Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) (Morbus Sudeck, Sudeck-Dystrophie, Algodystrophie, Reflexdystrophie)
Schmerzmedizin
1. Woher kommt der Name?
Die Erkrankung ist nach dem Hamburger Chirurgen Paul Sudeck (1866–1945) benannt, der sie im Jahr 1900 als „akuten, nervlich bedingten Knochenschwund“ beschrieb. Die internationale Bezeichnung lautet heute komplexes regionales Schmerzsyndrom (englisch „Complex Regional Pain Syndrome“, in Arztbriefen abgekürzt CRPS). Sie wurde 1994 von der internationalen Schmerz-Fachgesellschaft eingeführt und beschreibt besser, dass die Erkrankung viele verschiedene Seiten hat. Die ältere Bezeichnung „Algodystrophie“ betont den Schmerz und die Störungen der Gewebeernährung.
2. Was ist das?
Das komplexe regionale Schmerzsyndrom ist ein langanhaltender Schmerzzustand, der in keinem Verhältnis zum ursprünglichen Auslöser steht. Es betrifft typischerweise einen Arm oder ein Bein nach einer Verletzung (Knochenbruch, Operation, Verstauchung, längere Ruhigstellung). Kennzeichnend sind Schmerzen sowie Störungen des Gefühls, der Durchblutung, der Schweißbildung, der Beweglichkeit und der Gewebeernährung, die nicht mehr zur ursprünglichen Verletzung passen. Die internationale Schmerz-Fachgesellschaft unterscheidet zwei Formen:
- Typ I (früher Morbus Sudeck): ohne nachweisbare Nervenverletzung
- Typ II (früher Kausalgie): mit nachweisbarer Nervenverletzung
2.1 Wie häufig ist das?
Jedes Jahr erkranken etwa 5–26 von 100.000 Menschen neu. Nach einem Bruch der Speiche nahe dem Handgelenk entwickeln 3–7 % der Betroffenen ein komplexes regionales Schmerzsyndrom. Frauen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer; am häufigsten tritt es zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf. Arme sind häufiger betroffen als Beine.
2.2 Ursachen und Entstehung
Die Entstehung hat viele Ursachen und ist noch nicht vollständig verstanden. Beteiligt sind:
- Überempfindlichkeit der Nerven im betroffenen Körperteil: Entzündungsreaktion, aggressive Sauerstoffverbindungen, Entzündungs-Botenstoffe
- Überempfindlichkeit im Gehirn und Rückenmark: Der Bereich der Hirnrinde, der die Empfindungen des betroffenen Körperteils verarbeitet, ordnet sich um und wird größer
- Fehlsteuerung des unwillkürlichen Nervensystems: Veränderungen in dem Teil des Nervensystems, der Durchblutung und Schweißbildung steuert
- Seelische Einflüsse: Stress, Angst, die Neigung, das Schlimmste zu befürchten
- Vorgänge der körpereigenen Abwehr: Antikörper gegen eigenes Gewebe, leichte Entzündung
3. Beschwerden
Die Diagnose wird nach den Budapest-Kriterien (2012) gestellt. Die Patientin oder der Patient muss mindestens eine Beschwerde aus mindestens drei der vier folgenden Gruppen berichten, und die Ärztin oder der Arzt muss mindestens ein Zeichen aus mindestens zwei Gruppen feststellen (für Forschungszwecke: aus allen vier Gruppen):
- Gefühl: verstärktes Schmerzempfinden, Schmerz schon bei leichter Berührung
- Durchblutung: Temperaturunterschied zur Gegenseite, veränderte Hautfarbe, wechselnde Färbung
- Schweißbildung und Schwellung: Schwellung, vermehrtes oder vermindertes Schwitzen
- Bewegung und Gewebeernährung: verminderte Beweglichkeit, weniger Kraft, Zittern, unwillkürliche Muskelanspannung, Veränderungen von Haaren, Nägeln und Haut
Klassisch – heute nicht mehr zwingend – werden drei Stadien beschrieben:
- Stadium I (1–3 Monate): brennender Schmerz, Rötung, Überwärmung, Schwellung, vermehrtes Schwitzen
- Stadium II (3–12 Monate): kühle, glänzende Haut, Veränderungen an Haaren und Nägeln, Muskelschwund, Gelenksteife
- Stadium III (über 12 Monate): Gelenkversteifungen, ausgeprägter Gewebeschwund, bleibende Fehlstellungen
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird in erster Linie anhand der Beschwerden und der körperlichen Untersuchung nach den Budapest-Kriterien gestellt. Bilder und Blutwerte dienen der Unterstützung und dem Ausschluss anderer Erkrankungen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Knochenszintigraphie in drei Phasen: im Frühstadium (Stadium I–II) sehr aussagekräftig – in der dritten Phase reichert sich die Substanz vermehrt rund um die Gelenke an.
Röntgenbild beider Arme oder Beine im Seitenvergleich: fleckiger Knochenschwund rund um die Gelenke („Entkalkung“), im späteren Verlauf schmalere Gelenkspalten.
Kernspin-Untersuchung: Wasseransammlung in Weichteilen und Knochenmark, Gelenkergüsse – unterstützende Befunde.
Wärmebildaufnahmen, eine genaue Messung der Empfindungsschwellen sowie Tests der Schweißbildung können den Befund ergänzen.
4.2 Blutuntersuchungen
Es gibt keine Blutwerte, die das komplexe regionale Schmerzsyndrom beweisen. Zum Ausschluss anderer Ursachen:
- Entzündungswerte im Blut und Blutbild (Ausschluss einer Infektion)
- D-Dimere (ein Blutwert, der auf ein Blutgerinnsel hinweisen kann – Ausschluss einer Thrombose)
- Bei Bedarf Rheuma-Antikörper im Blut und Harnsäure
4.3 Welche anderen Erkrankungen ähnlich aussehen können
- Blutgerinnsel in einer tiefen Vene (Thrombose)
- Wundinfektion, eitrige Entzündung des Unterhautgewebes, Wundrose
- Verletzung eines Nervs im Arm oder Bein
- Gefährlicher Druckanstieg in einer Muskelloge (Kompartment-Syndrom)
- Rheumatische Erkrankungen (Schub einer rheumatoiden Arthritis, Gelenkentzündung als Reaktion auf eine Infektion)
- Erkrankung vieler Nerven zugleich (Polyneuropathie)
- Entzündung von Nerven und Muskeln
5. Behandlung
Die Behandlung folgt der Behandlungsleitlinie zum komplexen regionalen Schmerzsyndrom (Register-Nummern 030-116 und 041-004). Entscheidend ist ein früher Beginn – je früher, desto besser der Verlauf. Die Behandlung kombiniert mehrere Verfahren und Fachrichtungen (kombinierte Schmerzbehandlung).
Krankengymnastik und Alltagstraining mit Therapeuten (Kernstück der Behandlung)
- Bewegungstraining, das sich nach dem Schmerz richtet
- Spiegeltherapie: Die gesunde Seite wird vor einem Spiegel bewegt, so dass das Gehirn die Bewegung der kranken Seite „sieht“
- Abgestuftes Bewegungs-Vorstellungstraining: erst Erkennen von rechts und links auf Bildern, dann Bewegungen in der Vorstellung, dann Spiegeltherapie
- Gewöhnung der Haut an Berührungsreize
- Aktive Bewegung im schmerzfreien Bereich, kein gewaltsames Dehnen durch die Therapeutin oder den Therapeuten
- Training von Wahrnehmung und Bewegung
Behandlung mit Medikamenten
- Entzündungshemmende Schmerzmittel, Metamizol im Frühstadium
- Knochenschützende Medikamente (zum Beispiel Pamidronat, Alendronat): gut belegte Wirkung im Frühstadium, wenn der Knochen beteiligt ist
- Kortison: Prednisolon kurzzeitig im Frühstadium
- Gabapentin oder Pregabalin (Medikamente gegen Nervenschmerzen): wenn Nervenschmerzen im Vordergrund stehen
- Amitriptylin oder Duloxetin (stimmungsaufhellende Medikamente, die auch Schmerzen dämpfen): bei Schlafstörungen und begleitender Depression
- Calcitonin (ein Hormon, das den Knochenabbau bremst): Nutzen nicht sicher belegt
- Ketamin (ein Narkosemittel, als Infusion, außerhalb der amtlichen Zulassung): in Spezialzentren bei schweren Verläufen
Eingriffe an den Nerven
- Betäubung des unwillkürlichen Nervensystems (Spritze an das Nervengeflecht am Hals oder an der Lendenwirbelsäule) – Nutzen uneinheitlich belegt, nicht routinemäßig
- Rückenmarkstimulation: wenn andere Behandlungen nicht wirken; die Schmerzlinderung ist gut belegt
- Schmerzpumpen, die das Medikament direkt an das Rückenmark abgeben: in Einzelfällen
Psychotherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie (Umgang mit Schmerz und belastenden Gedanken), Behandlung von Ängsten
- Akzeptanz- und Commitment-Therapie (eine Form der Verhaltenstherapie, die das Annehmen des Schmerzes und das Handeln nach eigenen Werten übt)
- Entspannungsverfahren
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die kombinierte Schmerzbehandlung, Krankengymnastik und Alltagstraining, Psychotherapie, knochenschützende Medikamente (außerhalb der amtlichen Zulassung, Entscheidung im Einzelfall), die Betäubung des unwillkürlichen Nervensystems und die Rückenmarkstimulation sind bei anerkanntem Grund Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Besonders in Spezialambulanzen und Schmerzkliniken ist die Versorgung gut organisiert.
6. Wie geht es weiter?
Bei früher und konsequenter Behandlung bessern sich die Beschwerden bei 50–70 % der Betroffenen innerhalb eines Jahres deutlich. Eine späte Diagnose und eine unzureichende Behandlung können dazu führen, dass der Schmerz dauerhaft bleibt und die Funktion des Arms oder Beins bleibend eingeschränkt ist. Seelische und soziale Einflüsse wirken sich erheblich auf den Verlauf aus. Im Mittelpunkt steht die aktive, an den Schmerz angepasste Bewegungsbehandlung, verbunden mit Aufklärung und unterstützenden Medikamenten.
7. Leitlinien
- AWMF 030-116 · Komplexes Regionales Schmerzsyndrom (CRPS)
→ Im AWMF-Register nach 030-116 suchen - AWMF 041-004 · Diagnose und Therapie des CRPS
→ Im AWMF-Register nach 041-004 suchen
8. Literatur
- Harden RN, Oaklander AL, Burton AW, et al. Complex regional pain syndrome: practical diagnostic and treatment guidelines, 4th edition. Pain Med. 2013;14(2):180-229.
- Birklein F, Dimova V. Complex regional pain syndrome-up-to-date. Pain Rep. 2017;2(6):e624.
- Maihöfner C, Seifert F, Markovic K. Complex regional pain syndromes: new pathophysiological concepts and therapies. Eur J Neurol. 2010;17(5):649-660.
- DGN S1-Leitlinie CRPS (AWMF 030-116).
- Gierthmühlen J, Maier C, Baron R, et al. Sensory signs in complex regional pain syndrome and peripheral nerve injury. Pain. 2012;153(4):765-774.
- Sudeck P. Über die akute entzündliche Knochenatrophie. Arch Klin Chir. 1900;62:147-156 (historisch).
- Wikipedia, Artikel „Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS)“: Komplexes regionales Schmerzsyndrom (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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