Epiphyseolysis capitis femoris (ECF) (Slipped Capital Femoral Epiphysis (SCFE), jugendliches Hüftkopfabrutschen)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Der Name kommt aus dem Griechischen: „Epiphysis“ bedeutet „Aufwuchs“ und bezeichnet das Knochenende mit dem Gelenk, „Lysis“ bedeutet „Lösung“. Gemeint ist, dass sich das Knochenende – hier der Hüftkopf – entlang der Wachstumsfuge vom übrigen Knochen löst und abrutscht.
2. Was ist das?
Die Epiphyseolysis capitis femoris (das Abrutschen des Hüftkopfes aus der Wachstumsfuge) ist eine Erkrankung des Wachstumsalters. Dabei rutscht der Hüftkopf gegenüber dem Schenkelhals entlang der Wachstumsfuge ab, meist nach hinten und unten. Man unterscheidet drei Formen:
- Plötzliche Form: Beschwerden seit weniger als 3 Wochen, plötzliches Ereignis – ein Notfall!
- Schleichende Form: Beschwerden seit mehr als 3 Wochen, langsam zunehmend
- Plötzliche Verschlechterung einer schleichenden Form: der Hüftkopf rutscht plötzlich weiter ab, nachdem die Beschwerden schon länger bestanden
Eine weitere Einteilung richtet sich danach, ob das Kind noch gehen kann (stabile Form) oder nicht mehr gehen kann (instabile Form).
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Jedes Jahr erkranken 1–10 von 100.000 Jugendlichen im Alter von 10 bis 15 Jahren. Jungen sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Häufig handelt es sich um übergewichtige Kinder in der Pubertät. Bei 30 % der Betroffenen ist im weiteren Verlauf auch die andere Hüfte betroffen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Während des Wachstumsschubs in der Pubertät ist die Wachstumsfuge weich. Wird sie mechanisch überlastet, kann der Hüftkopf abrutschen. Begünstigend wirken starkes Übergewicht, Hormonstörungen (Schilddrüsenunterfunktion, Mangel an Geschlechtshormonen, Störungen des Wachstumshormons) und eine Strahlenbehandlung.
3. Beschwerden
- Schmerzen in der Leiste und im Oberschenkel – typischerweise strahlen sie ins Knie aus („Knieschmerzen bei Jugendlichen – immer die Hüfte untersuchen!“)
- Hinken (stabile Form) oder Unfähigkeit zu stehen und zu gehen (instabile Form)
- Das Bein lässt sich in der Hüfte schlechter nach innen drehen, beugen und abspreizen
- Zwangsdrehung nach außen: Beugt die Ärztin oder der Arzt das Hüftgelenk, dreht sich das Bein zwangsläufig nach außen (Drehmann-Zeichen). Dieses Zeichen ist beweisend für die Erkrankung
- Das Bein erscheint verkürzt und nach außen gedreht (plötzliche Form)
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die körperliche Untersuchung mit der Prüfung auf die Zwangsdrehung nach außen (siehe oben) steht am Anfang. Bei Verdacht müssen sofort Bilder gemacht werden – das Bein darf nicht mehr belastet werden!
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild des Beckens von vorn und eine zweite Aufnahme mit abgespreizten Beinen (Aufnahme nach Lauenstein), auf der der Hüftkopf von der Seite zu sehen ist:
- Eine gedachte Linie entlang der Oberkante des Schenkelhalses (Klein-Linie) schneidet normalerweise den Hüftkopf – bei dieser Erkrankung tut sie das nicht
- Das Abrutschen nach hinten und unten lässt sich als Winkel messen (Southwick-Winkel)
- Verschiebung zwischen Hüftkopf und Schenkelhals
Eine Kernspin-Untersuchung wird im Vorstadium gemacht, wenn Beschwerden bestehen, das Röntgenbild aber noch unauffällig ist. Sie zeigt dann eine Flüssigkeitseinlagerung in der Wachstumsfuge.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig. Bei untypischen Fällen (Alter außerhalb der Pubertät, beide Hüften betroffen, Normalgewicht) werden die Hormone untersucht: der Schilddrüsenwert im Blut, das freie Schilddrüsenhormon, das Wachstumshormon und das männliche Geschlechtshormon Testosteron.
5. Behandlung
Eine Operation ist immer nötig. Eine Behandlung ohne Operation reicht nicht aus!
Stabile Form, Hüftkopf nicht oder kaum verschoben (Grad I)
- Der Hüftkopf wird in der vorgefundenen Stellung mit einer Hohlschraube befestigt. Häufig wird vorbeugend auch die andere Hüfte befestigt, weil später oft beide Seiten betroffen sind
Instabile Form, Hüftkopf stark verschoben
- Notfall – sofortige Operation
- Vorsichtiges Einrichten des Hüftkopfes und Befestigung mit einer Schraube (Achtung: durch das Einrichten kann der Hüftkopf absterben!)
- Korrektur-Operation, bei der der Knochen durchtrennt und neu ausgerichtet wird (abgewandelte Operation nach Dunn): anspruchsvoller Eingriff mit hohem Risiko, dass der Hüftkopf abstirbt – nur in spezialisierten Zentren
Nachbehandlung
- Entlastung des Beins für 6–12 Wochen
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen bis zum Ende des Wachstums
- Überprüfung der anderen Hüfte
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle Maßnahmen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse.
6. Wie geht es weiter?
Wird die Erkrankung früh erkannt und der Hüftkopf befestigt, ist der Verlauf gut. Mögliche Komplikationen sind das Absterben des Hüftkopfes (Knocheninfarkt, vor allem bei plötzlichen und instabilen Formen und nach dem Einrichten), eine Auflösung des Gelenkknorpels und ein späterer Gelenkverschleiß der Hüfte, weil die Fehlstellung einen Engpass im Gelenk zwischen Hüftkopf und Hüftpfanne verursacht. Jeder zweite Betroffene entwickelt im Verlauf einen Gelenkverschleiß der Hüfte.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Epiphyseolysis capitis femoris (ECF)
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Loder RT, Richards BS, Shapiro PS, Reznick LR, Aronson DD. Acute slipped capital femoral epiphysis. J Bone Joint Surg Am. 1993;75(8):1134-1140.
- Peck DM, Voss LM, Voss TT. Slipped Capital Femoral Epiphysis: Diagnosis and Management. Am Fam Physician. 2017;95(12):779-784.
- Loder RT. The demographics of slipped capital femoral epiphysis. An international multicenter study. Clin Orthop Relat Res. 1996;(322):8-27.
- DGOU/VKO S2k-Leitlinie ECF (AWMF 033-008).
- Ziebarth K, Zilkens C, Spencer S, et al. Capital realignment for moderate and severe SCFE using a modified Dunn procedure. Clin Orthop Relat Res. 2009.
- Wikipedia, Artikel „Epiphyseolysis capitis femoris (ECF)“: Epiphyseolysis capitis femoris (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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