Coxarthrose (Hüftgelenksarthrose, Hüftarthrose)
Orthopädie – Hüfte
1. Woher kommt der Name?
Der Name Coxarthrose setzt sich zusammen aus dem lateinischen coxa („Hüfte“), dem griechischen arthron („Gelenk“) und der Endung -ose, die einen Verschleißvorgang bezeichnet. Auf Deutsch heißt die Erkrankung Hüftgelenksverschleiß oder Hüftarthrose. Im Englischen wird sie „Hip Osteoarthritis“ genannt.
2. Was ist das?
Die Coxarthrose ist ein langsam fortschreitender Gelenkverschleiß des Hüftgelenks. Zuerst wird der glatte Gelenkknorpel geschädigt. In der Folge verändern sich auch der Knochen unter dem Knorpel, die Gelenkkapsel, die Gelenkinnenhaut und das Gewebe rund um das Gelenk. Nach der Ursache unterscheidet man eine Hüftarthrose ohne erkennbare Ursache und Hüftarthrosen als Folge einer anderen Erkrankung. Solche Ursachen sind: eine Hüftreifungsstörung (die häufigste Ursache bei Frauen), ein Engpass im Hüftgelenk zwischen Hüftkopf und Hüftpfanne, Folgezustände nach einer Durchblutungsstörung des kindlichen Hüftkopfs (Morbus Perthes), nach einem Abrutschen des Hüftkopfs an der Wachstumsfuge im Jugendalter, ein Absterben des Hüftkopfs durch Durchblutungsstörung im Erwachsenenalter, Folgen von Verletzungen, rheumatische Grunderkrankungen sowie Stoffwechselerkrankungen.
2.1 Wie häufig ist das?
In Deutschland werden jährlich etwa 230.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt; die Hüftarthrose ist dafür der häufigste Grund. Bei den über 60-Jährigen ist bei etwa 5–10 % eine Hüftarthrose im Röntgenbild nachweisbar. Eine Hüftarthrose, die Beschwerden macht, ist seltener als ein Kniegelenksverschleiß. Schätzungsweise 25 % aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Frauen und Männer sind etwa gleich häufig betroffen, Frauen jedoch häufiger infolge einer Hüftreifungsstörung. Die wichtigsten Risikofaktoren sind: hohes Lebensalter, eine Hüftreifungsstörung, ein Engpass im Hüftgelenk, körperlich schwere Arbeit und Kontaktsportarten mit hohen Dreh- und Scherkräften auf die Hüfte.
2.2 Ursache und Entstehung
Wie beim Kniegelenksverschleiß führt ein Missverhältnis zwischen der Belastung und der Belastbarkeit des Knorpels zu einem fortschreitenden Knorpelverlust. Eine zentrale Rolle spielen mechanische Ursachen – vor allem die Hüftreifungsstörung (flaches Pfannendach, der Hüftkopf ist nicht ausreichend überdacht) und der Engpass im Hüftgelenk. Bei diesem Engpass gibt es zwei Formen: Entweder ist der Übergang vom Hüftkopf zum Schenkelhals verdickt („Cam-Typ“, nach dem englischen Wort für Nocken), oder die Hüftpfanne überdacht den Kopf zu stark („Pincer-Typ“, nach dem englischen Wort für Zange). Diese mechanischen Konflikte schädigen die Gelenklippe – einen Faserknorpelring am Rand der Pfanne – und den Knorpel im Übergangsbereich und führen schließlich zum Gelenkverschleiß. Im Knorpelgewebe selbst gehen wasserbindende Eiweißstoffe verloren, die Kollagenfasern zerfallen, und der Knochen unter dem Knorpel reagiert mit Verdichtung, Hohlräumen (Zysten) und knöchernen Randanbauten.
3. Beschwerden
- Leistenschmerz, der in den Oberschenkel ausstrahlt, gelegentlich bis ins Knie („Knieschmerz“ als Zeichen einer Hüfterkrankung – vor allem bei Kindern zu beachten!)
- Anlaufschmerz nach Ruhephasen
- Belastungsabhängiger Schmerz beim Gehen, Treppensteigen und längerem Stehen
- Frühzeitig eingeschränkte Einwärtsdrehung des Beins (oft die erste Bewegungseinschränkung)
- Schmerzen und Schwierigkeiten beim Anziehen von Socken und Schuhen
- Verändertes Gangbild: Hinken, bei dem der Oberkörper zur kranken Seite pendelt oder das Becken auf der gesunden Seite absinkt
- Beinverkürzung im fortgeschrittenen Stadium (durch Knorpelverlust und Fehlstellung)
- Ruhe- und Nachtschmerz bei schwerer Hüftarthrose
- Einschränkung der Lebensqualität und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose stützt sich auf das Gespräch über die Krankengeschichte, die körperliche Funktionsprüfung und Bilduntersuchungen. Bei der körperlichen Untersuchung werden geprüft: das Gangbild (Hinken, Schonverhalten), ein Unterschied der Beinlängen im Stehen und Liegen, die Beweglichkeit des Hüftgelenks in allen Richtungen nach einem genormten Messverfahren (besonders die Einwärtsdrehung bei 90° gebeugter Hüfte), das Stehen auf einem Bein (sinkt das Becken auf der Gegenseite ab, ist die Hüftmuskulatur geschwächt), ein Test auf einen Engpass im Hüftgelenk (das Bein wird gebeugt, zur Mitte geführt und einwärts gedreht – bei einem Engpass löst das Schmerzen aus) sowie die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule. Letztere ist wichtig, um Hüftbeschwerden von Beschwerden aus der Lendenwirbelsäule zu unterscheiden, denn beides kommt häufig zusammen vor. Zur Erfassung von Schmerz und Funktion werden genormte Fragebögen und Punktwerte eingesetzt (zum Beispiel der Harris-Hüft-Punktwert und der Arthrose-Fragebogen der Universitäten Western Ontario und McMaster).
4.1 Untersuchung mit Bildern
Die Grunduntersuchung ist ein Röntgenbild des Beckens von vorn und eine zweite Aufnahme der betroffenen Hüfte in seitlicher Ebene (Lauenstein-Aufnahme). Beurteilt werden: die Breite des Gelenkspalts, Verdichtungen des Knochens unter dem Knorpel, Hohlräume im Knochen, knöcherne Randanbauten an Pfanne und Kopf sowie verschiedene Winkelmaße, die zeigen, wie gut die Pfanne den Hüftkopf überdacht (Zentrums-Ecken-Winkel nach Wiberg, normal über 25°; Pfannendachwinkel nach Tönnis, normal unter 10°), wie der Übergang vom Kopf zum Schenkelhals geformt ist (Alpha-Winkel, bei einem Engpass vom Cam-Typ über 55°) und wie stark der Kopf gegenüber dem Hals abgesetzt ist. Der Schweregrad wird nach Tönnis in die Stufen 1 bis 4 eingeteilt.
Eine Kernspin-Untersuchung ist sinnvoll bei jungen Patientinnen und Patienten, bevor die Ursache operativ behoben wird (Beseitigung eines Engpasses, Umstellung der Hüftpfanne), um die Gelenklippe zu beurteilen; außerdem bei Verdacht auf ein Absterben des Hüftkopfs, bei unklarem Leistenschmerz und zur Darstellung von Knorpelschäden. Eine Kernspin-Untersuchung mit Kontrastmittel im Gelenk erkennt Schäden der Gelenklippe am zuverlässigsten.
Eine Computer-Röntgenschichtaufnahme wird zur Planung vor einer Operation eingesetzt, wenn komplizierte Fehlstellungen vorliegen oder die Anatomie vor dem Einsetzen eines künstlichen Gelenks schwierig ist.
Quelle: Wikimedia Commons · CC BY-SA
4.2 Blutuntersuchungen
Bei einer Hüftarthrose ohne erkennbare Ursache sind die Blutwerte unauffällig. Um andere Erkrankungen auszuschließen, werden bestimmt:
- Entzündungswerte im Blut – zum Ausschluss einer Hüftgelenksentzündung
- Rheuma-Antikörper im Blut und Autoantikörper gegen Zellkerne bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung
- Harnsäure bei Verdacht auf eine Gicht im Hüftgelenk
- Erbmerkmal HLA-B27 bei Verdacht auf eine entzündliche Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankung aus der Gruppe des Morbus Bechterew
- Eisenspeicherwert (Ferritin) und Eisensättigung bei jungen Patientinnen und Patienten zum Ausschluss einer Eisenspeicherkrankheit
5. Behandlung
Die Behandlung folgt einem Stufenkonzept nach der Behandlungsleitlinie „Koxarthrose“ der medizinischen Fachgesellschaften (Registernummer 033-001).
Behandlung ohne Operation
- Aufklärung, Gewichtsabnahme
- Gehstock oder Unterarmstütze auf der gesunden Seite (senkt die Belastung der Hüfte um bis zu 50 %)
- Krankengymnastik mit Schwerpunkt auf Kräftigung der Gesäß- und Rumpfmuskulatur, Erhalt der Beweglichkeit, Gangschulung
- Ausdauertraining (Schwimmen, Radfahren, Wassergymnastik)
- Entzündungshemmende Schmerzmittel und andere Schmerzmittel nach dem Stufenplan der Weltgesundheitsorganisation (zeitlich begrenzt und unter Beachtung der Risiken)
- Kortison-Spritze in das Gelenk (unter Bildkontrolle, da das Hüftgelenk ohne Bildkontrolle schlecht zu treffen ist)
- Die Gelenkspritze mit Hyaluronsäure ist an der Hüfte wissenschaftlich schwächer belegt als am Knie
- Akupunktur (zurzeit keine Kassenleistung speziell für die Hüfte, aber ein Verfahren der Schmerzmedizin)
Operative Behandlung
- Gelenkspiegelung der Hüfte: bei Engpass im Hüftgelenk oder Schaden der Gelenklippe, solange noch kein fortgeschrittener Verschleiß vorliegt
- Umstellung der Hüftpfanne (Operation nach Ganz): bei einer Hüftreifungsstörung mit Beschwerden bei jungen Erwachsenen – das Gelenk bleibt erhalten, ein künstliches Gelenk kann um 15–30 Jahre hinausgeschoben werden
- Künstliches Hüftgelenk: das Standardverfahren bei fortgeschrittenem Verschleiß. Es gibt Prothesen, die ohne Zement, mit Zement oder in Mischform verankert werden. Moderne Kurzschaft-Prothesen und muskelschonende Zugänge mit kleinen Schnitten (zum Beispiel von vorn oder von vorn-seitlich) verringern die Verletzung der Muskulatur. Der Zugang zum Gelenk kann von vorn-seitlich, von der Seite oder von hinten erfolgen
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die Grunduntersuchung (Röntgenbild, bei Bedarf Kernspin-Untersuchung), die Behandlung ohne Operation und alle operativen Standardverfahren einschließlich künstlichem Hüftgelenk und Wechseloperationen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Gelenkspritzen mit Hyaluronsäure und die Eigenblutbehandlung sind Selbstzahlerleistungen. Komfort-Einlagen, zusätzliche Rehabilitationsmaßnahmen außerhalb der üblichen Nachbehandlung, eine privat eingeholte zweite ärztliche Meinung und besondere Wunschprothesen müssen teilweise selbst bezahlt werden. Gehstützen werden als Hilfsmittel auf Rezept erstattet.
6. Wie geht es weiter?
Das künstliche Hüftgelenk gehört zu den erfolgreichsten Operationen der Medizin. Nach 15 Jahren sind noch über 90 % der Prothesen in Funktion, über 90 % der Patientinnen und Patienten sind zufrieden, und die Verbesserung der Beweglichkeit und Belastbarkeit ist in der Regel sehr groß. Frühzeitig durchgeführte gelenkerhaltende Operationen (Umstellung der Hüftpfanne, Gelenkspiegelung) können das künstliche Gelenk um viele Jahre hinausschieben. Mögliche Komplikationen: Ausrenkung der Prothese (1–3 %), Infektion am Kunstgelenk (1–2 %), Lockerung der Prothese ohne Infektion, Knochenbruch neben der Prothese.
7. Leitlinien
- AWMF 033-001 · Koxarthrose
→ Im AWMF-Register nach 033-001 suchen
8. Literatur
- Murphy NJ, Eyles JP, Hunter DJ. Hip Osteoarthritis: Etiopathogenesis and Implications for Management. Adv Ther. 2016;33(11):1921-1946.
- Lespasio MJ, Sultan AA, Piuzzi NS, et al. Hip Osteoarthritis: A Primer. Perm J. 2018;22:17-084.
- Ganz R, Parvizi J, Beck M, et al. Femoroacetabular impingement: a cause for osteoarthritis of the hip. Clin Orthop Relat Res. 2003;417:112-120.
- Wyles CC, Heidenreich MJ, Jeng J, et al. The John Charnley Award: redefining the natural history of osteoarthritis in patients with hip dysplasia and impingement. Clin Orthop Relat Res. 2017;475(2):336-350.
- DGOOC S2k-Leitlinie Koxarthrose (AWMF-Registernr. 033-001).
- Tönnis D. Die operative Behandlung der Hüftdysplasie. Z Orthop. 1987.
- Ziller P, Kohlhof H. Endoprothetik des Hüftgelenks: Übersicht. OUP 2020.
- Wikipedia, Artikel „Coxarthrose“: Coxarthrose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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