Morbus Dupuytren (Dupuytren-Kontraktur, Palmarfibromatose)
Orthopädie – Hand
1. Woher kommt der Name?
Die Erkrankung ist nach dem französischen Chirurgen Guillaume Dupuytren (1777–1835) benannt, der sie 1831 umfassend beschrieb. Die zweite Bezeichnung „Palmarfibromatose“ bedeutet: Vermehrung von Bindegewebe (Fibromatose) in der Hohlhand (lateinisch palma). Gemeint ist die Sehnenplatte der Hohlhand – eine flache Bindegewebsschicht unter der Haut der Handfläche.
2. Was ist das?
Morbus Dupuytren ist eine gutartige, langsam zunehmende Wucherung der Sehnenplatte in der Hohlhand. Das Bindegewebe vermehrt sich in Form von Knoten und Strängen, und die Finger ziehen sich immer stärker in eine Beugestellung, die sich nicht mehr vollständig strecken lässt (Beugeversteifung, ärztlich „Kontraktur“). Unter dem Mikroskop findet man Gewebe, das reich an besonderen Bindegewebszellen ist (Myofibroblasten). Der Schweregrad wird nach Tubiana in die Stufen I bis IV eingeteilt – je nachdem, wie viel Streckung insgesamt fehlt.
2.1 Wie häufig ist die Erkrankung?
Bei Männern nordeuropäischer Herkunft sind ab 50 Jahren etwa 5–15 % betroffen. Frauen erkranken dreimal seltener und meist milder. Am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen 50 und 70 Jahren auf. Sie kommt in manchen Familien gehäuft vor. Bei der sogenannten „Dupuytren-Diathese“ (einer besonders ausgeprägten Veranlagung) beginnt die Erkrankung früher, betrifft beide Hände, verläuft aggressiver und kann auch andere Stellen befallen: die Fußsohle (Morbus Ledderhose), den Penis (Induratio penis plastica) und die Fingerknöchel (Knöchelpolster, englisch „Garrod's pads“).
2.2 Ursachen und Entstehung
Es handelt sich um eine fehlgeleitete Wundheilung: Bestimmte Bindegewebszellen (Myofibroblasten) bilden zu viel Bindegewebsfaser (Kollagen vom Typ III). Eine erbliche Veranlagung spielt eine wichtige Rolle (mehrere Gene sind beteiligt, unter anderem ein bestimmter Signalweg in den Zellen). Risikofaktoren sind: Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Alkohol, Leberzirrhose (Schrumpfleber), Epilepsie (vor allem die Medikamente gegen Krampfanfälle), Rauchen und eine Infektion mit dem Aids-Erreger. Dass Handarbeit oder eine Verletzung allein die Erkrankung auslösen, ist nicht belegt.
3. Beschwerden
- Frühes Stadium: tastbare Knoten in der Hohlhand, oft schmerzlos
- Im weiteren Verlauf: Stränge, die von der Hohlhand in die Finger ziehen
- Zunehmende Beugeversteifung im Fingergrundgelenk und im Fingermittelgelenk
- Tischtest nach Hueston: Die Hand kann nicht mehr flach auf den Tisch gelegt werden
- Häufige Reihenfolge des Befalls: Ringfinger → Kleinfinger → Mittelfinger → Daumen
- Bei der Dupuytren-Diathese: Knöchelpolster (Knoten über der Streckseite der Fingermittelgelenke) und Knoten an der Fußsohle (Morbus Ledderhose)
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose ist durch die körperliche Untersuchung eindeutig. Für jedes Gelenk wird mit einem Winkelmesser festgehalten, wie viel Streckung fehlt. Der Schweregrad wird nach der Einteilung von Tubiana bestimmt.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Bilder sind normalerweise nicht erforderlich. Eine Ultraschalluntersuchung oder eine Kernspin-Untersuchung wird nur in Einzelfällen gemacht, um die Ausdehnung der Stränge zu beurteilen oder vor aufwendigen Operationen.
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig. Bei Verdacht auf eine begleitende Erkrankung wird diese abgeklärt (Blutzucker-Langzeitwert, Leberwerte).
5. Behandlung
Frühe und mittlere Stadien (ohne wesentliche Beugeversteifung)
- Beobachten
- Strahlenbehandlung (20 Bestrahlungen mit je 3 Gray) in den frühen Stadien nach Millesi bei aktiven Knoten und Strängen – sie kann das Fortschreiten verzögern. Die Belege dafür stammen aus rückblickenden Studien. Die Behandlung erfolgt in Kliniken für Strahlentherapie; eine Überweisung ist sinnvoll, wenn ein Fortschreiten nachgewiesen ist
Deutliche Beugeversteifung
- Durchtrennung der Stränge mit einer Nadel durch die Haut: kleiner Eingriff, ambulant in örtlicher Betäubung. Geeignet vor allem für Stränge, die das Fingergrundgelenk betreffen. Die Erkrankung kommt danach häufiger zurück als nach einer offenen Operation, dafür kann man rasch wieder alles machen
- Enzym-Spritze (Kollagenase, Handelsname Xiapex): ambulante Spritze, die den Strang auflöst – seit 2020 in Europa vom Markt zurückgezogen und daher nicht mehr verfügbar
- Teilweise Entfernung der Sehnenplatte: die bewährteste Behandlung bei fortgeschrittener Beugeversteifung. Das erkrankte Gewebe der Sehnenplatte wird operativ entfernt. Bei über 90 % der Behandelten wird die Streckung deutlich besser
- Entfernung von Sehnenplatte und darüberliegender Haut mit Hautverpflanzung: bei schweren Rückfällen
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die offene Operation (Entfernung der Sehnenplatte), die Durchtrennung mit der Nadel und die Operation mit Hautverpflanzung bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Die Strahlenbehandlung in der Frühphase ist in besonderen Einrichtungen als Kassenleistung möglich, bei einigen Kassen erst nach Prüfung im Einzelfall.
6. Wie geht es weiter?
Die Erkrankung schreitet fort. Nach einer Operation sind die Ergebnisse zunächst sehr gut; nach 5–10 Jahren kommt die Erkrankung aber bei 30–50 % der Operierten zurück. Bei aggressiven Verläufen (Dupuytren-Diathese) kommt sie häufiger und in schwererer Form zurück. Die Strahlenbehandlung kann das Fortschreiten in frühen Stadien verzögern.
7. Leitlinien
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
8. Literatur
- Hurst LC, Badalamente MA, Hentz VR, et al. Injectable collagenase clostridium histolyticum for Dupuytren's contracture. N Engl J Med. 2009;361(10):968-979.
- Seegenschmiedt MH, Keilholz L, Wielpütz M, Schubert C. Long-term outcome of radiotherapy for early stage Dupuytren's disease: a phase III clinical study. Radiother Oncol. 2012.
- van Rijssen AL, ter Linden H, Werker PM. Five-year results of a randomized clinical trial on treatment in Dupuytren's disease: percutaneous needle fasciotomy versus limited fasciectomy. Plast Reconstr Surg. 2012;129(2):469-477.
- Aktuelle Leitlinien zu diesem Krankheitsbild finden Sie über die Suche im AWMF-Register.
- Hindocha S, McGrouther DA, Bayat A. Epidemiological evaluation of Dupuytren's disease incidence and prevalence rates in relation to etiology. Hand. 2009;4(3):256-269.
- Wikipedia, Artikel „Morbus Dupuytren“: Morbus Dupuytren (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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