Angeborener Schiefhals (Torticollis muscularis congenitus)
Kinderorthopädie
1. Woher kommt der Name?
Der ärztliche Name Torticollis muscularis congenitus kommt aus dem Lateinischen: tortus bedeutet „gedreht“ und collum „Hals“. „Muscularis“ (den Muskel betreffend) weist darauf hin, dass die Ursache eine Verkürzung des Kopfwendemuskels ist, und „congenitus“ heißt „angeboren“.
2. Was ist das?
Beim angeborenen Schiefhals ist der Kopfwendemuskel an einer Halsseite verkürzt und/oder bindegewebig vernarbt. Dieser Muskel zieht vom Brustbein und Schlüsselbein schräg hinauf zum Schädel hinter dem Ohr. Durch die Verkürzung hält das Kind den Kopf schief zur betroffenen Seite geneigt, und das Kinn ist zur Gegenseite gedreht. Bei 20–30 % der betroffenen Kinder lässt sich im Muskel eine Verhärtung tasten, die wie ein kleiner Knoten wirkt (sogenannter „Geburtstumor“ – keine Geschwulst, sondern verdicktes Muskelgewebe).
2.1 Wie häufig ist das?
Der angeborene Schiefhals tritt bei 0,3–2 % aller Geburten auf. Bei 10–20 % der betroffenen Kinder besteht zusätzlich eine Hüftreifungsstörung – deshalb muss bei jedem Kind mit Schiefhals die Hüfte untersucht werden! Der Schiefhals ist häufiger nach einer Geburt aus Steißlage, bei Mehrlingen und bei Erstgeborenen.
2.2 Ursache und Entstehung
Die Ursache ist nicht geklärt. Es gibt mehrere Erklärungsversuche: Druck auf den Hals in der Gebärmutter, eine Verletzung des Muskels rund um die Geburt, ein angeborener Druckanstieg in der Muskelhülle, der den Muskel schädigt, oder eine gestörte Durchblutung des Muskels.
3. Beschwerden
- Der Kopf ist zur betroffenen Seite geneigt, das Kinn zur Gegenseite gedreht
- Der Kopf lässt sich auch von außen nur eingeschränkt drehen und zur Seite neigen
- Im Kopfwendemuskel ist ein harter Strang oder eine Verdickung tastbar
- Gesicht und Schädel werden ungleich geformt (Schädelverformung), weil das Kind immer auf derselben Seite liegt
- Bei langem Verlauf bildet sich der Muskel zurück
3.1 Bilder
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4. Untersuchung
Die Diagnose wird durch die körperliche Untersuchung und das Abtasten des Muskels gestellt. Unbedingt erforderlich ist zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung der Hüften, um eine Hüftreifungsstörung zu erkennen oder auszuschließen.
4.1 Untersuchung mit Bildern
Mit einer Ultraschalluntersuchung des Muskels lässt sich die Vernarbung darstellen und von anderen Ursachen wie Geschwülsten abgrenzen. Ein Röntgenbild der Halswirbelsäule ist nur nötig, wenn der Verdacht auf eine Fehlbildung der Halswirbel besteht (zum Beispiel miteinander verwachsene Halswirbel beim Klippel-Feil-Syndrom oder nur halb angelegte Wirbel).
4.2 Blutuntersuchungen
Die Blutwerte sind unauffällig.
4.3 Andere mögliche Ursachen eines Schiefhalses
- Schiefhals durch Fehlbildung der Knochen (Klippel-Feil-Syndrom mit verwachsenen Halswirbeln, halb angelegte Wirbel)
- Schiefhals durch die Augen (Teillähmung eines Augenmuskels, die das Kind durch eine Kopfschiefhaltung ausgleicht)
- Schiefhals durch eine Erkrankung der Nerven
- Schiefhals durch eine Entzündung (Grisel-Syndrom: Lockerung der oberen Kopfgelenke nach einer Entzündung im Hals-Rachen-Bereich)
- Symmetriestörung durch die Kopfgelenke (sogenanntes KISS-Syndrom)
5. Behandlung
Frühzeitige Krankengymnastik (Behandlung der Wahl)
- Krankengymnastik nach Vojta oder nach Bobath – zwei spezielle Behandlungsverfahren für Säuglinge und Kleinkinder
- Dehnungsübungen, die die Eltern erlernen und zu Hause durchführen: vorsichtiges Drehen und Seitneigen des Kopfes
- Lagerung: Lagerungshilfen und regelmäßiger Wechsel der Liegeposition
- Die Behandlung beginnt, sobald die Diagnose gestellt ist – am besten im ersten Lebenshalbjahr
Wenn die Behandlung nach dem ersten Lebensjahr nicht ausreichend wirkt
- Operation am Muskel: Die Sehne des Kopfwendemuskels wird durchtrennt oder der Muskel verlängert – am unteren Ende, am oberen Ende oder an beiden Enden
- Nach der Operation über Monate Krankengymnastik und Lagerungsbehandlung
Behandlung der Schädelverformung
- Empfehlungen zur Lagerung des Kindes
- Bei schwerer Verformung: Behandlung mit einem Helm, der den Schädel beim Wachsen formt (zwischen dem 4. und 10. Lebensmonat)
5.1 Was die Krankenkasse bezahlt
Krankengymnastik und die Operation sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Die Helmbehandlung bei Schädelverformung bezahlt die Krankenkasse in einigen Bundesländern, sonst ist sie eine Selbstzahlerleistung.
6. Wie geht es weiter?
Wird früh behandelt, bildet sich der Schiefhals bei mehr als 90 % der Kinder vollständig zurück. Beginnt die Behandlung zu spät, kann die Schiefhaltung bestehen bleiben.
7. Leitlinien
- Suche in AWMF-Register · Angeborener Schiefhals (Torticollis muscularis)
→ AWMF-Registersuche öffnen
8. Literatur
- Kaplan SL, Coulter C, Fetters L. Physical therapy management of congenital muscular torticollis: an evidence-based clinical practice guideline. Pediatr Phys Ther. 2013;25(4):348-394.
- Nucci P, Kushner BJ, Serafino M, Orzalesi N. A multi-disciplinary study of the ocular, orthopedic, and neurologic causes of abnormal head postures in children. Am J Ophthalmol. 2005;140(1):65-68.
- Carenzio G, Carlisi E, Morani I, et al. Early rehabilitation treatment in newborns with congenital muscular torticollis. Eur J Phys Rehabil Med. 2015.
- Petronic I, Brdar R, Cirovic D, et al. Congenital muscular torticollis in children: distribution, treatment duration and outcome. Eur J Phys Rehabil Med. 2010.
- Wikipedia, Artikel „Angeborener Schiefhals“: Torticollis (allgemeinverständliche Übersicht, abgerufen Oktober 2026)
Weiterführend
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