Facharzt für Orthopädie · Osteologe (DVO) · Hamburg-Langenhorn

Gicht (Arthritis urica, Hyperurikämie mit Gichtanfällen)

Rheumatologie

Hinweis: Diese Information beruht auf den aktuellen deutschen Behandlungsleitlinien und auf Fachliteratur. Sie dient der allgemeinen Aufklärung und ersetzt nicht das ärztliche Gespräch. Unvermeidbare Fachwörter erklärt unsere Liste medizinischer Fachbegriffe.

1. Woher kommt der Name?

Das Wort „Gicht“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutete dort „Zuckung“ oder „krampfhafter Anfall“ – ein Hinweis auf die plötzlich und heftig einsetzenden Beschwerden. Die ärztliche Bezeichnung Arthritis urica (lateinisch acidum uricum = Harnsäure) nennt die Ursache: eine Gelenkentzündung, die durch Harnsäure-Kristalle ausgelöst wird.

2. Was ist das?

Die Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung. Harnsäure entsteht im Körper beim Abbau von Purinen – Bausteinen, die in den eigenen Zellen und in vielen Nahrungsmitteln vorkommen. Bei der Gicht ist die Harnsäure im Blut dauerhaft erhöht (erhöhter Harnsäurewert: dauerhaft über 6,8 mg/dl, das entspricht über 405 µmol/l). Oberhalb dieses Wertes kann sich die Harnsäure nicht mehr im Blut lösen, und es lagern sich Harnsäure-Kristalle in Gelenken und Weichteilen ab. Die Erkrankung zeigt sich als plötzliche Gelenkentzündung (Gichtanfall), als langanhaltende Gicht mit Gichtknoten, als Harnsäure-Nierensteine oder als Nierenschädigung durch Harnsäure. Man unterscheidet die ursprüngliche Gicht (meist bildet der Körper zu viel Harnsäure oder scheidet zu wenig aus) von der Gicht als Folge anderer Ursachen (Medikamente, Krebserkrankungen, Nierenschwäche, Stoffwechsel-Syndrom – das ist die Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhtem Blutzucker und erhöhten Blutfetten).

2.1 Wie häufig ist Gicht?

In Deutschland sind etwa 1–2 % der Erwachsenen betroffen. Männer erkranken drei- bis viermal häufiger als Frauen. Am häufigsten tritt die Gicht bei Männern zwischen 40 und 50 Jahren auf, bei Frauen nach den Wechseljahren (das weibliche Hormon Östrogen fördert die Ausscheidung von Harnsäure). In den letzten Jahrzehnten ist die Gicht häufiger geworden – durch veränderte Ernährung (Fleisch, Getränke mit Fruchtzucker), Übergewicht und die steigende Lebenserwartung. Die Gicht tritt sehr oft zusammen mit dem Stoffwechsel-Syndrom, Bluthochdruck, der Zuckerkrankheit (Diabetes Typ 2) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf.

2.2 Ursachen und Entstehung

Etwa 90 % der Betroffenen scheiden zu wenig Harnsäure aus (die Nieren geben erblich bedingt zu wenig Harnsäure ab), etwa 10 % bilden zu viel Harnsäure (angeboren oder erworben). Wird die Löslichkeitsgrenze überschritten, fallen Harnsäure-Kristalle aus – bevorzugt in kühleren und saureren Geweben, also in den Gelenken an Händen und Füßen. Fresszellen der körpereigenen Abwehr nehmen die Kristalle auf; dadurch wird ein Alarmsystem in diesen Zellen aktiviert, das Entzündungs-Botenstoffe freisetzt und eine heftige Entzündung auslöst. Auslöser eines Anfalls: purinreiche Mahlzeiten (Innereien, Meeresfrüchte), Alkohol (besonders Bier), Fasten, körperliche Anstrengung, Operationen, Medikamente (entwässernde Mittel, Acetylsalicylsäure in niedriger Dosis, die Abwehr dämpfende Mittel wie Ciclosporin und Tacrolimus) sowie schnelle Änderungen des Harnsäurewerts – auch zu Beginn einer harnsäuresenkenden Behandlung.

3. Beschwerden

Der plötzliche Gichtanfall (Stadium 1)

  • Plötzlich einsetzender, heftigster Schmerz – oft beginnt er nachts
  • Das betroffene Gelenk ist hochrot, überwärmt, geschwollen und äußerst druckempfindlich
  • Bei mehr als der Hälfte der ersten Anfälle ist das Großzehengrundgelenk betroffen (Ärztinnen und Ärzte nennen das Podagra)
  • Weitere typische Stellen: Fußrücken, Sprunggelenk, Knie, Handgelenk, Ellenbogen, selten die Halswirbelsäule
  • Begleitende Allgemeinbeschwerden: Fieber, erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen, Abgeschlagenheit
  • Unbehandelt klingt der Anfall nach 3–10 Tagen von selbst ab

Die Zeit zwischen den Anfällen (Stadium 2)

Ein beschwerdefreier Abschnitt zwischen zwei Anfällen. Er kann Wochen bis Jahre dauern. Auch ohne Beschwerden bleiben die Kristallablagerungen bestehen – deshalb ist eine harnsäuresenkende Behandlung angezeigt.

Die langanhaltende Gicht mit Gichtknoten (Stadium 3)

  • Gichtknoten: knotige Harnsäure-Ablagerungen unter der Haut, die aufbrechen können; typisch an Ohrmuschel, Ellenbogen (Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen) und an den Strecksehnen der Finger
  • Zerstörung der Gelenke mit Fehlstellungen
  • Harnsäure-Nierensteine mit Koliken
  • Nierenschädigung durch Harnsäure: dauerhafte Nierenschwäche durch Harnsäure-Ablagerungen im Nierengewebe

3.1 Bilder

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4. Untersuchung

Der sicherste Nachweis ist der Fund von Harnsäure-Kristallen in Gelenkflüssigkeit (gewonnen durch eine Entnahme von Gelenkflüssigkeit) oder im Gewebe eines Gichtknotens. Unter einem besonderen Mikroskop mit polarisiertem Licht erscheinen die Kristalle nadelförmig und brechen das Licht in typischer Weise – je nach Ausrichtung gelb oder blau. Daneben gibt es Einteilungskriterien der amerikanischen und europäischen Rheuma-Fachgesellschaften aus dem Jahr 2015, mit denen die Diagnose anhand der Beschwerden und Befunde gestellt werden kann.

4.1 Untersuchung mit Bildern

Die Ultraschalluntersuchung der Gelenke mit einem hochauflösenden Gerät ist sehr aussagekräftig. Typische Zeichen:

  • Doppelte Linie am Gelenkknorpel (Harnsäure-Ablagerungen auf der Knorpeloberfläche)
  • „Schneesturm“-Bild im Gelenkerguss
  • Gichtknoten als unregelmäßige, hell erscheinende Strukturen
  • Knochendefekte an den Gelenkrändern

Röntgenbild: In frühen Stadien unauffällig. Später zeigen sich rundliche, scharf begrenzte Löcher im Knochen nahe dem Gelenk, die wie ausgestanzt wirken und einen überhängenden Rand haben. Außerdem Weichteilschwellungen. Der Gelenkspalt bleibt länger erhalten als bei der rheumatoiden Arthritis (dem entzündlichen Gelenkrheuma).

Computer-Röntgenschichtaufnahme mit zwei Strahlenenergien: Dieses besondere Verfahren erkennt Harnsäure sehr zuverlässig und stellt die Kristallablagerungen farbig dar. Besonders wertvoll bei schwer zugänglichen Gelenken oder zur Kontrolle, ob die Behandlung wirkt.

Großzehe mit akuter Podagra
Gichtanfall am Großzehengrundgelenk mit Rötung und Schwellung
Quelle: Wikimedia Commons · CC BY-SA

4.2 Blutuntersuchungen

  • Harnsäure im Blut: der entscheidende Wert. Achtung: Während des Anfalls kann der Wert vorübergehend normal sein, weil Harnsäure ins Gelenk verlagert wird. Zur Festlegung des Behandlungsziels wird der Wert deshalb frühestens 2 Wochen nach Abklingen des Anfalls bestimmt
  • Entzündungswerte im Blut und weiße Blutkörperchen: im Anfall erhöht – allerdings auch bei einer Gelenkentzündung durch Bakterien, die davon abgegrenzt werden muss
  • Kreatinin und Nierenleistung: Die Nierenfunktion beeinflusst die Wahl der Medikamente
  • Blutzucker-Langzeitwert, Blutfette: Das Stoffwechsel-Syndrom tritt häufig zusammen mit der Gicht auf
  • Harnsäure im über 24 Stunden gesammelten Urin: zur Frage, ob zu wenig ausgeschieden oder zu viel gebildet wird (unter 800 mg in 24 Stunden = zu geringe Ausscheidung; über 800 mg in 24 Stunden = zu hohe Bildung). Wird heute seltener durchgeführt, weil das Ergebnis für die Behandlung nicht immer wichtig ist
  • Entnahme von Gelenkflüssigkeit: Zellzahl, Nachweis von Kristallen, bei Bedarf Untersuchung auf Bakterien (Färbung und Anzucht), um eine Gelenkentzündung durch Bakterien auszuschließen

5. Behandlung

Die Behandlung richtet sich nach der Behandlungsleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Register-Nummer 053-032) sowie nach den Empfehlungen der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft von 2016 und der amerikanischen Rheuma-Fachgesellschaft von 2020.

Der plötzliche Gichtanfall

  • Entzündungshemmende Schmerzmittel sind die erste Wahl (zum Beispiel Naproxen zweimal täglich 500 mg, Diclofenac dreimal täglich 50 mg, Etoricoxib 120 mg am Tag) – möglichst früh und in voller Dosis, solange nichts dagegen spricht
  • Colchicin (ein Wirkstoff aus der Herbstzeitlose): zu Beginn 1 mg, nach einer Stunde 0,5 mg, danach zwei- bis dreimal täglich 0,5 mg (bei Nierenschwäche niedrigere Dosis)
  • Kortison als Tablette (Prednison 30–40 mg am Tag für 5 Tage) oder als Spritze ins Gelenk – wenn entzündungshemmende Schmerzmittel oder Colchicin nicht eingenommen werden dürfen
  • Hemmstoffe gegen einen bestimmten Entzündungs-Botenstoff (Anakinra, Canakinumab) – wenn der Anfall auf die übliche Behandlung nicht anspricht oder diese nicht möglich ist
  • Kühlung, Ruhigstellung
  • Keine harnsäuresenkende Behandlung neu beginnen, solange der Anfall andauert

Die harnsäuresenkende Dauerbehandlung

Gründe für eine Dauerbehandlung (nach der europäischen Rheuma-Fachgesellschaft): zwei oder mehr Anfälle im Jahr, Gichtknoten, Harnsäure-Nierensteine, eine dauerhafte Nieren- oder Gelenkerkrankung. Behandlungsziel: Harnsäure im Blut unter 6 mg/dl (bei Gichtknoten unter 5 mg/dl).

  • Allopurinol (hemmt das Enzym, das Harnsäure bildet): das Standardmedikament. Beginn mit 100 mg am Tag, Steigerung um 100 mg alle 2–4 Wochen, bis das Ziel erreicht ist (höchstens 800 mg). Bei Nierenschwäche wird die Dosis besonders vorsichtig gesteigert
  • Febuxostat (40–120 mg am Tag): die Alternative, wenn Allopurinol nicht vertragen wird oder die Nierenfunktion eingeschränkt ist. Achtung: Die amerikanische Arzneimittelbehörde warnt vor einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko
  • Benzbromaron (50–100 mg am Tag; steigert die Harnsäure-Ausscheidung über die Niere): bei zu geringer Ausscheidung, wenn Allopurinol nicht vertragen wird. Nur bei guter Nierenfunktion
  • Probenecid: weniger verbreitet
  • Pegloticase: bei schwerer Gicht, die auf andere Mittel nicht anspricht; wird als Infusion gegeben

Vorbeugung von Anfällen während der ersten 3–6 Monate der harnsäuresenkenden Behandlung: Colchicin 0,5 mg ein- bis zweimal täglich oder ein entzündungshemmendes Schmerzmittel in niedriger Dosis.

Behandlung ohne Medikamente

  • Gewicht abnehmen, Bewegung
  • Weniger Alkohol (besonders Bier), keine Erfrischungsgetränke mit Fruchtzucker
  • Purinarme Ernährung (weniger Innereien, Sardellen, Sardinen, Hering, Fleischbrühen)
  • Milchprodukte und Kirschen wirken sich günstig aus
  • Ausreichend trinken (2–3 Liter am Tag)
  • Entwässernde Medikamente verringern oder absetzen, wenn möglich

5.1 Was die Krankenkasse bezahlt

Die Untersuchungen (Blutwerte, Röntgenbild, Ultraschalluntersuchung) und alle empfohlenen Medikamente (Allopurinol, Febuxostat, Benzbromaron, Colchicin, entzündungshemmende Schmerzmittel, Kortison) bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Pegloticase ist für schwere Fälle zugelassen, die auf andere Mittel nicht ansprechen (hoher Preis, Entscheidung im Einzelfall). Die Computer-Röntgenschichtaufnahme mit zwei Strahlenenergien kann in Ausnahmefällen abgerechnet werden (wenn die Behandlung nicht anschlägt oder die Diagnose unklar bleibt). Eine Ernährungsberatung kann bei Stoffwechsel-Syndrom von der Kasse genehmigt werden.

6. Wie geht es weiter?

Mit einer konsequenten harnsäuresenkenden Behandlung und einem Harnsäurewert unter 6 mg/dl lassen sich weitere Anfälle fast vollständig vermeiden; Gichtknoten bilden sich innerhalb von Monaten bis wenigen Jahren zurück. Unbehandelt drohen dauerhafte Gelenkschäden durch die Gicht, Gichtknoten und eine Nierenschädigung durch Harnsäure bis hin zum völligen Nierenversagen. Entscheidend ist, dass die Medikamente dauerhaft eingenommen werden – nur ein Drittel der Patientinnen und Patienten hält sich langfristig an die Behandlung. Weil die Gicht mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko einhergeht, ist eine umfassende Vorbeugung nötig (Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, erhöhte Blutfette behandeln).

6.1 Vorbeugung

  • Lebensstil: Normalgewicht anstreben, Bewegung
  • Ernährung: wenig Purine, wenig Alkohol, wenig Fruchtzucker
  • Behandlung des Stoffwechsel-Syndroms
  • Auslösende Medikamente vermeiden, soweit möglich
  • Regelmäßige Kontrolle der Harnsäure im Blut bei Menschen mit erhöhtem Risiko

7. Leitlinien

Hinweis: Die Links führen zur AWMF-Registersuche mit der jeweiligen Register-Nummer als Suchparameter. Dort finden Sie die aktuell gültige Version der Leitlinie. Bei Einträgen „in AWMF-Register suchen" existiert keine verifizierte eigenständige deutsche Leitlinie – hier gelten EULAR-, ACR- oder internationale Empfehlungen. Stand der hier genannten Register-Nummern und Versionen: nach bestem Wissen recherchiert, bitte auf awmf.org auf Aktualität prüfen.

8. Literatur

  1. Richette P, Doherty M, Pascual E, et al. 2016 updated EULAR evidence-based recommendations for the management of gout. Ann Rheum Dis. 2017;76(1):29-42.
  2. FitzGerald JD, Dalbeth N, Mikuls T, et al. 2020 American College of Rheumatology Guideline for the Management of Gout. Arthritis Care Res. 2020;72(6):744-760.
  3. Neogi T, Jansen TL, Dalbeth N, et al. 2015 Gout classification criteria: an American College of Rheumatology/European League Against Rheumatism collaborative initiative. Ann Rheum Dis. 2015;74(10):1789-1798.
  4. Dalbeth N, Merriman TR, Stamp LK. Gout. Lancet. 2016;388(10055):2039-2052.
  5. DEGAM S2e-Leitlinie Gicht (AWMF 053-032a/b).
  6. Kiltz U, Alten R, Fleck M, et al. Evidenzbasierte Empfehlungen zum Management der Gicht. Z Rheumatol. 2017;76(Suppl 2):S1-S23.
  7. Choi HK, Curhan G. Beer, liquor, and wine consumption and serum uric acid level: the Third National Health and Nutrition Examination Survey. Arthritis Rheum. 2004;51(6):1023-1029.
  8. Wikipedia, Artikel „Gicht“: Gicht (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)

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