Chondrokalzinose (Pseudogicht, CPPD-Kristallarthropathie, Calciumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit)
Rheumatologie
1. Woher kommt der Name?
Der Name setzt sich aus dem griechischen Wort chondros („Knorpel“) und dem lateinischen Wort calx („Kalk“) zusammen. Er bezeichnet die Ablagerung von Kalzium-Kristallen im Knorpel. Der zweite Name „Pseudogicht“ (Schein-Gicht) weist darauf hin, dass die Beschwerden einem Gichtanfall sehr ähnlich sind – auch wenn es sich um andere Kristalle handelt.
2. Was ist das?
Die Chondrokalzinose ist eine Gelenkerkrankung, die durch Kristalle ausgelöst wird. Dabei lagern sich Kristalle aus Kalzium-Pyrophosphat (einer Kalzium-Verbindung) in Knorpel und Gelenken ab. Man unterscheidet:
- Chondrokalzinose ohne Beschwerden: Die Kalkablagerungen fallen zufällig auf einem Röntgenbild auf
- Akute Pseudogicht: eine plötzliche Gelenkentzündung durch die Kristalle, ähnlich einem Gichtanfall
- Langanhaltende Gelenkentzündung durch die Kristalle: mehrere Gelenke sind betroffen, das Bild ähnelt der rheumatoiden Arthritis (dem entzündlichen Gelenkrheuma)
- Gelenkerkrankung mit Verschleißveränderungen: ein zerstörender Gelenkverschleiß, oft an ungewöhnlichen Stellen (Handgelenk, Schulter)
2.1 Wie häufig ist die Chondrokalzinose?
Die Häufigkeit steigt mit dem Alter: Etwa 30 % der Menschen über 80 Jahren haben Kalkablagerungen im Knorpel, die auf dem Röntgenbild sichtbar sind. Beschwerden entwickeln deutlich weniger Menschen. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen. Am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr auf.
2.2 Ursachen und Entstehung
Im Knorpel entsteht ein Überangebot an Pyrophosphat (einer Phosphat-Verbindung), während zugleich zu wenig von einem bestimmten Enzym (der alkalischen Phosphatase) vorhanden ist, das Pyrophosphat abbaut. Dadurch verkalkt der Knorpel, und es bilden sich Kalzium-Pyrophosphat-Kristalle. Meist gibt es keine erkennbare Ursache. Die Erkrankung kann aber auch Folge anderer Erkrankungen sein:
- Überfunktion der Nebenschilddrüsen (Hyperparathyreoidismus)
- Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose)
- Magnesiummangel im Blut
- Phosphatmangel im Blut
- Schilddrüsenunterfunktion
- Erbliche Formen (selten)
3. Beschwerden
Akute Pseudogicht (plötzlicher Anfall)
- Plötzlich einsetzender, heftiger Gelenkschmerz
- Rötung, Schwellung, Überwärmung des Gelenks
- Häufig betroffen: Knie, Handgelenk, Schulter, Sprunggelenk (im Unterschied zur Gicht, die meist am Großzehengrundgelenk beginnt)
- Dauer: 1–3 Wochen, der Anfall klingt von selbst wieder ab
- Fieber, eine erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen und erhöhte Entzündungswerte sind möglich – deshalb muss eine Gelenkentzündung durch Bakterien ausgeschlossen werden!
Langanhaltende Formen
- Entzündung mehrerer Gelenke auf beiden Körperseiten, ähnlich dem entzündlichen Gelenkrheuma – allerdings sind die Rheuma-Antikörper im Blut meist nicht nachweisbar
- Zerstörender Gelenkverschleiß an ungewöhnlichen Stellen (Handgelenk, Fingergrundgelenke, Schulter)
- Häufig besteht zusätzlich ein gewöhnlicher Gelenkverschleiß an den typischen Stellen
Seltene Formen
- Kristallablagerungen um den Zahnfortsatz des zweiten Halswirbels (Ärztinnen und Ärzte sprechen vom „Crowned-dens-Syndrom“, auf Deutsch etwa „gekrönter Zahnfortsatz“): Dadurch entstehen plötzliche Nackenschmerzen mit Fieber – eine Hirnhautentzündung muss dann ausgeschlossen werden!
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die sicherste Untersuchung ist der Nachweis der Kalzium-Pyrophosphat-Kristalle in der Gelenkflüssigkeit. Dazu wird Flüssigkeit aus dem Gelenk entnommen (Entnahme von Gelenkflüssigkeit) und unter einem besonderen Mikroskop mit polarisiertem Licht betrachtet. Die Kristalle sind rautenförmig und brechen das Licht nur schwach – sie werden deshalb leicht übersehen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Röntgenbild: zeigt die typischen Verkalkungen in
- Gelenkknorpel (linienförmige Verkalkungen, die parallel zum Gelenkspalt verlaufen)
- Faserknorpel: Meniskus im Knie (fast beweisend für die Erkrankung), dreieckige Knorpelscheibe im Handgelenk, Schambeinfuge
- Gelenkkapseln, Bändern, Sehnen
Ultraschalluntersuchung: Die Ablagerungen erscheinen als helle Bänder im Gelenkknorpel. Bei der Gicht gibt es ein ähnliches Bild – dort liegen die Ablagerungen aber auf dem Knorpel, bei der Chondrokalzinose im Knorpel.
Computer-Röntgenschichtaufnahme mit zwei Energiestufen: Diese besondere Technik kann zusätzlich helfen, die Art der Kristalle zu unterscheiden.
4.2 Blutuntersuchungen
- Im Anfall sind die Entzündungswerte im Blut und die Zahl der weißen Blutkörperchen oft erhöht
- Die Harnsäure ist normal (das unterscheidet die Erkrankung von der Gicht)
- Suche nach einer zugrunde liegenden Erkrankung:
- Kalzium, Phosphat und Nebenschilddrüsenhormon (Überfunktion der Nebenschilddrüsen)
- Eisenspeicherwert (Ferritin) und Sättigung des Eisen-Transporteiweißes (Eisenspeicherkrankheit)
- Magnesium (Magnesiummangel)
- Alkalische Phosphatase (ein Enzym des Knochenstoffwechsels)
- Schilddrüsenwert
5. Behandlung
Plötzlicher Anfall
- Entzündungshemmende Schmerzmittel in voller Dosis
- Das Gichtmittel Colchicin, 0,5 mg zwei- bis viermal täglich
- Spritze mit Kortison in das Gelenk – erst, wenn eine Gelenkentzündung durch Bakterien ausgeschlossen ist
- Kühlung und Ruhigstellung
Langanhaltende Form mit wiederkehrenden Anfällen
- Dauerbehandlung mit dem Gichtmittel Colchicin (0,5 mg ein- bis zweimal täglich)
- Entzündungshemmende Schmerzmittel in niedriger Dosis
- Das Rheuma-Basismedikament Methotrexat, wenn der Verlauf dem entzündlichen Gelenkrheuma ähnelt
- Das Rheuma- und Malariamittel Hydroxychloroquin (außerhalb der amtlichen Zulassung für diese Erkrankung)
- Medikamente, die den Entzündungs-Botenstoff Interleukin-1 blockieren (Anakinra, Canakinumab), wenn andere Behandlungen nicht wirken
Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung
Bei einer Überfunktion der Nebenschilddrüsen: Operation. Bei der Eisenspeicherkrankheit: Aderlässe. Bei Magnesiummangel: Magnesium einnehmen. Die bereits abgelagerten Kristalle lassen sich jedoch meist nicht mehr rückgängig machen.
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Die übliche Behandlung (entzündungshemmende Schmerzmittel, Colchicin, Kortison, Methotrexat, Hydroxychloroquin) und die Untersuchungen (Röntgenbild, Ultraschalluntersuchung, Entnahme von Gelenkflüssigkeit) bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Die Medikamente gegen den Entzündungs-Botenstoff Interleukin-1 sind für diese Erkrankung nicht amtlich zugelassen; die Kosten können im Einzelfall übernommen werden.
6. Wie geht es weiter?
Der plötzliche Anfall der Pseudogicht klingt von selbst wieder ab. Bei den langanhaltenden Formen kehren die Beschwerden immer wieder, und die Gelenke können zunehmend geschädigt werden. Die Lebenserwartung ist nicht verringert. Wichtig ist, eine zugrunde liegende Erkrankung zu behandeln, wenn es eine gibt. Je ausgedehnter die Kristallablagerungen sind, desto höher ist das Risiko für einen zerstörenden Gelenkverschleiß.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Chondrokalzinose (CPPD)
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Abhishek A, Doherty M. Update on calcium pyrophosphate deposition. Clin Exp Rheumatol. 2016;34(4 Suppl 98):32-38.
- Zhang W, Doherty M, Bardin T, et al. European League Against Rheumatism recommendations for calcium pyrophosphate deposition. Part II: management. Ann Rheum Dis. 2011;70(4):571-575.
- Rosenthal AK, Ryan LM. Calcium Pyrophosphate Deposition Disease. N Engl J Med. 2016;374(26):2575-2584.
- Neame RL, Carr AJ, Muir K, Doherty M. UK community prevalence of knee chondrocalcinosis: evidence that correlation with osteoarthritis is through a shared association with osteophyte. Ann Rheum Dis. 2003;62(6):513-518.
- Abhishek A, Neogi T, Choi H, et al. The 2023 ACR/EULAR Classification Criteria for Calcium Pyrophosphate Deposition Disease. Arthritis Rheumatol. 2023;75(10):1703-1713.
- Wikipedia, Artikel „Chondrokalzinose“: Chondrokalzinose (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
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