Distale Radiusfraktur (Handgelenksbruch, Colles-/Smith-Fraktur)
Orthopädie – Hand
1. Woher kommt der Name?
„Distale Radiusfraktur“ heißt übersetzt: Bruch der Speiche (Radius) nahe dem Handgelenk (distal = körperfern). Die Speiche ist einer der beiden Unterarmknochen. Der Bruch wird oft nach dem irischen Chirurgen Abraham Colles benannt, der ihn 1814 beschrieben hat: Die Colles-Fraktur entsteht beim Sturz auf die nach oben gestreckte Hand. Das Gegenstück ist die Smith-Fraktur, die beim Sturz auf die gebeugte Hand entsteht.
2. Was ist das?
Der Knochenbruch liegt in dem Abschnitt der Speiche, der 2–3 cm oberhalb des Handgelenkspalts beginnt – dort, wo der Knochen breiter wird und etwas weicher gebaut ist. Es ist mit Abstand der häufigste Knochenbruch des Menschen. Ärztinnen und Ärzte teilen den Bruch nach der internationalen Einteilung der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen ein: A = der Bruch bleibt außerhalb des Gelenks, B = der Bruch reicht teilweise in das Gelenk, C = der Bruch zieht vollständig durch die Gelenkfläche.
2.1 Wie häufig ist der Handgelenksbruch?
Jedes Jahr erleiden 200–300 von 100.000 Menschen einen solchen Bruch. Es gibt zwei Altersgruppen, in denen er besonders häufig ist: junge Sportlerinnen und Sportler (Unfälle mit großer Krafteinwirkung) und ältere Menschen mit Knochenschwund (Osteoporose), bei denen schon ein leichter Sturz genügt. 75 % der Speichenbrüche im höheren Alter betreffen Frauen.
2.2 Ursachen und Entstehung
Ursache ist meist ein Sturz auf die ausgestreckte Hand (Colles-Fraktur) oder auf die gebeugte Hand (Smith-Fraktur). Bei älteren Menschen ist ein solcher Bruch ein wichtiger Hinweis auf einen Knochenschwund.
3. Beschwerden
- Sofortiger Schmerz im Handgelenk nach dem Sturz
- Schwellung und Bluterguss
- Bei einer verschobenen Colles-Fraktur eine typische Fehlstellung: Von der Seite betrachtet sieht das Handgelenk aus wie eine Gabel (Ärztinnen und Ärzte sprechen von der „Fourchette“-Fehlstellung)
- Eingeschränkte Beweglichkeit
- Wichtig ist die Prüfung von Gefühl und Durchblutung der Hand – der Mittelnerv (der große Nerv in der Mitte des Handgelenks) kann durch den Bruch gedrückt oder verletzt werden
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Körperliche Untersuchung mit Prüfung von Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl der Hand.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild des Handgelenks von oben und von der Seite. Darauf werden die Maße der Speiche beurteilt:
- Länge der Speiche im Vergleich zur Elle (normal 10–13 mm)
- Neigung der Gelenkfläche zur Seite (normal 21–25°)
- Neigung der Gelenkfläche zur Handinnenseite (normal 10–12°)
- Stufen in der Gelenkfläche und Passgenauigkeit der Gelenkflächen
Eine Computer-Röntgenschichtaufnahme wird bei komplizierten Brüchen gemacht, die durch die Gelenkfläche ziehen (Typ C).
4.2 Blutuntersuchungen
Vor einer Operation werden Blutbild, Gerinnungswerte, Blutsalze sowie Nieren- und Leberwerte bestimmt. Bei älteren Frauen, deren Bruch durch einen leichten Sturz entstanden ist, wird zusätzlich auf Knochenschwund untersucht: Knochendichtemessung, Vitamin-D-Wert im Blut und grundlegende Blutwerte.
5. Behandlung
Behandlung ohne Operation
- Nicht verschobene Brüche und Brüche außerhalb des Gelenks: Der Bruch wird ohne Operation eingerichtet und 4–6 Wochen im Gips ruhiggestellt
- Röntgen-Kontrollen nach 1, 2 und 4 Wochen, um zu prüfen, dass der Bruch in richtiger Stellung bleibt
Operation
- Platte an der Handinnenseite: Die Bruchstücke werden mit einer Metallplatte und Schrauben verbunden, die fest in der Platte verankert sind (winkelstabil). Das ist heute das Standardverfahren bei unsicheren Brüchen und bei Brüchen, die in das Gelenk reichen (operative Stabilisierung eines Knochenbruchs)
- Dünne Metalldrähte (Kirschner-Drähte) bei Brüchen außerhalb des Gelenks
- Ein äußeres Haltegestell (Metallstifte durch die Haut in den Knochen, außen durch einen Rahmen verbunden) bei schwer zertrümmerten Brüchen
Nachbehandlung
- Nach einer Platte an der Handinnenseite darf früh mit Bewegungsübungen begonnen werden
- Alltagstraining mit Therapeuten und Handtherapie
- Vorbeugung gegen Blutgerinnsel (Thrombose), je nachdem, wie beweglich Sie sind
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Alle genannten Maßnahmen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Nach einem Bruch durch einen leichten Sturz gehört es verpflichtend zur Behandlung, einen Knochenschwund abzuklären und zu behandeln, damit weitere Brüche verhindert werden.
6. Wie geht es weiter?
Wenn der Bruch in seine ursprüngliche Form zurückgebracht wird, ist die Funktion der Hand in 70–80 % der Fälle gut. Mögliche Komplikationen: ein komplexes regionales Schmerzsyndrom (Morbus Sudeck, 3–5 %), ein bleibender Gelenkverschleiß, wenn die Gelenkfläche in Fehlstellung verheilt, und selten eine Schädigung des Mittelnervs. Bei älteren Menschen verbessern eine Betreuung durch die Altersmedizin bei Gebrechlichkeit und eine Behandlung des Knochenschwunds den weiteren Verlauf.
7. Leitlinien
- AWMF 012-015 · Distale Radiusfraktur
→ Im AWMF-Register nach 012-015 suchen
8. Literatur
- MacIntyre NJ, Dewan N. Epidemiology of distal radius fractures and factors predicting risk and prognosis. J Hand Ther. 2016;29(2):136-145.
- Mulders MAM, Walenkamp MMJ, van Dieren S, et al. Volar Plate Fixation Versus Plaster Immobilization in Acceptably Reduced Extra-Articular Distal Radial Fractures. J Bone Joint Surg Am. 2019;101(9):787-796.
- Chung KC, Kim HM, Malay S, Shauver MJ; WRIST Group. The Wrist and Radius Injury Surgical Trial: 24-Month Outcomes From a Multicenter International Randomized Clinical Trial. Plast Reconstr Surg. 2020.
- DGU S2e-Leitlinie Distale Radiusfraktur (AWMF 012-015).
- Wikipedia, Artikel „Distale Radiusfraktur“: Distale Radiusfraktur (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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