose und für die Einschätzung des weiteren Verlaufs.
4.2 Blutuntersuchungen
- Gefäßentzündungs-Antikörper gegen das Eiweiß Proteinase 3 (die häufigere Form): bei 80–90 % der Erkrankten nachweisbar, sehr aussagekräftig
- Gefäßentzündungs-Antikörper gegen das Eiweiß Myeloperoxidase (die seltenere Form) bei 10–20 %
- Entzündungswerte im Blut deutlich erhöht
- Blutbild: Blutarmut mit normal großen roten Blutkörperchen, vermehrte weiße Blutkörperchen, vermehrte Blutplättchen
- Nierenleistung: Kreatinin-Wert und daraus berechnete Filterleistung der Nieren
- Urinuntersuchung: Blut im Urin, Eiweiß im Urin, Abdrücke roter Blutkörperchen aus den Nierenkanälchen (Zeichen einer Nierenentzündung!)
- Leberwerte
5. Behandlung
Die Behandlung folgt den Empfehlungen der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft aus dem Jahr 2023. Sie gliedert sich in eine Anfangsbehandlung, die die Erkrankung zum Stillstand bringen soll, und eine Erhaltungsbehandlung.
Anfangsbehandlung (3–6 Monate)
- Kortison: Prednison 1 mg je Kilogramm Körpergewicht und Tag (höchstens 80 mg), nach den neuen Behandlungsplänen rasch schrittweise verringert
- Rituximab (ein Antikörper, der bestimmte weiße Blutkörperchen ausschaltet): 375 mg je m² Körperoberfläche einmal wöchentlich über 4 Wochen – Standard bei Neuerkrankung, mindestens so wirksam wie Cyclophosphamid
- oder das zellhemmende Medikament Cyclophosphamid als Infusion in die Vene (500–750 mg je m² Körperoberfläche alle 2–4 Wochen, insgesamt 3–6 Monate) – bei schwerem Verlauf
- Avacopan (ein Medikament, das einen Botenstoff des Immunsystems an seinem Andockpunkt blockiert): seit 2022 zugelassen, ermöglicht eine Anfangsbehandlung mit weniger Kortison
- Plasma-Austausch (der flüssige Anteil des Blutes wird außerhalb des Körpers ausgetauscht): bei schwerer Blutung in die Lungenbläschen und bei schwerem Nierenversagen (Kreatinin über 4 mg/dl, wenn eine Blutreinigung mit der künstlichen Niere nötig wird) – eine neuere große Studie stellt den routinemäßigen Einsatz in Frage
Erhaltungsbehandlung (mindestens 24 Monate, nachdem die Erkrankung zum Stillstand gekommen ist)
- Rituximab 500 mg alle 6 Monate (Standard nach einer großen französischen Studie)
- oder das immundämpfende Medikament Azathioprin, 2 mg je Kilogramm Körpergewicht und Tag
- oder das Rheuma-Basismedikament Methotrexat
- das Antibiotikum Cotrimoxazol (Trimethoprim/Sulfamethoxazol): bei Befall des Nasen-Rachen-Raums und zur Vorbeugung einer bestimmten Lungenentzündung durch den Pilz Pneumocystis
Begleitende Behandlung
- Vorbeugung gegen die Lungenentzündung durch den Pilz Pneumocystis jirovecii mit Cotrimoxazol während der Anfangsbehandlung
- Vorbeugung gegen Knochenschwund (Osteoporose), Behandlung einer Zuckerkrankheit
- Impfungen auffrischen (nur Impfstoffe ohne lebende Erreger)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle genannten Medikamente bezahlt die gesetzliche Krankenkasse, wenn die Gefäßentzündung mit Antikörper-Nachweis gesichert ist (Rituximab ist seit 2013 zugelassen, Avacopan seit 2022). Der Plasma-Austausch erfolgt in spezialisierten Nierenkliniken oder Zentren für Gefäßentzündungen.
6. Wie geht es weiter?
Ohne Behandlung führt die Erkrankung innerhalb von Monaten zum Tod (vor Einführung von Cyclophosphamid starben über 90 % der Erkrankten innerhalb von 2 Jahren). Mit der heutigen Behandlung leben nach 5 Jahren noch über 85 %. Rückfälle sind häufig (50 %); eine lebenslange Betreuung in einem Zentrum für Gefäßentzündungen wird empfohlen. Mögliche Langzeitfolgen: dauerhaft eingeschränkte Nierenleistung, Schwerhörigkeit (durch gestörte Schallleitung oder Schädigung des Innenohrs), Verengung der Luftröhre unterhalb der Stimmbänder.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · ANCA-assoziierte Vaskulitiden (GPA/MPA/EGPA)
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Hellmich B, Sanchez-Alamo B, Schirmer JH, et al. EULAR recommendations for the management of ANCA-associated vasculitis: 2022 update. Ann Rheum Dis. 2023 (Online First).
- Jayne DRW, Merkel PA, Schall TJ, Bekker P; ADVOCATE Study Group. Avacopan for the Treatment of ANCA-Associated Vasculitis. N Engl J Med. 2021;384(7):599-609.
- Stone JH, Merkel PA, Spiera R, et al. Rituximab versus cyclophosphamide for ANCA-associated vasculitis. N Engl J Med. 2010;363(3):221-232.
- Jennette JC, Falk RJ, Bacon PA, et al. 2012 revised International Chapel Hill Consensus Conference Nomenclature of Vasculitides. Arthritis Rheum. 2013;65(1):1-11.
- Geetha D, Jefferson JA. ANCA-Associated Vasculitis: Core Curriculum 2020. Am J Kidney Dis. 2020;75(1):124-137.
- Wikipedia, Artikel „Granulomatose mit Polyangiitis (GPA)“: Granulomatose mit Polyangiitis (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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